Der Zukunft zugewandt: Das dokumentART-Festival in Neubrandenburg

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Von Frank-Burkhard Habel

„Latücht“ ist ein plattdeutscher Ausdruck für die Laterne, also das Licht in der Dunkelheit. Das ist der Neubrandenburger Latücht-Verein in mehrerlei Hinsicht. Er verfügt über internationales Renommee als Ausrichter des Festivals dokumentART, das Mitte Oktober zum 26. Mal über die Leinwand ging, in einer Stadt, die kulturelle Aktivitäten dringend nötig hat. Die neue Leiterin Yun-Hua Chen, eine in Berlin lebende taiwanesische Filmkritikerin, hat begonnen, das traditionelle Dokumentarfilmfestival stärker dem Animations- und Kurzspielfilm zu öffnen. Seit diesem Jahr gilt der neue Namenszusatz „films & future“. Ebenso richtig ist aber der Gedanke, dass nur der die Zukunft gestalten kann, der Vergangenheit und Gegenwart verstanden hat. Und so hat sich eigentlich nicht allzu viel geändert.

Wer bei „Latücht“ an die Laterna magica denkt, liegt nicht völlig falsch. Zumindest jahrzehntealte Schmalfilme wurden für aktuelle Filme des Wettbewerbs mehrfach ausgeschlachtet.

So versuchte die niederländische Filmemacherin Tessa Louise Pope in „The Origin of Trouble“ u.a. mit privatem Schmalfilmmaterial zu ergründen, wie es in ihrer Kindheit zu familiären Konflikten kam.

Und Spielfilme? Auch in früheren Jahren verirrten sich beispielsweise Mockumentaries ins Programm, Filme, die vorgeben, ein Dokumentarfilm zu sein und eine fiktive Geschichte erzählen. In diesem Jahr war es beispielsweise „Nebojsa“ (Have no fear) des slowakischen Filmstudenten Jakub Gajdos. Ein Dorfpfarrer an der Grenze zu Ungarn fertigt zusammen mit seiner Mutter Jesus-Masken für seine Schäfchen an, mit denen sie sich vor den eventuellen Anfechtungen des Islams schützen sollen, eine Parodie auf religiösen Fanatismus. Zu den wenigen Kurzspielfilmen des Festivals zählte „Chitebi“ (Vögel) des Georgiers Giorgi Tkemaladze. Er bringt uns einen kleinen Jungen nah, der seine Mutter verloren hat und vielerlei Vögel fängt, die ihn zur Mutter in den Himmel bringen sollen. Doch die Großmutter macht ihm klar, dass er ihnen damit die Freiheit raubt und den Küken die Eltern. So lässt er sie frei. Tkemaladze, der auch Mitglied der internationalen Jury war, wollte seinen Film sinnbildhaft auf die angespannte Situation mit dem russischen Nachbarn verstanden wissen.

„Vögel“ lief in einer Nebenreihe des Fesivals, wie auch der seiner Jury-Kollegin Olga Khoroshavina, deren Film “Natasha“ aus dem Leben einer Transsexuellen erzählte. Leider klammerte sie einige Probleme aus, wollte auf jeden Fall gerade Russen für die Schicksale dieser Menschen sensibilisieren. Außer als Festivalbeitrag konnte der Film dort noch nicht gezeigt werden, weil das Unverständnis in Russland zu groß ist.

Der Film „Bilderkrieg“ des Baden-Württembergers Konstantin Fleming wurde schon vor einem knappen Jahr im SWR gesendet und kann nicht oft genug gezeigt werden, weil er für den Umgang mit den Medien sensibilisiert. Es ist ein Porträt des freien Kriegsfotografen Benjamin Hiller, der mit viel Engagement etwa aus Syrien, Ruanda oder dem Irak berichtet, sich in Lebensgefahr begibt und doch bei den festgefügten Finanzrahmen und der geschmäcklerischen Auswahl seiner Sujets bei den Abnehmern gerade nur sein Existenzminimum sichern kann. Sozusagen das Gegenbeispiel zeigten Sylvie Boisseau und Frank Westermeyer in „Bootstrap – die beschlossene Zukunft“. Sie erklären nicht oberflächlich und doch verständlich, was für ökonomische Beziehungen angebahnt und Finten geschlagen werden, um Wirtschaft und Finanzsektor für die Zukunft zu sichern (und dabei Luftblasen einkalkulieren). So werden (das sagen die Filmemacher wohlweislich nicht) auch Kriege finanziert.

Grotesk wirkten manche Sujets des Streifens „Nature: All Rights Reserved“ (Natur: Alle Rechte vorbehalten), weil die meist originalgetreue Nachahmung der Natur Blüten treiben kann. „Kunstblumen im Frühling sind seltsam, wie eine Erinnerung an JETZT“ hat der Arzt und Autor Bernd Lorenz mal geschrieben. Mulder zeigt Kunstrasen und Waldmotiv-Tapeten, das trügerische Südsee-Erlebnis im brandenburgischen Tropical Island, aber er vergisst auch nicht, dass die imaginierte Natur Menschen bei bestimmten Erkrankungen Linderung bringen kann. Der junge Regisseur erhielt den Preis der Stadt Neubrandenburg.

„Ich glaube an den Zweifel. Ich zweifle an meinem Glauben. Ich zweifle, an meinen Zweifel zu glauben“, hat Louis Aragon gesagt. Zu diesem Thema hat Florian Karner, Student der Filmakademie Baden-Württemberg, seinen Film „Dubito ergo sum – Ich zweifle, also bin ich“ gedreht. Er porträtiert einen Mediziner, der zwar keinen Verschwörungstheorien anhängt, aber doch glaubt, dass die Reichen und Mächtigen böse Absichten gegenüber dem Rest der Gesellschaft hegen. Da mag er nicht falsch liegen. Trotzdem ist der Arzt ein Zweifelnder, der hinterfragt und eine große soziale Kompetenz hat. Diesem Film gab die Studentenjury des Studierendenwerks Greifswald ihren Preis.

Die Hauptauszeichnung der dokART, den Latücht-Preis erhielt die japanisch-schweizerische Produktion „Half-Life in Fukushima“, wobei der erste Begriff sowohl das halbe Leben als auch die Halbwertzeit meint. Die Filmemacher Mark Olexa und Francesca Scalisi begleiteten einen japanischen Bauern, der aus Liebe zu seiner Heimat fünf Jahre nach dem Reaktorunfall in Fukushima in sein Haus innerhalb der evakuierten Zone zurückgekehrt ist. Voller Überlebenswillen und Heimatliebe entscheidet er sich, trotz der radioaktiven Gefahr auf dem Land seiner Vorfahren zu bleiben. Inmitten dieser post-apokalyptischen Landschaft kultiviert er Ackerland und züchtet Rinder. Gern hätte man die Regisseure zu den Dreharbeiten befragt, aber anders als viele andere Filmemacher waren sie nicht nach Neubrandenburg gekommen, weil sie – und das ist Glück – wieder ein Filmprojekt haben.

An Neubrandenburg als einstigen Standort des nationalen Dokumentarfilmfestivals der DDR wird immer mal wieder erinnert. In diesem Jahr zeigte der aus der DEFA stammende Altmeister Volker Koepp seinen jüngsten Film „Landstück“ (2016) und stellte fest, dass er mit diesem Dokfilm über die Gier nach Land zur bio-industriellen Nutzung in der Uckermark selten eine so angeregte Diskussion wie hier gehabt hätte.