film-tipps

 

 

von Ulrike Schirm

 

 

THE SQUARE

Der Schwede Ruben Östlund hat schon mit seinem Film „Höhere Gewalt“ gezeigt, daß er es versteht, seine Protagonisten psychologisch zu durchleuchten. War es vor gut einem Jahr noch ein Familienvater, der sich in einem entscheidenden Moment als regelrechter Feigling und Egoist entpuppte, ist es in dem Cannes-Gewinner „The Square“ ein Kurator eines der grössten Museen Stockholms. Ein smarter Typ, der auf der sogenannten Sonnenseite des Lebens steht. In der bitterbösen und gleichzeitig amüsanten Satire , bleibt einem mehr als einmal das Lachen im Halse stecken. Es beginnt mit einer Szene, in der Christian (Claes Bang) auf der Strasse in einen bedrohlich erscheinenden Tumult gerät. Eine Frau schreit um Hilfe. Beherzt geht er dazwischen und bemerkt erst später, daß ihm sein Portemonnaie und sein Handy bei dem Gerangel gestohlen wurden. Um sein Handy zurückzubekommen, setzt er die Idee eines Freundes um, indem sie einen Packen Handzettel drucken und diese in sämtliche Briefkästen in einem Haus, gelegen in einem sozialen Brennpunkt, werfen. Die Ortung seines Handys macht es möglich. Sein Hintergedanke bei der brenzligen Tat: Die vermeintliche Bloßstellung des Täters. Diese Arroganz wird ihm später noch zum Verhängnis werden. Eine durchgängige Geschichte wird nicht erzählt. Man verfolgt Szene für Szene, in denen Östlund eine Gesellschaft mit all ihren Schwächen, Eitelkeiten, ihrer Konkurrenz, ihrer Scheinheiligkeit und ihrem teilweise absurden Kunstverständnis bloßstellt. Das Museum…. eine Karikatur. Im Mittelpunkt Christian mit einer neuen Idee: Einen symbolischen Ort zu etablieren, in Form eines simplen Quadrats ( The Square), ein Refugium für Fürsorge und Vertrauen, in dem sich alle untereinander helfen. Ein sündhaft teures Kunstprojekt. Also lädt man reiche Sponsoren zu einem Festbankett ein. Um den honorigen Gästen etwas zu bieten, findet eine aussergewöhnliche Gorilla- Performance statt, bei der allerdings sämtliche Grenzen des guten Geschmacks überschritten werden. Anfänglich noch mit Gelächter bedacht, bis sie zusehends ausser Kontrolle gerät……

Um das Kunstprojekt geschickt zu bewerben und eine starke emotionale Reaktion zu provozieren, werden entsprechende Leute engagiert. Auf einem YouTube-Clip wird ein bettelndes, blondes, obdachloses kleines Mädchen gezeigt, dem etwas Übles zustösst. Christian, der mit wichtigerem beschäftigt ist, schaut nicht so genau hin und gibt sein Okay. Es kommt zu einem Eklat….

Ein Junge taucht auf. Wütend lauert er im Treppenhaus auf Christian. Er verlangt von ihm, sich bei seinen Eltern für den Drohzettel im Briefkasten zu entschuldigen, und weil das Kind keine Ruhe gibt, stösst er es die Treppe hinunter. Von schlechtem Gewissen geplagt, bemüht er sich um eine Entschuldigung. Der Skandal um das Video treibt ihn in die Enge. Bei einer Pressekonferenz versucht er sich herauszureden. Ein Pulk von Journalisten traktiert ihn mit Fragen zu seiner sozialen Einstellung. Irgendwie wollte er immer nur etwas Gutes aber ohne es zu wollen, schaffte er etwas Böses. Christian, ein Versager, wenn es um wirkliche soziale Verantwortung geht. Östlund nimmt den Zuschauer dahin mit, wo es wirklich ans „Eingemachte“geht und das tut weh. Dafür wurde „The Square“ in diesem Jahr zu recht mit der Goldenen Palme“ ausgezeichnet.
Start: 19.10.2017

 

 

HAPPY END

Die großbürgerliche Familie Laurent, Besitzer einer Baufirma, residiert in einem noblen Anwesen, nahe der Küste von Calais. In der pompös ausgestatteten Villa fehlt es an Nichts. Sündhaft teure Gemälde schmücken die Wände, gespeist wird von feinstem Geschirr, riesige Sitzlandschaften laden zum Verweilen ein. Betreut und in Ordnung gehalten wird das Luxusobjekt von marokkanischen Hausangestellten. Doch der luxuriöse Schein trügt gewaltig. Tauschen möchte man mit keiner der dort anwesenden Personen, die in dem schlossähnlichen Palast, ohne einen Funken von Empathie und Wärme für nicht einen der zahlreichen Familienmitglieder, leben. Der unterkühlte Umgang untereinander, lässt einen zutiefst frösteln. Die 13-jährige Ève (Fantine Harduin) beschäftigt sich mit ihren Filmchen auf ihrem Handy-Video. Ihre Chat-Kommentare beklagen die Eiseskälte ihrer Mutter. Das emotional gestörte Kind füttert ihren Hamster mit Schlaftabletten. Als das Tier sich nicht mehr regt, richtet sich ihr Hass direkt gegen die Mutter. Sie mischt ihr verschiedene Tabletten ins Essen, woraufhin die Mutter ins Koma fällt. „Ich war fünf und da ist mein Bruder gestorben. Es war Scheisse“, vertraut sie ihrem Smart-Phone an. Daraufhin wird sie in der Familie Laurent untergebracht, in der ihr Vater mit seiner zweiten Frau lebt. Jetzt erfährt man, wie kompliziert und verworren Verwandtschaftsverhältnisse in dieser maladen Familie sind. Salopp gesagt, das Mädchen kommt vom Regen in die Traufe. Ihr Vater betrügt die zweite Frau, mit der er ein Baby hat, mit einer Geliebten, die auf besonderen Sexpraktiken steht, der Großvater (Jean-Louis Tringtignant) versuchte sich mehrmals das Leben zu nehmen, die Madame des Hauses (Isabelle Huppert) versucht mit unlauten Mitteln und dem Beistand von Anwälten, einen Rechtsstreit wegen eines tödlichen Arbeitsunfalls in der Firma so hinzubiegen, dass die Abfindung gering ausfällt. Ausserdem steht das Bauunternehmen kurz vor der Pleite. Gerissen wie sie ist, verlobt sie sich mit einem Briten, der in London geschickt den rettenden Kredit zur Verfügung stellen soll. Der Einzige mit „gesundem Menschenverstand“ ist Pierre Laurent (Franz Rogowski) der nicht mehr in dem „Horrorhaus“ lebt. Ausgerechnet er, der sich gegen die masslose Heuchelei wehrt, der aus Verzweiflung trinkt, soll die Firma übernehmen. Natürlich ist er das Schwarze Schaf der Familie und wird von seiner Mutter mit rüder Autorität zurechtgewiesen. Man möchte fast Beifall klatschen, als er auf einer Familienfeier mit einer Gruppe afrikanischer Flüchtlinge auftaucht und die Bemerkung fallen lässt: „Das ist Jamila, unsere Sklavin. Sie ist ein wahres Gottesgeschenk“. Um die Contenance zu wahren, wird für die Flüchtlinge von Madame schnell ein Tisch freigemacht, sie dürfen an dem Essen teilnehmen.

Überhaupt, Pierre ist in dieser bitterbösen Farce, die einzige Figur, die berührt. Eine der bemerkenswertesten Szenen ist sein Auftritt in einer Karaoke Bar, in der er seine traurige Verloren- heit herzzerreißend zum Ausdruck bringt. Auch Ève ist eine traurige Gestalt, auch sie, ein Opfer von Lieblosigkeit, alleingelassen, ein Kind, was seinen Schmerz dem Smartphone in Form von Textnachrichten anvertraut, einem kalten Gerät, von dem sie keine Antworten bekommt. Wer Hanekes Filme kennt, weiss wie bitterböse sie sind und wie schwer zu verdauen.

Schon im „Weissen Band“ schaute er hinter die Fassade einer bürgerlich bigotten Familie. Noch heute erinnere ich mich schaudernd an „Funny Games“. Ein Horror, der mich tagelang nicht los liess. Nun „Happy End“, wo allein der Titel mehr als bitterböse ist. Auch wenn man etwas ratlos zurückbleibt, die „Eiseskälte“ spürt man noch Stunden danach.

Start:12.10.17

 

 

THE BOOK OF HENRY

 

Es sind oft die kleinen Vororte mit ihren idyllisch gelegenen Häusern, hinter deren Fassaden sich Dinge abspielen, die gut und gerne totgeschwiegen werden. In so einem Ort lebt die alleinerziehende Susan (Naomi Watts) mit ihren zwei Söhnen, dem achtjährigen Peter (Jacob Tremblay) und dem drei Jahre älteren Henry (Jaeden Lieberher). Henry ist nicht nur ein Mathegenie, sondern er besitzt auch einen stark ausgeprägten Beschützerinstinkt. Er hilft seiner überforderten Mutter, die in einem Diner arbeitet , wo er nur kann. Er schmeisst den Haushalt, bespasst seinen kleinen Bruder, wenn der mal traurig ist und auf dem Börsenparkett kennt er sich aus wie ein Grosser. Anfänglich könnte man denken, was für ein altkluger Junge ist der denn. Schnell erkennt man, dass er über eine ungewöhnliche Empathie und Vernuft verfügt, ungewöhnlich für ein Kind in diesem Alter. Irgendwie hat man ihn schnell ins Herz geschlossen. Ein bisschen verliebt ist er in seine Klassenkameradin Christina (Maddie Ziegler), die sich sehr verschlossen gibt. Sie lebt mit ihrem Stiefvater, Polizeichef des Ortes (Dean Norris), im Nachbarhaus und wird von ihm offensichtlich missbraucht. „Es sind ihre unendlich traurigen Augen, mit denenen sie einen ansieht und ihr Blick sagt alles“. Obwohl Henry es der Lehrerin gesagt hat, dem Jugendamt mitgeteilt hat, dass in dem Haus was nicht stimmt, kümmern tut sich Niemand und Christina schweigt.

Es stellt sich heraus, dass Henrys Kopfschmerzen von einem Tumor im Kopf herrühren. In einem Notizbuch hat er vor seinem Tode noch einen regelrechten Racheplan ausgetüftelt, mit der Auflage, dass seine Mutter diesen unbedingt ausführen soll. Ein Vermächtnis , welches sie auffordert Selbstjustiz an dem Vater von Christina zu verüben. Es bleibt offen, warum der sonst so vernüftige Junge, zu einem derartig perfiden Plan greift, um das Mädchen zu retten, wenn es leider sonst Niemand tut. Jetzt nimmt der Film eine Wendung, die die durchaus ergreifende Handlung in die Niederungen eines B-Movies führt. Wieso und warum, fragt man sich. Susan entschliesst sich in letzter Minute, es nicht zu tun. Sie stellt den Nachbarn zur Rede und macht ihm klar, dass sie ihn anzeigt und er keine Chance mehr hat, davonzukommen. Um der Schmach zu entgehen, bringt er sich um und Christina findet ihr neues Zuhause neben an. Wenigstens wirft das Ende viele Fragen auf und das ist eine Qualität, die dafür sorgt, dass man es so schnell nicht vergisst. Übrigens, den Namen des Jungen muss man sich merken. Jeaden Lieberher ist eine Wucht. Demnächst sieht man den begabten Jungschauspieler in Stephen Kings ES wieder.
Start: 21.09.17

 

 

FIRST STEPS PREISVERLEIHUNG 2017 (18.09. 2017)

 

„Heute ist der Tag, an dem die jungen Filmemacher ihre Arbeit endlich mit uns teilen können“.

Die Freude der Gewinner zeigte sich in den Dankesreden der noch ungeübten Filmemachern auf ganz besonders berührende Weise. Weit entfernt von den routinierten Ausführungen der „Alten Hasen“. Die beiden Moderatoren, Aylin Tezel und Jerry Hoffmann eröffneten die Veranstaltung mit einer schmissigen Tanzeinlage und führten mit einer gekonnt lässigen Moderation durch das Programm, wie man es schon lange nicht mehr erlebt hat. Chapeau! Iris Berben hielt in ihrer Eröffnugsrede ein Pädyer für die Künstlerische Freiheit und die damit verbundene Pressefreiheit in unserem Land, eine Errungenschaft, die man in die ganze Welt hinausposaunen sollte. Neu in diesem Jahr, ein Preis für das Beste Drehbuch und der Götz-George-Nachwuchspreis, vorgestellt von seiner Frau Marika. Längst überfällig, die Stiftung, die Georges Frau im Sinne ihres verstorbenen Mannes gegründet hat, älteren Schauspielern, deren Rollenangebote auf Grund ihres Alters ausbleiben, finanziell zu unterstützen und ihnen bei der Möglichkeit verschiedener Auftrittsmöglichkeiten behilflich zu sein. Auch hier: Chapeau!. Eine Vertreterin der Mediengruppe Pro7/Sat 1 lud die jungen Filmemacher zu einer Masterclass ein, allerdings mit der Auflage, Filme für ein Millionenpublikum zu realisieren und damit die 20:15 Zuschauer zu versorgen. Für mich eine etwas strittige Forderung. Sherry Hormann, Regisseurin und Witwe von Michael Ballhaus richtete sich mit den besonderen Worten an die Jungregisseure/innen, keine Abbilder zu liefern sondern Bilder. Werdet Liebende und nicht Techniker. Schaut den Schauspielern ins Gesicht und schaut, ob sie Schutz brauchen. Wunderschöne Worte, die man so bisher noch nicht gehört hat.

Alle Auschnitte der eingereichten Filme waren so beeindruckend, dass man sie alle unbedingt in voller Länge sehen möchte. Ganz besonders hat mich gefreut, dass der Preis der Abendfüllenden Spielfilme von derJury an den Film DIE BESTE ALLER WELTEN ging. Ein Film, der zutiefst berührt, bei dem wirklich alles stimmt, bewegend und wichtig. Regisseur Adrian Goiginger hat erstaunlich viel Empathie für seine Figuren entwickelt und stellt bei dem heiklen Thema seine Protagonisten in keinster Weise bloss. Der Film kommt demnächst in unsere Kinos und ich kann ihn nur Jedem wärmstens empfehlen.

Insgesamt war es wieder eine gelungene Veranstaltung und man kann den jungen Filmemachern nur ganz viel Glück auf dem Weg in ihre künstlerische Zukunft wünschen.

 

 

PORTO

 

Fernab vom Mainstream sind es oft die kleinen Filme, die einen in ihren Bann ziehen. Zu denen gehört auch PORTO, indem zwei Fremde im Rausch der Gefühle eine Nacht miteinander verbringen. Beide sind fremd in der Stadt, beide sind Aussenseiter. Als sie sich in einem Café in der portugiesischen Hafenstadt mit ihrer leicht morbiden Atmosphäre zufällig treffen, ihre Blicke miteinander verschmelzen, fremd und doch so vertraut, scheint die Zeit für sie still zu stehen. Zwischen dem Gelegenheitsarbeiter Jake, der mit seinem Hund durch die Stadt streift und der bildschönen Archäologin Mati (Luci Lucas) entsteht so etwas wie eine geheimnisvolle Magie. Für Jake (Anton Yelchin) fühlt es sich an, als hätten sie keine andere Wahl. Nachdem Mati morgens das Haus verlassen hat, bleibt Jake in der Wohnung zurück, packt ihre Umzugskartons aus und verteilt einige Gegenstände liebevoll in dem noch leeren Raum. Für ihn völlig unerwartet, kehrt Mati mit dem Vater ihrer Tochter zurück. Jake ist verstört. Erzählt wird die Geschichte aus 3 Perspektiven. Der amerikanisch-brasilianische Regisseur Gabe Klinger wechselt seine Filmformate zwischen 35mm, 16mm und 8mm, baut Zeitsprünge ein, um den emotionalen Ausnahmezustand seiner Protagonisten durch rätselhafte Erzählmomente zu unterstreichen. Es ist die Figur des Jake, die besonders berührt. „Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich glücklich. Es ist, als sei ich ein Teil eines Ehepaares, dass 80 Jahre zusammen ist“. Was übrig bleibt ist eine glückliche und leidvolle Erinnerung an eine Nacht voller Leidenschaft ohne Zukunft. Jake, ein Loser ohne Plan und Ziel, ein Amerikaner in der Fremde, der auf die Französin Mat trifft, greift ans Herz. Besonders tragisch der Tod des 27-jährigen anton Yelchin, der während der Dreharbeiten auf einem Kurzurlaub in seiner Heimatstadt in den USA verstarb.

Start: 14.09.17.

 

 

BARRY SEAL – ONLY IN AMERICA

 

„Es ist legal, solange man es für die Guten tut. Man darf sich nur nicht erwischen lassen“. In der mit viel Selbstironie inszenierten Biografie, die auf wahren Begebenheiten beruht, glänzt Tom Cruise als Pilot, Drogen-und Waffenschmuggler, im Auftrage der CIA. Anfänglich fliegt Barry Seal ganz normale Passgiermaschinen der TWA. Dann kommen die „Guten“ ins Spiel. Es ist die Zeit des kalten Krieges in den Siebzigern und Achtzigern. Seal wird von der CIA angeheuert, Aufklärungsflüge über Mittelamerika zu starten. Dann übernimmt er grinsend den Drogenschmuggel für Pablo Escobar, dann den Waffenschmuggel für die Contras nach Nicaragua und damit nicht genug, fliegt er die von Ronald Reagan unterstützten rechten Contra-Krieger zur Ausbildung nach Arkansas. Sein Motto: Abliefern und Mitnehmen. Er scheffelt Unmengen an Geld. Ein wahrer ewig grinsender Haudegen, der sich kaltblütig zwischen allen Fronten sicher fühlt. Die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen auf allen Seiten. Die von Doug Liman (Die Bourne Identität) inszenierte Actionkomödie ist mit viel Humor auf den Überflieger Seal zugeschnitten, dessen Dreistigkeit einen fassungslos und gleichzeitig Grinsen lässt. Und wer glaubt, dass seine „Karriere“ irgendwann beendet ist, wird eines Besseren belehrt. Ich habe mich sehr amüsiert.

Start: 07.09.2017

 

 

ALS PAUL ÜBER DAS MEER KAM

(Tagebuch einer Begegnung)

 

Der Dokumentarfilmer Jakob Preuss begleitet einen Kameruner Flüchtling auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft.

„Paul René Nkamani, geb. 1979 in Douala, Kamerun, studierte von 1997 bis 1999 Jura und Politikwissenschaften an der Universität in Douala und war dort Mitglied im Studentenrat. Nach einem Streik wurde er von Universität ausgeschlossen. Danach erhielt er ein Stipendium am Collége April-Fortier in Montreal, jedoch kein Visum füe Kanada. Bis 2011 arbeitete Paul in seinem Heimatdorf als selbständiger Züchter von Ölpalmen, wurde aber aufgrund seiner Stammeszugehörigkeit zunehmend im Dorf angefeindet. Im Dezember 2011 verliess er ohne Visum sein Heimatland, um Europa zu erreichen. Nach Durchquerung der Sahara arbeitete er drei Jahre auf Baustellen in Algerien und Marokko. Im Dezember 2014 erreichte er in einem Schlauchboot die spanische Küste“. Die Überfahrt endet tragisch. Die Hälfte seiner Mitreisenden stirbt.

2014 besuchte Preuss die Flüchtlingscamps vor Melilla um Material für eine Dokumentation über die EU-Aussengrenzen zu sammeln. Bei seiner Recherche begegnete ihm Paul.“Ich weiss nicht,ob ich Paul gefunden habe oder er mich“. Paul erzählt ihm seinen Werdegang. Plötzlich ist Paul verschwunden. Als er ihn zufällig in den Fernsehnachrichten unter den Bootsflüchtlingen wiedersieht, nimmt er den Kontakt mit ihm wieder auf und ist an seiner Seite bis zu seiner Ankunft in Europa. Während der Dreharbeiten stellt sich Preuss immer wieder die Frage, ob und wann er seine Beobachtungsrolle aufgibt und ins Geschehen eingreifen soll und darf. Spätestens dann, als sich zwischen Paul und Jakob eine Freundschaft entwickelt hat und Jakobs Vater Paul bei sich aufnimmt, ihm Deutsch beibringt, verlässt Preuss den klassischen Ansatz des Dokumentarfilms und wird persönlich, indem er eine Verantwortung für seinen Protagonisten übernimmt. Nach vierein-halbjähriger Odyssee, zieht Paul zu Jakobs Eltern in dessen ehemaliges Kinderzimmer. Seine Zukunft ist damit noch längst nicht besiegelt. Der Weg bis zu einer Asylentscheidung ist lang. Aber das wäre ein Thema für einen weiteren Film. Obwohl er einen festen Job hat, wurde sein Antrag abgelehnt. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Start: 31.08. 2017

 

 

 

TULPENFIEBER

 

 

Amsterdam 1636. Die Waise Sophia (Alicia Vikander) verlässt den Ort ihrer Kindheit, das ehrwürdige Kloster St. Ursula. Die Äbtissin (Judi Dench) schickt die junge Frau in den sicheren Hafen der Ehe. Sie soll dem wesentlich älteren Gewürzhändler Cornelis Sandvoort (Christoph Waltz) einen Erben gebären. Obwohl steinreich, fehlt zu seinem Glück der ersehnte Stammhalter. Nach dem schmerzlichen Tod seiner ersten Ehefrau und seiner beiden Kinder, ist der Wunsch stärker denn je. Auch wenn Sophia in einem stattlichen Herrenhaus lebt und Sandfoort sie offensichtlich wirklich liebt, fühlt sie sich nicht gerade wohl. Sie kommt sich wie eine Gefangene in einem goldenen Käfig vor. Mit der ersehnten Schwangerschaft hat es immer noch nicht geklappt, obwohl Cornelis „seinem kleinen Soldaten“ immer wieder gut zuredet. Traurig beobachtet sie die leidenschaftliche Liebe zwischen ihrer Magd Maria (Holliday Grainger) mit dem Fischhändler Willem. Cornelis beschliesst, sich mit Sofia in einem Gemälde verewigen zu lassen. Während der lang andauernden Sitzungen entsteht zwischen dem jungen Maler Jan van Loos (Dane Dehaan) eine brisant stürmische Affaire. Draussen tobt ein reger Handel mit einer aus dem Osmanischen Reich importierten Blume. Die völlig überteuerten Tulpenzwiebeln versetzten die Menschen regelrecht in einen Rausch nach dem grossen Geld. In den Gasthäusern blühte die Spekulation mit Zertifikaten und anrüchigen Optionen. Man scheute sich nicht, sich zu verschulden, um an dem Boom teilzuhaben. Auch Jan ist dem „Tulpenfieber“ verfallen und versucht an der Börse Gewinn zu machen, um mit seiner Geliebten nach Westindien durchzubrennen. Als sich herausstellt, dass Maria schwanger ist, entwickelt Sofia mit der Magd einen perfiden Plan. Die Ausstattung dieses Historienfilms ist eine wahre Pracht. Beinah jede Szene gleicht einem opulenten Gemälde hollandischer Künstler. Justin Chadwick (Die Schwester der Königin) lässt das Amsterdam des Goldenen Zeitalters in perfekt ausgeleuchtetn Bildern wieder auferstehen. Geschickt verknüpft er den Spekulationswahnsinn mit dem persönlichen Schicksal seiner Hauptfiguren. Erfreulich… endlich sieht man Waltz mal wieder in einer wohltuend zurückgenommenen Rolle.

Start: 24.08.17

 

 

TRÄUM WAS SCHÖNES

 

Der neunjährige Massimo ist ein glückliches Kind. Seine Mutter kümmert sich liebevoll um ihn. Sie erzählt ihm Gute-Nacht-Geschichten, scherzt und lacht mit ihm. Die letzten Worte, die sie ihm mitgibt, als sie ihn zu Bett bringt:“Träum was Schönes“. In der Nacht hört man einen markerschütternden Schrei. Als Massimo aufwacht, ist seine Mutter nicht mehr da. Man erzählt dem verstörten Kind, dass seine Mutter Gott gebeten hat, in den Himmel zu kommen, um sein Schutzengel zu sein. Das plötzliche Verschwinden seiner geliebten Mutter hat Massimo zeitlebens traumatisiert. Sein Vater zeigt wenig Herzlichkeit und als eine fremde Frau im Haus auftaucht und der kleine Junge sie küssen will, weist sie ihn mit den Worten, lass das, ich bin nicht deine Mutter, ab. Auch dreissig Jahre später, er ist inzwischen ein angesehener Journalist und Fotoreprter, weiss er immer noch nichts über die wahre Todesursache. Sein Vater und seine Verwandtschaft hüllen sich in tiefes Schweigen. Der Padre redet ihm ins Gewissen:“Er soll sich doch endlich eingestehen, dass seine Mutter tot ist und nicht allen erzählen, dass sie noch lebt“. Am schönsten sind die berührenden Rückblenden, in denen Regisseur Marco Bellocchino die fröhliche Kindheit des Jungen erzählt. Erst als Massimo längst erwachsen ist, zeigt sein Vater ihm Mitgefühl und gibt ihm zu verstehen, dass er genau wusste, wie sehr er gelitten hat. Niemand konnte und wollte ihm die Wahrheit sagen. Der Katholizismus verbietet es aufs Strengste, einen Suizid zu begehen. Auch die Schuldgefühle bei den Angehörigen, besonders bei Kindern sind immens gross. TRÄUM WAS SCHÖNES – FAI BEI SOGNI basiert auf dem Roman des italienischen Autors Massimo Gramellini. Das Buch wurde 2012 veröffentlicht und erschien unter dem gleichen Titel „Träum was Schönes“ auf Deutsch. Bellocchio: „Ich habe dieses Buch nicht verfilmt, weil es ein Bestseller ist, sondern wegen der Themen und der dramatischen Situationen. Massimo, ein erwachsener Mann und als Journalist etabliert, wacht eines Tages auf und muss sich mit den Wurzeln seines Schmerz auseinandersetzen“.

2016 eröffnete der Film die Directors`Fortnight der 69. Filmfestspiele in Cannes und wurde mit Standing Ovations gefeiert. Ein Film voller starker Momente, mit 134 Minuten Länge, trotz seiner Komplexität und emotionaler Tiefe, etwas arg lang geraten.

Darsteller: Valerio Mastandrea, Bérénice Bejo, Guido Caprino, Barbara Ronchi. Grossartig, Massimo als Kind, Nicolò Cabras.

Start: 17.08.2017

 

 

DER STERN VON INDIEN

 

Vor genau 70 Jahren, am 15. August 1947 erhielt Indien nach Jahrzehnte langen Auseinadersetzungen mit der britischen Kolonialmacht die Unabhängigkeit. Geteilt wurde das Land in ein hinduistisches Indien und ein muslimisches Pakistan. Etwa 8,4 Millionen Menschen siedelten sich zwischen Indien und Pakistan um. Bei den Unruhen kamen mehr als eine Million Menschen ums Leben. Als der neue Vizekönig von Indien, Lord Mountbatten, Onkel von Prinz Philip, mit seiner Frau in seinem hochherrschaftlichen Palast in Delhi eintrifft, begreift er ganz schnell, dass es sich hier nicht um eine reine Verwaltungsangelegenheit handelt. Auf dem Subkontinent toben ethnisch religiöse Konflikte zwischen Hindus, Muslimen und Sikhs. Der deutsche Titel „Der Stern von Indien“ führt leicht in die Irre. Das Herzensprojekt der indisch-britischen Filmemacherin Gurinder Chadha (Kick It Like Beckham), ihre Grosseltern wurden zum Opfer der Separationsteilung, die Millionen von Menschen in die Flucht trieb, heisst im Original „Viceroy`s House“. Und um dieses Haus geht es eigentlich. Ein Hofstaat vom Feinsten erwartet die Mountbattens. Eine Hundertschaft von Bediensteten steht für sie bereit, um für ihr Wohl zu sorgen. Edwina Mountbatten (Gillian Anderson), die sich sehr für die indische Kultur interessiert, ordnet als erstes an, den britisch-europäischen Speiseplan zu ändern und traditionelle, lokale indische Speisen zu servieren. Ihr Mann (Hugh Bonneville) hat die schwere Aufgabe Indiens Unabhängigkeit ohne einen Bürgerkrieg zu entfachen, über die politische Bühne zu bringen. Er widmet sich den militärischen Aufgaben, sie hingegen ist trotz ihrer adligen Herkunft sozial links orientiert. „Wir sind hierher gekommen, um dem Land Frieden zu bringen und nicht, um das Land auseinander zu reissen“. Die politischen Strippenzieher entscheiden nach ihren eigenen Gesetzen. Eingebettet in das poitische Desaster ist die anrührende Liebesgeschichte zwischen dem am Hofe jungen Angestellten Hindu Jeet (Manish Dayal) und der schönen Muslima Aalia (Huma Qureshi), die von ihrem Vater (Om Puri) einem Anderen versprochen wurde. Auch hier gilt der Grundsatz: Es wird geteilt, was eigentlich zusammen gehört. Chadhas Film orientiert sich stark am Mainstream, schafft es aber, die historisch brutale Realität in den Mittelpunkt zu stellen und den Zuschauer zu veranlassen, dem Historiendrama mit echter Anteilnahme zu folgen. Dekor und Kostüme sind eine wahre Augenweide. Gegenwartsbezogene Anspielungen, wie bürgerkriegsähnliche Zustände im Nahen Osten und den daraus resultierenden Flüchtlingsströmen, werfen die Frage auf, ob man aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat. Leider, leider muss man die Frage mit einem klaren Nein beantworten. Der Film deckt Vieles auf, was man vorher noch nicht wusste. Der „Mountbattenplan“ brachte Zerstörung und führte zu einer Tragödie.

Start:10.08.2017

 

 

FINAL PORTRAIT

 

Der Schweizer Künstler Alberto Giacometti (1901-1966) war einer der bedeutesten Plastiker des 20.Jahrhunderts. Seine ausgemerkelten Bronzefiguren, die an Strichmännchen erinnern, sind ein grosser Teil seines Schaffens, in denen er die Grundfragen der menschlichen Existenz zum Ausdruck bringt. Seine surrealistischen Plastiken und Zeichnungen sind geprägt von einem individuellen unverwechselbaren Stil. Stanley Tucci hätte keinen besseren Protagonisten für die Rolle des kauzigen Künstlers finden können als Geoffrey Rush, der ihm erstaunlich ähnlich sieht. Giacometti bei seinem „Final Portrait“ zuzuschauen sprengt die Grenze zwischen Wahnsinn und Komödie.Ein Getriebener, hin-und hergerissen zwischen Perfektionismus und Launenhaftigkeit. Besonders zu spüren bekommt das ein junger amerikanischer Schriftsteller und Kunstliebhaber, James Lord (Armie Hammer), der während seines Parisaufenthaltes von einem Freund dazu ermutigt wird, bei ihm Modell zu sitzen. Es ist Niemand anderes als Giacometti persönlich. Lord fühlt sich geschmeichelt, ahnt nicht auf was er sich da einlässt. Es dauert nicht länger als zwei bis drei Stunden, gaukelt ihm Giacometti vor. Aus zwei, drei Stunden werden Wochen, in denen Lord ständig seinen Rückflug verschiebt. „Sie sehen brutal aus. Wenn ich sie so male, wie ich sie sehe, würden sie im Gefängnis landen“ schleudert ihm der Neurotiker ins Gesicht. „Von vorn sehen sie brutal aus, von der Seite degenriert“. Jeder andere wäre wahrscheinlich aufgestanden und gegangen. Nicht so James Lord. Mit unendlicher Geduld, fügt er sich den Launen des wankelmütigen Künstler-Genies.Allein das Atelier, vollgestellt mit Sperrmüllmobiliar, verwitterte Holzbalken, blinde Fensterscheiben, sein Geld stopft er in irgendwelche Schubladen, seine Frau beschimpft er mit den Worten, sie sei so schrecklich bürgerlich und banal, er gehe lieber zu den Huren. Jedesmal, wenn Lord denkt , jetzt sei sein Portrait endlich fertig, wird es wieder übermalt. Mit lautem „Oh Fuck-Gebrüll schmeisst er den Pinsel weg und geht lieber ins nächste Bistro um Rotwein zu trinken und sich seiner Geliebten, einer Prostituierten zu widmen.Man merkt Geoffrey Rush die unbändige Spielfreude, die ihm diese Rolle bereitet förmlich an. Mit zersausten Haaren, ausgebeuteltem Jackett, schlechtsitzenden Hosen, ständig eine Kippe zwischen den Lippen, schlurft er zwischen Atelier und Kneipe hin-und her. So amüsant das Aufeinandertreffen dieser beiden unterschiedlichen Typen auch ist, irgendwann nervt es auch. Tucci bleibt zu sehr an der Oberfläche dieses zerrissenen Genies kleben und macht sich nicht die Mühe sein Ego differenzierter Auszuleuchten. Und dennoch, hätte man diesem hochbegabten Maler und Bildhauer noch ewig zuschauen können. Am liebsten würde man nach Ende des Films sofort in eine Ausstellung mit seinen Werken hetzen.

Start: 03.08.17

 

 

DAS GESETZ DER FAMILIE

 

Sie leben ausserhalb der Gesellschaft in einem der reichsten Landstriche Großbritanniens in einer Wagenburg und das schon seit drei Generationen, inmitten einer idyllischen Wald-und Wiesenlandschaft, drumherum ein Berg von Altmetall. Sie, das ist der berüchtigte Cutler-Clan, bestehend aus Familienpatriarch Colby (Brendan Gleeson), seinem Sohn Chad (Michael Fassbender) samt seiner Familie und einigen Outlaws, die sich dazu gesellt haben. Colby, ein Meister im Koordinieren ihrer kriminellen Aktivitäten, die da sind Einbrüche, Diebstähle und zahlreiche Verkehrsdelikte. Der örtlichen Polizei sind sie längst ein Dorn im Auge, doch sie können der rebellischen Truppe schwerlich erwas nachweisen. Chads 8-jähriger Sohn Tyson blickt bewundernd zu seinem Grossvater auf, genießt er doch so manchen Vorteil gegenüber den anderen Kindern aus der reichen Umgebung. Statt in der Schule zu hocken, darf er mit seinen Kumpeln, in einem frisierten Auto über die Wiesen brettern, ähnlich seinem Vater, der ein Ass im Fluchtwagenfahrens ist. In der Gruppe tummeln sich jedoch auch einige Typen, die für Chaos sorgen und Chad immer mehr dazu bewegen, das dass Milieu für seine Kinder lebensgefährlich werden kann. Schwierig, denn Chad, der nie Lesen und Schreiben gelernt hat, sich nie mit der Frage beschäftigt hat, wie ein Leben für ihn ausserhalb des Clans funktionieren könnte, steht vor einem Dilemma. Auch seine Frau Kelly (Lyndsey Marshal), die nur aus Liebe zu ihrem Mann die alteingesessene Tradition akzeptiert, will ein Zuhause für ihre Tochter und den Sohn, indem nicht ständig die Polizei vor der Tür steht und sie mit Fragen und Untersuchungen löchert. Hinter dem Rücken seines Vaters hat Chad ein kleines Grundstück gefunden, auf dem er mit seinewr Familie in Zukunft leben möchte. Ausgerechnet jetzt plant Colby einen spektakulären Coup in einem der best bewachten und gesicherten Anwesen der Umgebung. Trotz massiver innerer Widerstände, lässt Chad sich darauf ein. Doch diesmal läuft die Sache schief. Ausgerechnet jetzt, wo Chad beschlossen hat, sein Leben zu ändern. Regisseur Adam Smith konnte sich nicht so richtig entscheiden zwischen Drama und Komödie und diese indifferente Haltung lässt die Geschichte leider schwächeln. Mit Gleeson und Fassbender hervorragend besetzt, liegt die Stärke in der Milieuschilderung und ihren Protagonisten, die bei all ihrer kriminellen Energie fest zusammenhalten und füreinander da sind.

Start:03.08.17

 

 

PARIS KANN WARTEN

 

2009 besuchte Eleanor Coppola mit ihrem Mann Francis Ford das Filmfestival von Cannes. Wegen einer Erkältung entschloss sie sich, ihren Mann nicht auf dem Flug nach Budapest zu begleiten. Dankbar nahm sie das Angebot eines Geschäftspartners ihres Mannes an, sie in seinem Auto nach Paris mitzunehmen. Aus einer ursprünglich 7 Stunden dauernden Autofahrt, wurde ein dreitägiger amüsanter Road-Trip mit kulinarischen Köstlichkeiten. Voller Stolz liess sich der charmante Vorzeigefranzose es sich nicht nehmen, seiner Beifahrerin die Schönheiten seines Landes zu zeigen. Als die über achtzigjährige Coppola ihren Freunden von der Fahrt berichtete, waren alle der Meinung, sie müsse daraus einen Film machen. Sie staunte nicht schlecht über sich, als sie das Drehbuch schrieb und selbst die Regie übernahm.

Aus Eleanor und Francis Ford werden Diane Lane und Alec Baldwin…….Diane Lane spielt Anne, die Ehefrau eines Filmproduzenten (Alec Baldwin) der wahnsinnig gestresst ist, seiner Frau kaum zuhört und die aufgrund einer Ohrentzündung davon absieht, ihren Mann von Cannes nach Budapest zu begleiten. Man hat den Eindruck, das Angebot von Jaques (Arnaud Viard) mit ihm in seinem Cabrio nach Paris vorauszufahren, um ihren Mann dann später in Paris zu treffen, kommt ihr gerade recht. Eine kleine Ehepause kann nicht schaden. Jaques lässt seinen ganzen Charme spielen. Er überhäuft Anne mit Komplimenten, die sie so schon lange nicht mehr gehört hat. Er lässt die herrlichsten Köstlichkeiten auftischen und zeigt ihr die landschaftlichen Vorzüge seiner Heimat. Doch hinter all dem Charme verbirgt sich ein kleiner Schwerennöter, so dass sich Anne zwischendurch fragt, ob sie überhaupt noch heil nach Paris kommt. „Paris kann warten“ ist eine leichte sommerliche Komödie, voller Lebenslust und romantischem Geplänkel, die Lust auf eine heiter unangestrengte Landpartie im Cabrio macht. Am besten zu geniessen in einem Freilichtkino, an einem warmen Sommerabend mit einem Picknickkorb voller herrlicher Delikatessen und einem eisgekühlten Glas Weisswein. So wird daraus ein sinnliches Vergnügen.

Start: 13.07.2017

 

 

DAS PUBERTIER

 

„In der Erziehung gibt es kein richtig oder falsch. Es gibt nur falsch“. Das ist der Eingangssatz in dem von Leander Haußmann adaptierten gleichnamigen Bestseller von Jan Weiler DAS PUBERTIER.

Vater Hannes (Jan Josef Liefers) und seine Frau Sara (Heike Makatsch) haben es nicht leicht. Ihre fast 14-jährige Tochter Carla (Harriet Herbig-Matten) ist mitten in der Pubertät. Ganz süss ist die Anfangsszene , in der Hannes seinem kleinen Mädchen ein berührendes Schlaflied singt. Aber dann…….dann entwickelt sich das „Pubertätsdrama“ in eine peinliche Klamotte voller Klischees und stereotypen Figuren. Vorneweg Hannes, der in ein Fettnäpfchen nach dem anderen tritt. Ich habe aufgehört zu zählen, wieviel mal er hinfliegt, weil er über etwas stolpert. Ich werde jetzt auch nicht die Szenen beschreiben, die nur so von Albernheiten strotzen, dass einem das Lachen vergeht. Besonders nervig, wenn die Erwachsenen sich pubertärer verhalten, als das betroffene Kind. Feinsinniger Humor sieht anders aus. Eins ist sicher, die Crew hatte offensichtlich am Set weitaus mehr Spass, als der Zuschauer im Kinosessel. Schade. Mehr Komplexität hätte dem Film gut getan. Da hilft es auch nicht, dass Harriet Herbig-Matten ihre Rolle erfrischend natürlich spielt und Heike Makatsch in ihrer wohltuenden Zurückgenommenheit leider auch kein Rettungsanker sind.
Start: 06.07. 2017

 

 

INNEN LEBEN (INSYRIATED)

 

In Syrien tobt der Krieg und ein Ende ist nicht abzusehen und damit auch der Flüchtlingsstrom. Aber wie geht es den Daheimgebliebenen? INNEN LEBEN zeigt auf bedrückende Weise das entsetzliche Leid der Zivilbevölkerung anhand einer Grossfamilie, die sich in ihrer Wohnung in Damaskus verbarrikadiert und versucht, den Alltag einigermassen zu bewältigen. Es gibt kaum Wasser, Telefonleitungen funktionieren mal ja, mal nein und die Beschaffung von Lebensmitteln ist nur unter grösster Gefahr möglich. Auf den Dächern lauern Scharfschützen. Die energische Oum Yazan (Hiam Abbass), wir kennen sie aus „LemonTree“ und „Paradise Now“, versucht einen Hauch von Normalität zu wahren. Die junge Halima und ihr Freund Samir haben mit ihrem Baby die Flucht nach Europa gründlich vorbereitet. Salima verlässt nur noch kurz das Haus und wird im Hof erschossen. Niemand der Eingeschlossenen wagt es, der jungen Frau, die auf gepackten Koffern sitzt, die Hiobsbotschaft zu vermitteln. Oum Yazan hat die junge Familie bei sich aufgenommen, denn sie sind die letzten in dem leerstehenden Haus. Gedämpft sind die Frauen mit der Vorbereitung der Mahlzeit, dem Wasserholen, dem Tischdecken in der Küche beschäftigt, während von draussen die bedrohlichen Geräusche des Krieges zu hören sind. Plünderer treiben ihr Unwesen, klopfen an die Tür, auf der Suche nach eventuellen Wertsachen. Als das Dienstmädchen ans Fenster tritt, um zu sehen, ob der Leichnam noch im Hof liegt, sagt der Grossvater resigniert: „Was schaust du aus dem Fenster. Vergiess die Welt da draussen“. Fünf abgedunkelte Räume, eine Küche und ein Bad, ist der beklemmende Schauplatz dieses klaustrophobischen Kammerspiels. Als zwei Männer sich mit Gewalt Zugang zur Wohnung verschaffen, verstecken sich alle Bewohner verängstigt in der Küche. Es ist ausgerechnet Halima, die von den Männern geschlagen und vergewaltigt wird. Vor Angst erstarrt, werden sie hörbare Zeugen des brutalen Verbrechens. Es ist eine hochbrisante Frage, die der belgische Regisseur PhilippeVan Leeuw in den Raum stellt. Hätte Oum Yazan eingreifen sollen und ihre Kinder zu Opfern der brutalen Gangster werden lassen?

„Insyriated“, so der Originaltitel, lässt die Frage offen. Der Zuschauer ist gefordert, selbst zu entscheiden. Soll eine Familie einen der ihren opfern, um das Leben eines anderen zu schützen?

„Innen Leben“ handelt von dem Dilemma unter unmenschlichen Bedingungen nicht menschlich bleiben zu können. Es sind nicht nur die da draussen, die traumatisiert und verletzt zurückbleiben, nein, auch die drinnen werden zu traumatisierten Opfern eines unbarmherzigen Krieges.

Start: 22.6.2017

 

 

THE DINNER

 

Man trifft sich in einem hocheleganten Restaurant mit exellenter Küche. Der Abend wird alles andere als beschaulich. Paul (Steve Coogan) und seine Gattin Claire (Laura Linney) treffen sich mit Pauls älterem Bruder Stan (Richard Gere) und dessen junger Ehefrau Katelyn (Rebecca Hall) zum Abendessen. Alle Beteiligten ahnen, dass es mehr als ungemütlich wird. Das Verhältnis der Brüder ist konfliktbeladen und zerüttet. Stan, der weltgewandte und charmante einflussreiche Politiker, stand schon immer auf der Sonnenseite des Lebens. Paul benutzt das ungewollte Treffen um den ungeliebten Bruder mit zynischen Bemerkungen zu attackieren. Je später der Abend desto klarer wird der Grund ihres Beisammenseins. Die beiden 16-jährigen Söhne der Paare haben ein entsetzliches Verbrechen begangen und es auf einem Video festgehalten. Noch weiss die Polizei nicht, wer die Täter waren. Der zermürbende Abend kreist um die Frage, ob sie die Tat vertuschen sollen, denn schliesslich steht die Karriere Stans auf dem Spiel. Der Abend entwickelt sich immer mehr zu einem makaberen Psychoduell. Katelyn, die eh nicht gut auf ihren Mann zu sprechen ist und Claire neigen zur Vertuschung. Wie weit gehen die Eltern, um ihre Kinder zu schützen und auch das berufliche Ansehen des Herrn Kongressabgeordneten nicht zu zerstören. Über den Umgang mit dieser moralischen Frage ist man sich total uneinig. Oren Movermanns verbaler Schlagabtausch ist schauspielerisch grandios inszeniert, bei der Schauspielerriege nicht anders zu erwarten. Es ist spannend mitanzusehen, wie die Masken aller Beteiligten immer mehr fallen und die seelischen Abgründe immer stärker zum Vorschein kommen. In etwas anstrengenden Rückblenden , wird der Zuschauer nicht nur mit dem ungeheuerlichen Verbrechen, sondern auch mit den Hintergründen der kaputten Beziehung der Brüder konfrontiert. Ein hochbrisantes Drama über Wohlstandsverwahrlosung und ihre bitteren Folgen und Ignoranz jeglicher Moral.

Als Vorlage dient der weltweite Bestseller ANGERICHTET von Herman Koch.
Start: 08.06.2017

BORN TO BE BLUE

Chet Baker, der legendäre Jazztrompeter, wurde 1929 in Yale geboren. Berühmt wurde er mit der Musicalballade „My Funny Valentine“. Da war er 23. Sein früher Erfolg stürzte ihn in eine fatale Heroinabhängigkeit. In „Born to be Blue“ schlüpft Ethan Hawke in die Rolle des „James Dean of Jazz“, der mühsahmst versucht, die Kontrolle über sein Leben zurückzugewinnen.Baker galt als bester Jazz-Trompeter der Welt.Es ist das Jahr 1966 und es sieht so aus, als bekäme Baker seine Drogensucht nicht mehr in den Griff. 12 Jahre ist es her, als er als Erfinder desWest Coast Swing im legendären New Yorker Club Birdland auftrat. Das Publikum war ausser sich und belohnte ihn mit tosendem Beifall. Miles Davis, der ebenfalls im Club ein-und ausging, sah in ihm einen weissen Kokurrenten, machte seine Musik schlecht und schürte bei Baker enorme Selbstzweifel. Der schmale Grat zwischen Erfolg und eventueller Sich-Selbst- Überschätzung seines Talents, wurde zum Nährboden seiner Drogensucht.Sein Leben war überschattet von Drogenaffairen und zeitweiligen Gefängnisaufenthalten. Er wurde immer zerbrechlicher und schwankte zwischen seiner Liebe zur Trompete und dem täglichen Schuss Heroin.Vor einer Bowlinghalle wird er von einer Gruppe brutaler Dealer derartig zusammengeschlagen, wobei er mehrere Zähne verliert. Zäh kämpft er mit lästigem Gebiss unter Blut und Schmerzen dem geliebten Instrument wieder Ton für Ton zu entlocken und sich nach und nach auf ein Comeback vorzubereiten. An seiner Seite seine Freundin Jane (Carmen Ejogo), die ihn auf dem schweren Weg begleitet. Dank ihrer Zuneigung, lernt er wieder, an sich zu glauben. Er bekommt nochmals die Chance im „Birdland“ aufzutreten, obwohl sein Produzent Dick Bock (Callum Keith Rennie) äusserst skeptisch ist. Und wieder trifft er auf Miles Davis.

Ethan Hawke verkörpert Baker mit einer grossartigen Hingabe und eindrucksvollem Charisma.Man kann sagen, er spielt ihn nicht. Er ist Baker. In keiner seiner Rollen war er jemals so verletzlich wie hier. Zu den bekanntesten Songs, die Regisseur Robert Budreau für den Film ausgewählt hat, gehören „Summertme“, „Over the Rainbow“, „Let´s Get Lost, „There´s a Small Hotel“ und natürlich „My Funny Valentine“, von Ethan Hawke selbst gesungen.

„Die Sucht wurde Baker Zeit seines Lebens nicht mehr los.Während seiner Europaaufenthalte kam er immer wieder wegen kleinerer Vergehen im Zusammenhang mit Drogen ins Gefängnis. Ende der sechziger Jahre gelang ihm mit der Unterstützung seines Musukerkollegen Dizzy Gillespe ein beachtliches Comeback. 1978 zog er dauerhaft nach Europa, wo er die produktivste Phase seiner Karriere erlebte. Während er in seiner Heimat zusehends in Vergessenheit geriet, erfreute sich Bakers Musik in Europa grosser Beliebtheit. Kurz vor seinem Tod 1988 drehte Star-und Modefotograf Bruce Weber den Dokumentarfilm LET´S GET LOST über das Leben des legendären Jazz-Trompeters. Weber lässt Baker, seine Freunde Weggefährten und Familie über sein Leben erzählen. Neben Aufnahmen, die sein begnadetes Talent und, als junger Mann in den fünfziger Jahren, seine atemberaubende Schönheit bezeugen, gibt es die erschütternden Geschichten von Drogenabstürzen, Schlägereien und Karriererückschlägen. Die Tragödie seines Lebens war später in seinem zerfurchten Gesicht abzulesen. Am 13.Mai 1988 starb Baker in Amsterdam nach einem Sturz aus einem Hotelfenster. Es blieb unklar, ob es sich um einen Unfall oder Suizid handelte. LET´S GET LOST hatte im gleichen Jahr Premiere bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig und gewann den Kritikerpreis. Im Jahr darauf wurde er für den Oscar nominiert. Einige kurze Schwarz-Weiss-Sequenzen aus Webers Doku sind in BORN TO BE BLUE eingearbeitet“.

( Textpassagen aus Presseheft)
Start: 8.6.2017

JAHRHUNDERTFRAUEN

2010 kam Mike Mills` Film „Beginners“ in die Kinos. Die Geschichte eines eines älteren Mannes, der am Ende seines Lebens das Wagnis seines „Coming-Outs eingeht. Diesen herzerwärmenden Film widmete Mills damals seinem Vater. Jetzt, 6 Jahre später, huldigt er mit „Jahrhundertfrauen“seine Mutter.

Die grossartige Annette Benning, (selber Mutter von vier Kindern) versucht als Alleinerziehende ihren Sohn am Ende der 70er Jahre zu einem aufrechten Mann zu machen. Es ist eine Zeit der kulturellen Umbrüche. Santa Barbara 1979. Wehmütig beobachtet Dorothea (Annette Benning) wie ihr alter Ford Galaxy auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt in Flammen steht. In diesem Auto wurde Jamie Fields (Lucas Jade Zumann) vor 15 Jahren als neugeborener Säugling nach Hause gefahren. Dorothea war damals bereits 40 Jahre alt und es wurde gemunkelt, ob sie nicht schon zu alt für ein Baby sei. 1924 wurde sie geboren, als sie ein Teenager war, brach der Zweite Weltkrieg aus. Sie verliess die Schule, um Pilotin zu werden. Der Krieg war beendet, bevor sie ihre Ausbildung abgeschlossen hatte. Jetzt arbeitet sie als Zeichnerin in einem Architekturbüro. Sie raucht Mentholzigaretten, angeblich sind die gesünder, sie trägt bequeme Birkenstockschuhe und liebt Hollywoodklassiker mit Humphrey Bogart und sie studiert mit Jamie die täglichen Börsenkurse. Ihren Sohn überschüttet sie mit viel fürsorglicher Liebe.

In ihrem grossen Haus lebt auch noch die Punk-Fotografin Abbie (Greta Gerwig), die nach einer Krebsdiagnose aus New York geflüchtet ist, der Ex-HippieWilliam (Billy Crudup)der nicht nur das alte Holzhaus repariert sondern auch Autos wieder fahrtauglich machen kann und die 17-jährige Nachbarin Julie (Elle Fanning) schleicht sich nachts in Jamies Zimmer, um bei ihm zu schlafen aber rein platonisch, Sex mit ihm, lehnt sie ab, denn das könnte ihre Freundschaft zerstören.

Jamie versucht sich immer mehr von seiner Mutter abzunabeln. Dorothea fühlt sich ihrem Erziehungsauftrag nicht mehr gewachsen und bittet ihre Mitbewohner um Unterstützung. Abbie nimmt den Teenager mit zu wilden Partys, fordert ihn auf, feministische Lektüre zu lesen und Julie erzählt ihm von ihren zahlreichen sexuellen Abenteuern.

Abbie fotografiert alles, was ihr gehört. Für sie, eine Art Selbstportrait. Ihre Haare färbt sie rot, in Verbundenheit zu Bowies „Mann, der vom Himmel fiel“. Jede der drei unterschiedlichen Frauen, lässt nichts unversucht, Jamie zu einem überzeugten Feministen zu erziehen, auch wenn sie selber oft nicht weiterwissen und mit ihrem eigenen Gefühlschaos fertig werden müssen. Abbie scheut sich nicht, beim Abendessen vor versammelter Mannschaft über den Begriff Menstruation zu referieren.

Schauspielerisch erlebt der Zuschauer ganz grosses Kino. Annette Bening berührt zutiefst. Ganz, ganz grossartig, Lucas Jade Zumann, der zwischen diesen liebenswerten Frauen „seinen Mann steht“.

Wer aus welchen Gründen auch immer, nur ganz selten ins Kino geht, diesen Film darf man nicht versäumen. Auf meiner Liste der absoluten Lieblingsfilme steht er ganz weit oben.

Frauen, nehmt eure Männer mit, die können noch was lernen.

THE FOUNDER

 

Sein Vertreter-Job ist wahrlich kein Zuckerschlecken. Es sind die frühen 1950er Jahre im mittleren Westen. Ray Kroc (Michael Keaton) versucht seit Jahren Milchshake-Mixer unter die Leute zu bringen. Er fährt von Ort zu Ort, verbringt seine Nächte in schäbigen Hotels, klappert Restaurants ab, doch Niemand will die Dinger wirklich haben. Er wird hellhörig, als er den Auftrag erhält, einem Schnellimbiss gleich 6 Mixer auf einmal zu liefern. Es handelt sich bei den Auftraggebern um die Brüder Dick (Nick Offermann) und Mac ( John Carroll Lynch), die in Kalifornien,in einem Ort unweit von L.A., einen Schnellimbiss betreiben. Ein regionales Hamburgerlokal. Hier gehen die Burger wie am Fliessband über den Tresen. Kroc ist fasziniert. Bereitwillig erzählen die Brüder dem verbitterten Vertreter, ihre persönliche Geschichte. Kroc hört „das Gras wachsen“. Er schlägt den beiden Geschäftsleuten ein Franchise-Modell vor. Die sind nicht begeistert von der Idee. Für sie ist das A und O, ihre hohen Standards zu behalten, was bei einer Kette von vielen Läden, nicht mehr zu bewerkstelligen ist. Sie sind völlig zufrieden mit ihrem einzelnen florierenden Restaurant. Kroc lässt nicht locker. Er erkennt das Riesenpotential, welches in den schmackhaften Brätlingen steckt. Schlitzohrig und hintertrieben, setzt er alles daran, die beiden zu überreden. Es gelingt ihm sich einzukaufen, eröffnet eigene Filialen , er geht soweit, bis er die gesamte Firma der Brüder übernimmt. Es ist die Geburtsstunde der modernen Fast-Food- Industrie. Er hat es geschafft, das immer noch stärkste Fast-Food- Imperium,McDonald`s, aufzubauen. Er geht gewiss nicht zimperlich vor. Kroc mutiert zu einem skrupellosen Geschäftsmann, getrieben von Raffgier und Egozentrik, der es versteht, alle möglichen Konkurrenten aus dem Weg zu räumen. Aalglatt bewegt er sich auf dem glitschigen Parkett des Kapitalismus. McDonald betreibt in 119 Ländern mehr als 35.000 Restaurants. Bis heute werden immer wieder Verstösse gegen Umweltschutz und miserablen Arbeitsbedingungen publik. Michael Keaton verkörpert den rücksichtslosen Self-Made-Man auf typisch amerikanische Weise, indem er den Slogan des „Tellerwäschers zum Millionär“ dermassen glaubwürdig verinnerlicht, dass man von seinem Vorgehen nicht nur abgestossen ist, sondern gleichzeitig einen Hauch Bewunderung verspürt. John Lee Hancock ist es gelungen in diesem Biopic den Kapitalismus mit seiner schmutzigen und rücksichtslosen Seite in der Figur von Kroc ungeschönt aufzuzeigen.
Start: 20.04.2017

MOONLIGHT

„Moonlight“ ein Film, der eingeschlagen ist wie eine Bombe. Die Kritiker sind voll des Lobes. Hier einige Auszüge: „ Ein erfahrungsgesättigter, kraftvoller Film über die Hoffnung, dass jeder Mensch die Liebe finden kann, die er sucht“. „Gebt ihm so viele Preise,wie ihr könnt“. „Aussergewöhnlich und berührend und auf jeden Fall eure Zeit wert“. „Ein Film der für das Kino gemacht ist, ausschliesslich für das Kino. Auf kleineren Bildschirmen ist nicht genug Licht.“ „Ein stilles Meisterwerk, dass die Zuschauer zu Tränen rührt“. „Ein berührendes Erlebnis“.

Aufgeteilt ist das Drama in 3 Kapitel. Aus einem stillen,wortkargen Jungen wird ein stiller Teenager und dann ein erwachsener Mann. Der kleine Chiron, genannt „Little“( Alex Hibbert) lebt zusammen mit seiner cracksüchtigen Mutter ( Naomie Harris). Von seinen Mitschülern wird er gemobbt, ein Aussenseiter, der sich vor einer Horde Jungen in ein leerstehendes Haus flüchtet. Dort findet ihn ein Drogendealer, der den schweigsamen Jungen mit zu sich nach Hause nimmt.. Immer wieder flüchtet er zu ihm und dessen FreundinTeresa. Langsam gewinnt er Vertrauen, es entwickelt sich eine berührende Vater-Sohn-Beziehung. Ein Drogendealer, der zu einem liebevollen Ersatzvater wird. Wo hat man das jemals schon gesehen? Juan (Mahershala Ali), der im ersten Moment furchteinflössend auf den Jungen wirkt, bringt ihm das Schwimmen bei. Fast glücklich verliert er seine Angst. Es dauert eine lange Zeit, bis Chiron Vertrauen zu ihm fasst und zu reden anfängt. Verständnislos fragt er ihn: „ Meine Mom ist drogenabhängig und du verkaufst Drogen“?. Im zweiten Teil, aus dem zarten und zurückhaltenden Jungen ist ein Teenager geworden, gespielt von Ashton Sanders, wird er zum Opfer von Hass und Gewalt geprägt von falsch verstandener Männlichkeit. Nach einer Liebesnacht am Strand, in der er seinem Freund Kevin (Jharrel Jerome) sexuell nahe kommt, wird Kevin von den Mitschülern gezwungen Chiron zusammenzuschlagen. Ausser sich vor Wut und Hilflosigkeit geht er mit einem Stuhl auf den Wortführer los und schlägt ihn nieder. Die beiden Jungen verlieren sich aus den Augen. Im dritten Teil ist Chiron zu einem erwachsenen Menschen herangereift, gespielt von Trevante Rhodes, der nun auch die Laufbahn eines Dealers eingeschlagen hat. Nach Jahren hat Chiron herausgefunden in welcher Stadt sein Freund Kevin lebt. Kevin, der ein kleines Restaurant besitzt, staunt nicht schlecht, als sein Freund Chiron unverhofft in seinem Lokal auftaucht. Es ist , als ob die Zeit stehen geblieben ist. Wieder gehen die beiden zum Strand. Chiron gesteht, dass er seit damals nie wieder mit einem Mann Sex gehabt hat. Es besteht ein Funken Hoffnung, dass Chiron in einer Welt, in der es unmöglich scheint, dass Männer Männer lieben, es schafft über seinen Schatten zu springen und seinen Gefühlen freien Lauf lässt.

Der Afroamerikaner Barry Jenkins wuchs selbst in einem Ghetto in Miami auf. Auch seine Mutter war cracksüchtig, sein Vater verliess die Mutter noch bevor Jenkins auf die Welt kam.Seinen Film drehte er in Liberty City, einem Viertel, indem er selbst aufgewachsen ist. Statt grauer Ghettobilder wählt Jenkins Bilder von lichtdurchfluter Schönheit. In Zeiten, in denen Afroamerikaner verstärkt Opfer von polizeilicher Gewalt werden, ist „ Moonlight“ wichtiger denn je. Chapeau, Mr.Jenkins.

Start: 9.03.2017

A CURE FOR WELLNESS

Lockhart ( Dane Dehaan), ein durch und durch ehrgeiziger Mitarbeiter einer New Yorker Investment Agentur, die in einigen Schwierigkeiten steckt, wird in die Schweiz geschickt, um einen seiner Chefs zurückzuholen. Der befindet sich in einem luxuriösen Wellnesscenter zur Kur. Eigentlich hätte er schon längst wieder in den USA sein müssen. Als Lockhart dort ankommt, steht er vor einem schlossähnlichen Prachtbau, inmitten einer der schönsten Landschaft. Der Chef des Spa ( Jason Isaacs) behandelt seine Patienten auf ganz besondere Weise. Er reinigt die zivilisations-verseuchte Klientel an Körper und Geist. Lockhart, der durch einen Unfall gezwungen ist, sich länger als vorgesehen in der Klinik aufhalten muss, merkt sehr schnell, daß mit den Behandlungsmethoden irgendetwas nicht stimmt. Er ist in einem Horrorhaus gelandet. Unheimliche Gruselszenen zerstören die trügerische Idylle. In dem hochgelobten Heilwasser muss etwas Fürchterliches beigemischt worden sein. Mystische Vorgänge führen den Zuschauer in die Irre. Was ist mit der auf Mauern balancierenden Dauerpatientin Hannah (Mia Goth) passiert? Ihr Verhalten ist mehr als merkwürdig.

Die Ausstattung ist mehr als genial. Der Horror ist grandios bebildert. Leider, leider kippt das Gruseldrama, je mehr es auf das Ende zugeht, wird aus dem spannenden Mysterydrama ein enttäuschendes Hysterie-Movie. Gore Verbinski ( Fluch der Karibik) hat sich mit der Länge von 146 Minuten etwas übernommen. Wie sagt man? In der Kürze liegt die Würze. Einige Szenen wurden in den stillgelegten Beelitzer Heilstätten gedreht. Wer Lust auf einen Ausflug hat, kann sich dort gelassen umsehen.

Start: 23.02.17

FENCES

Denzel Washington hat das das Theaterstück „Fences“ des afroamerikanischen Pulitzer Preisträgers August Wilson für die Leinwand adaptiert. Er führt Regie und spielt auch selbst die Hauptrolle.

Angsiedelt, im Arbeitermilieu in Pittsburgh zur Zeit der 1950er Jahre. Er spielt den verbitterten Müllmann TroyMaxson,der es nicht verwunden hat, daß ihm eine Baseballkarriere wegen seiner Hautfarbe verweigert wurde. Seinen geplatzten Traum ertränkt er ab und zu im Alkohol. Mit seiner Frau Rose ( Viola Davis) führt er eine langjährige Ehe, bescheiden und zufrieden. Die Leidenschaft der früheren Jahre ist jedoch verloren gegangen. Das Verhältnis zu seinen beiden Söhnen ist von brachialer Strenge und Distanz geprägt. Sein jüngere Sohn leidet sehr unter der Lieblosikeit des Vaters. Ganz besonders, da er ihm den Erfolg seines Herzenwunsches, nämlich ein Fussballprofi zu werden, missgönnt.Er spielt sich als Patriarch auf und wiederholt die rüden Verhaltensmuster seines Vaters. Als er nicht umhin kommt seiner Frau Rose zu gestehen, daß seine Geliebte ein Kind von ihm erwartet, zeigt sie eine bewundernswerte Stärke. Bei der Frage, was denn eigentlich aus ihren Träumen wird, legt sie mit einem grossartigen Monolog los, der für mich das absolute Highlight in dem Drama ist. Als die Mutter des Babys bei der Geburt stirbt, nimmt sie das Neugeborene in ihrem Haus auf. Washington hat sich entschieden, den Film wie auf einer Theaterbühne zu inszenieren. Es spielt sich alles in und um dem bescheidenen Haus und Hof ab. Die Figuren sprechen in langen, einwandfreien Monologen. Alles ist etwas sehr theaterhaft. Pures Schauspielkino, mit einer überwältigenden Viola Davis. Es geht nicht immer gut, wenn Regisseure auch noch die Hauptrolle übernehmen. Washington hat offensichtlich die Kamera mit der Präsenz der Bühne verwechselt. Sein Spiel ist übertrieben gross und wuchtig. Etwas Zurücknahme hätte dem 2-fachen Oscargewinner besser gestanden. Fazit: Es sind nicht immer die Weissen, die am Elend der Schwarzen schuld sind. Man kann sich auch selbst im Wege stehen.

Start: 16.02.17

TRAINSPOTTING2

Nach über 20Jahren sind die unangepassten Drogen-Junkies wieder zurück. Renton,Spud,Sick Boy und Begbie. Unvergesslich die berüchtigte Toilettenszene, in der Mark Renton ( Ewan McGregor) im Spülwasser nach den ausgeschiedenen Heroinzäpfchen suchte. Nun hat Oscar- Preisträger Danny Boyle („Slumdog Millionär“)  die Hauptdarsteller von damals wieder zusammentrommeln können.

McGregor, der mit Trainspotting damals seinen Durchbruch hatte und inzwischen zu einem gefragten Hollywood-Star herangewachsen ist, war sich absolut nicht zu schade, in Trainspotting2 wieder in die Rolle des Mark Renton zu schlüpfen. Vom Heroinkonsum   geheilt, kehrt er nach Edinburgh zurück, nachdem er damals seine Kumpel um 16.000 Pfund Drogengelder geprellt hat. Die damalige Truppe, die ohne Rücksicht auf Verluste ihr Leben in wildeste Abgründe gestürzt hat ist nun reifer aber nicht unbedingt klüger geworden. Sick Boy (Johnny Lee Miller), der sich jetzt Simon nennt,lebt von Erpressungen und mischt im Pornogeschäft mit. Zusammen mit Mark plant er lukrative Geschäftseröffnungen. Begbie ( Robert Carlyle) ist aus dem Knast geflüchtet. Voller Rachepläne stürzt er sich wie eine tickende Zeitbombe auf Mark. Er fordert sein Geld zurück. Beängstigende Ausbrüche gelten seinem Sohn, den er unbedingt in seine kriminellen Machenschaften einbeziehen will.Der Sohn, der den zurückgekehrten Vater nicht kränken will, hat grosse Schwierigkeiten, ihm klar zu machen, dass er sich für ein Studium entschieden hat. Der harmlose Spud (Ewen Bremner) , der versucht seine Heroinsucht zu bekämpfen, wird von Mark mächtig unterstützt. Auch im zweiten Teil gelingt es Boyle ernste, traurige und humorige Momente mit einander zu verbinden. Der Soundtrack, eine Hommage an den ersten Teil,macht durchaus Spass und die virtuose Kameraarbeit gibt dem Geschehen einen besonderen Schliff. Anspielungen und Rückblenden erinnern an die damalige Zeit des wilden Drogenkonsums. Und wenn man ganz genau hinschaut, erkennt man einen tiefen Schmerz, den die Jungen mit Hilfe von Drogen und dem bewussten Ausstieg aus der bürgerlichen Gesellschaft, versucht haben zu betäuben. Es ist Boyle hoch anzurechnen, dass er das Wagnis einer Fortsetzung eingegangen ist. Zeugt es doch davon, dass er seine Charaktere liebt. Ken Loach lässt grüssen.

Start:16.02.2017

ELLE

Paul Verhoevens verstörender Psychothriller beginnt mit einer brutalen Vergewaltigung. Das Opfer, Michèle, eine selbstbewusste erfolgreiche Chefin einer Computer-Spielfirma.

Michèle ( Isabelle Huppert) ist weit davon entfernt sich in die Rolle eines Opfers zu flüchten. Ganz im Gegenteil, sie entwickelt eine kaltblütig anmutende Beziehung zu dem Täter, indem sie sich auf Sado-Masospiele mit dem Fremden einlässt. Nicht nur ihre brutalen Videospiele zeugen von einer Kälte die ihr zu eigen ist, auch ihr knallharter Kontrollzwang zeigt, dass man es mit einer Frau zu tun hat,die alles andere als zimperlich ist Schreckliche Begebenheiten in ihrer Kindheit ließen sie so werden, wie sie ist. Obwohl von dem Täter abgestoßen, entwickelt sie eine gewisse Neugier und begibt sich in den Kampf der Geschlechter, in die Spirale von Sex und Gewalt. Verhoeven`s Film ist mehr als nur eine Studie über eine schwer verstörte Frau. Es gibt interessante Nebenfiguren und aufschlussreiche Hintergrundsinformationen. Michèle,eine Frau,die ihre Gefühle und ihre irritierenden,kompromißlosen Leidenschaften mit einer ungeheuerlichen Kraft auslebt, die Grenzen überschreitet und rigoros ihr ganz persön-liches Ding durchzieht. Sie geht ein Wagnis ein, daß jederzeit aus der Kontrolle geraten kann.  Ob man den Film mag oder nicht, mag dahin gestellt sein. Aber der schauspielerischen Wucht, mit der Huppert diese Frau spielt, kann man sich nicht entziehen. Sie ist einfach großartig. Man kann es kum glauben,daß diese zierliche Person schon 63 Jahre ist. Für ELLE hat sie gerade den Golden Globe bekommen und vielleicht bekommt diese großartige Mimin in den nächsten Tagen auch den Oscar.

Start: 16.02.2017

SUBURRA

Rom im Jahre 2011. Ein korruptes Geflecht aus Politikern, Mafiosi, organisierten Verbrecherbanden sind dabei in dem  Hafenviertel Ostia ein Vergnügungsviertel zu bauen. Ein gigantisches Las Vegas in Italien. Nach einer ausschweifenden Nacht in einem Hotel, bei der sich der Parlamentsabgeordnete Filippo Malgradi ( Pierfrancesco Favino) mit zwei Edelnutten im Drogenrausch sexuell amüsiert, kommt die minderjährige Gespielin ums Leben. Kaltblütig wird die Leiche des Mädchens entsorgt.
Peinlich, peinlich, denn der feine Herr ist gerade dabei für den mächtigen Paten, genannt „Der Samurai“, das Bauvorhaben zu realisieren. Er ist dafür verantwortlich, mit mehr oder weniger  schmierigen Methoden, die nötigen gesetzlichen Voraussetzungen dafür zu schaffen. Noch ahnt er nicht, dass der Tod des Mädchens eine Orgie der Gewalt in Gang setzt und somit das gesamte Projekt zu Fall bringen kann. Es erfolgt eine regelrechte Kettenreaktion. Auch eine Gruppe von Neo- Faschisten sind beteiligt, sogar der Vatikan hat seine Finger mit im Spiel. Alle  ziehen an den Strippen der Macht, getrieben von Ruhm und Gier. Die komplexen Querverbindungen der verschiedenen Charaktere sind die beste Vorlage für eine Serie. Der Streamingdienst  Netflix reibt sich schon die Finger.“ Suburra sorgt für fesselnde Spannung und öffnet den Blick für wüste Abgründe der italienischen Politik.
Start: 26.01.2017

SPLIT

„Wer an einer multiplen Persönlichkeitsstörung leidet, der spaltet seine Identität in verschiedene Personen auf. Meist haben die Betroffenen eine Hauptidentität und können sich an das, was die anderen Teilpersonen tun, kaum erinnern. Sie können in Bruchteilen von Sekunden ihre Persönlichkeit wechseln, ohne dass sie dies kontrollieren können. Regisseur M. Night Shyamalan ( „ The Sixth Sense) stellt in seinem Horrorthriller „ Split“  so eine gespaltene Persönlichkeit in den Mittelpunkt des Geschehens. Nervenkitzel ist angesagt, wenn Schauspieler McAvoy als geisteskranker Entführer in die Rollen von 23 unterschiedlichen Personen schlüpft. Der Wahnsinnige hat drei junge Mädchen entführt, die er in seiner Kellerbehausung gefangen hält. Er versetzt die Mädchen in Angst und Schrecken, indem er ständig mit der Ankunft eines 24-zigsten Wesen, der Bestie droht. Zwischendrin besucht er seine Therapeutin Dr. Fletcher (Betty Buckley),bei der er meist als schwuler Designer auftaucht und so tut, als könne er kein Wässerchen trüben. Seltsam berührend, seine Verwandlung in einen 9-jährigen, der in seinem kindlichen Eifer bei den Mädchen für „angstfreie“ Momente sorgt.
Shyamalan ist weit davon entfernt, ein medizinisch korrektes Abbild eines wirklich Kranken zu zeigen. Bewusst spielt er mit den Abgründen der Genres Fantasy und Horror, unterstützt von unheilvoller Musik. Für die Mädchen rennt die Zeit. Sollten sie dem Horrorhaus entkommen, dann wartet auf eine von ihnen schon der nächste Horror…..
Start: 26.01.2017

NOCTURNAL ANIMALS

Als Tom Ford`s Film  „ A Single Man 2009 in die Kinos kam, dachte man anfangs, das kann ja nichts werden. Ein Modemacher macht einen Film….naja.  Dann das: Der Film wurde mit Preisen überschüttet. Hauptdarsteller Colin Firth wurde für den Oscar nominiert. Jetzt hat der Designer einen neuen Film gestartet. „ Nocturnel Animals“  böse, dunkel, verstörend, genial. Susans (Amy Adams) Ehe ist gescheitert. Die mondäne Galeristin erhält eines Tages ein Paket von ihrem Ex  Edward( Jake Gyllenhaal). Es enthält das Manuskript seines Romans „ Nocturnal Animals mit einer Widmung speziell an sie.
Verstörend schon das Anfangsbild. Fette wabbelnde nackte Frauenkörper die sich tanzend in Zeitlupe bewegen bei der Vernissage ihres neusten künstlerischen Projekts.
Als ihr untreuer Gatte sich angeblich auf eine Geschäftsreise nach N.Y. begibt, zieht sie sich ungestört in ihre Luxusvilla in L.A. zurück und vertieft sich, immer stärker gefesselt, in die Seiten des Romans.
Sie hat Edward damals auf eine brutale Art verlassen. In seinem Roman kommt er zurück und erlebt den Schmerz auf die gleiche Weise, wie sie es ihm angetan hat. Eigentlich sind es zwei Filme, die Ford raffiniert elegant miteinander vermischt.
Jede Einstellung ist sorgfältig komponiert. Ford, ein Perfektionist, der offensichtlich nichts dem Zufall überläßt. Er kreiert Bilder, von beeindruckender Ästhetik und beim genaueren hinsehen , abstoßend zugleich. Bilder, denen man sich schwer entziehen kann.
Susan taucht ein und mit ihr der Zuschauer in eine Familie die nachts, auf dem Highway zufällig zum Opfer dreier Psychopathen wird. Immer mehr wird sie an ihre eigene Vergangenheit , an die gemeinsame Zeit mit Edward erinnert. Die quälende Geschichte, der man sich kaum entziehen kann, trifft sie und den Zuschauer tief ins Mark. Ford: „Das Publikum soll und muss den Schmerz spüren, den sie ihrem Mann angetan hat.“ Die Botschaft dieser meisterhaften Parabel lautet: Man darf Menschen nicht einfach wegschmeissen.
Start: 22.12.16

ALLIED – Vertraute Fremde

1942 kam Casablanca in die Kinos. Das Melodram berührte die Welt. Kein Film ist bisher öfter zitiert worden als Michael Curtiz` Meisterwerk. Dank Humphrey Bogart und Ingrid Bergman ein unvergesslicher Klassiker.
Es dauert keine zehn Minuten und man wird in der Kriegstragödie Allied – Vertraute Fremde“, Liebesdrama und Thriller zugleich, an diesen unvergesslichen Film erinnert.
Casablanca 1942. Nordafrika im Zweiten Weltkrieg.  Die Résistance-Kämpferin Marianne ( Marion Cotillard  und der britische Agent Max ( Brad Pitt)  zwei Fremde, geben sich als Paar aus. Ihr lebensgefährlicher Auftrag: Die Ermordung des deutschen Botschafters. Auftrag erledigt. Anstatt sich, wie vorgesehen zu trennen, verlieben sie sich ineinander, heiraten,  flüchten  nach London, und bekommen eine Tochter. Max erfährt, dass seine Frau eine Doppelagentin sein soll und in Wahrheit für die Nazis arbeitet. Nun lautet sein Auftrag: Marianne wegen Verrats zu eliminieren. Der mutmaßliche Verrat und die Liebe zu ihr stürzen ihn in eine unerträgliche Zerreißprobe. Regisseur Zemeckis erinnert mit seiner nostalgischen Inszenierung an die großen Dramen der Vierziger. Das
perfekt gedrehte Katz- und Maus-Spiel lebt von der fast greifbaren Spannung der beiden Hauptdarsteller. Diesem bildschönen Paar schaut man fasziniert zu. Das Drehbuch stammt aus der Feder des Engländers Steven Knight ( Tödliche Versprechen – Eastern Promises ). Die Schlagzeilen der Boulevardpresse, dass es angeblich zwischen den beiden kräftigt gefunkt haben soll, lasse ich mal außer acht. Diesen billigen Werbetrick braucht der Film nun wirklich nicht. In diesem Old – School – Romantik – Thriller geht es in erster Linie über große Gefühle, Liebe und Intuition.
Start: 22.12.2016

 

VIER GEGEN DIE BANK

Wer hat nicht schon mal geträumt, einer Bank so richtig die Leviten zu lesen. Drei der erfolgreichsten Schauspieler und Filmemacher dürfen das nun tun. In Wolfgang Petersens „ Vier gegen die Bank“ können sie sich so richtig austoben. Peter ( Jan Josef  Liefers) ein Schauspieler, der mal bessere Zeiten erlebt hat und dessen Geld immer weniger wird, der leicht minderbemittelte Boxer Chris (Til schweiger), der cholerische Werbefuzzi Max ( Matthias
Schweighöfer) stellen online fest, das mit ihren Aktien etwas schief gelaufen ist.  Chris plant ein eigenes Trainingsstudio, Max will eine eigene Agentur eröffnen und Peter ist pleite. Alle drei brauchen dringend Kohle. Also muss ein Sündenbock her. Der ist schnell gefunden. Tobias ( Michael Bully Herbig) ein verklemmter Angestellter der Bank hat offensichtlich Mist gebaut. Doch er ist selbst ein Opfer. Sein Chef ( ( Thomas Heinze) will ihn los werden. Auch er von Rachegelüsten gepackt, schliesst sich mit den Dreien zusammen. Die Wut, dass ihre Ersparnisse den Bach runter gegangen sind, vereint sie , die „ Drecksbank“ zu überfallen und sich zurückzuholen, was ihnen zusteht. Um für den entsprechenden Humor zu sorgen, gehen die Vier wahrlich nicht zimperlich miteinander um. Die Sprüche sind derb und unter der Gürtellinie, die Maskerade ein Witz. Die vier „ Egos“ der deutschen Filmindustrie lassen sich nicht lumpen. Ich fress einen Besen, wenn die keinen Spass beim Drehen hatten. Bedauerlich ist nur, dass der Spass im Publikum, ziemlich auf der Strecke bleibt. Was Spass macht, ist der Erkennungswert der zahlreichen Berliner Drehorte. Der monumentale Gebäudekomplex des Alten Stadthauses in Mitte, wo die Senatsverwaltung für Inneres residiert, im Film der Sitz der „ Bärenbank“. In den Gebäuden des Flughafens Tempelhof wurde gedreht, kurzum, 62 verschiedene Orte in Berlin dienten als Kulisse. Somit bekommt die Räuberklamotte eine Menge Lokalcolorit verpasst.
Warum Wolfgang Petersen nun ausgerechnet mit derartigem Klamauk auf die grosse Leinwand zurückkehrt, muss man ihn selber fragen. Schon 1976 adaptierte er für die ARD den Roman “ Gentlemen in roten Zahlen“ von Ralph
 Maloney. „ Vier gegen die Bank“, das heute ziemlich antiquierte Fernsehspiel wurde damals mit Herbert  Bötticher,
 Walter Kohut, Harald Leipnitz und dem wunderbaren Günther Neutze besetzt. Petersen: „ Meine Frau war damals Regieassistentin. Der Dreh hat ihr so viel Spass gemacht, dass sie meinte, dass der Stoff auf die Leinwand gehört.Und einer Bank, einer solch mächtigen Institution, mal so richtig einen reinzuwürgen-das kann heutzutage jeder nachvollziehn“. Den letzten Satz, kann auch ich schmunzelnd  nachvollziehen.
Start: 25. 12. 2016 ( 1. Weihnachtsfeiertag)

DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER

 Kinomagier Tim Burton hat den Bestseller „Die Insel der besonderen Kinder“ von Ransom Riggs für die Leinwand adaptiert. Im Fokus steht der 16-jährige Jake (Asa Butterfild). Sein Großvater (Terence Stamp) erzählte spannende und bizarre Geschichten, von einer mysteriösen walisischen Insel, auf der sich Kinder mit außergewöhnlichen Fähigkeiten versteckt halten. Nach seinemTod, will Jake unbedingt wissen, ob an den Geschichten etwas Wahres dran ist. Er macht sich auf die Suche und findet die Insel. Dort findet er heraus, dass die besonderen Kinder und ihre Beschützerin Miss Peregrine (Eva Green) in einer Zeitschleife gefangen sind. Es wiederholt sich immer wieder der 9.März 1943. Auch der Großvater lebte in seiner Jugend in diesem Heim, das im ersten Weltkrieg zerstört wurde und in einer der Zeitschleifen wieder aufgebaut wurde. Jake lüftet das außergewöhnliche Familiengeheimnis und wird dazu auserkoren, die Kinder vor den bösen Ungeheuern zu schützen, die Jagd auf sie machen, allen voran das Monster Barron(Samuel L. Jackson). Optisch ist die Gruselstory opulent umgesetzt. Es wimmelt von skurrilen Figuren, magischen Momenten und märchenhafter Fantasy, eine Art „X-Men“ für Kinder.

Neu ist der Plot gewiss nicht. Es geht wieder um Gut gegen Böse, einen jugendlichen Helden, der mit außergewöhnlichen Kräften gesegnet ist und der anfängliche Frieden trügt gewaltig. Burtons besessene Liebe zum Detail entschädigt für so manche Schwachstelle. Magisches Fantasykino ist es allemal.

 

FRANTZ

Francois Ozons Überraschung: Er hat einen Film überwiegend in Schwarz-Weiß gedreht, eine Tragödie und Thriller zugleich.
1919, kurz nach dem ersten Weltkrieg in einer deutschen Kleinstadt. Anna ( Paula Beer ) besucht täglich das Grab ihres Verlobten Frantz, der in Franreich gefallen ist. Eines Tages beobachtet sie einen geheimnisvollen Fremden, der Blumen auf das Grab legt. Sie spricht ihn an und erfährt, daß der junge Mann ein Franzose ist und Adrien heißt. Anna , die bei ihren Schwiegereltern wohnt, lädt den jungen Mann zum Abendessen ein. Noch weiß sie nicht , daß Adrien schon den Versuch unternommen hat, mit Frantz Vater , dem alten Dr.Hoffmeister Kontakt aufzunehmen, doch der hat ihn barsch abgewiesen. Der Hass sitzt tief und hat eine schmerzende Wunde hinterlassen. Jeder Franzose ist für Hoffmeister( Ernst Stötzner) der Mörder seines Sohnes. Die Trauer um den gefallenen Sohn sitzt tief. „ Ich liebe Deutschland, aber noch mehr habe ich meinen Sohn geliebt“ sagt Hoffmeister, der schon vor dem Krieg Mitglied in nationalistischen Kreisen war und seinen Sohn buchstäblich gedrängt hat sich einzuschreiben. Frantz Mutter hofft, von dem Fremden etwas über ihren Sohn  zu erfahren, der schon vor dem Krieg in Paris studiert hat. Sie empfängt Adrien ( Pierre Niney) wie einen guten Freund des gefallenen Sohnes.
Geschickt legt Ozon eine Spur, die den Zuschauer auf eine falsche Fährte führt. Der Plot enthält jede Menge Überraschungen, die getragen sind  von dem aufrichtigen Glauben an Vergebung und dem Gedanken, dass alle Menschen letztendlich Brüder sind. Mit seinen eindringlichen Schwarz-Weiß-Bildern , die in ganz besonderen Momenten in farbige wechseln, taucht er das Geschehen in eine kunstvolle Künstlichkeit, die fern von Kitsch und Übertreibung ist. Er zeigt, daß eine freundschaftliche Verbindung zwischen Deutschen und Franzosen durch Musik und Kunst durchaus möglich ist. Die hervorragenden Darsteller, besonders die junge Paula Beer, von der man in Zukunft viel, viel mehr sehen wird, machen dieses Drama besonders sehenswert.
Start: 29.09.2016

NEBEL IM AUGUST

Leider, leider ist die tragische Geschichte, die Kai Wessel in seinem Film erzählt, eine wahre. 2008 veröffentlich Robert Robert Domes den Tatsachenroman „ Nebel im August“, in dem er über das tragische Schicksal des Jungen Ernst Lossa berichtet. Der Produzent Ulrich Limmer war zutiefst erschüttert als er von dem tragischen Schicksal erfuhr. Er kümmerte sich um die Rechte an dem Buch und entwickelte einen Spielfilm über ein Thema, das in der Öffentlichkeit wenig Beachtung gefunden hat: Die NS-Euthanasie, der Massenmord an über 200.000 psychisch kranken und behinderten Menschen in Heil-und Pflegeanstalten. Sie wurden vergast, vergiftet oder starben einen bewusst herbeigeführten Hungertod.
Der 13-jährige Ernst Lossa ( Ivo Pietzcker, der schon in „ Jack“ seine Rolle bemerkenswert gespielt hat), Halbwaise und Sohn fahrender Händler, ist ein aufgeweckter , rebellischer Junge, der in Kinderheimen lebte und von dem Personal als „ schwer erziehbar“ eingestuft wurde und kurzerhand in eine Nervenheilanstalt abgeschoben wurde. Instinktiv spürt er, dass er ein Außenseiter ist, genauso wie die anderen Kinder in der Anstalt. Er beobachtet, wie Kinder auf Anweisung der oberen NS-Schergen aus Berlin abgeholt werden und nicht mehr zurückkommen. Später überträgt man die Entscheidungen den jeweiligen Anstaltsärzten die „ Patienten“ nach eigenem Ermessen in den Tod zu schicken. Dr. Walter Veithausen ( Sebastian Koch) der „ gute Onkel Walter“ entwickelt seine eigenen Methoden, indem er die für nicht lebenswert eingestuften Kinder vor Ort einschläfert oder sie verhungern lässt, während sie „essen“. Diese Kost wurde ganz schnell von anderen Heimen übernommen und erfolgreich eingesetzt. Für Ernst, der genau mitbekommt, was hinter der scheinheiligen Freundlichkeit des Dr. Veithausen wirklich abläuft, eine kaum tragbare Last, die den Jungen nicht verzweifeln lässt, sondern ihn dazu bewegt, sich dagegen zu stellen, indem er aus den Vorratskammern Lebensmittel stiehlt und sie den hungernden Kindern heimlich verabreicht. Es ist Ernst, der den Mut aufbringt, und Veithausen ins Gesicht schreit, dass er ein hundsgemeiner Verbrecher ist. Ein Lügner und Mörder. Seine „ Aufmüpfigkeit“ führte dazu, dass man beschloss, auch Lossa zu euthanisieren. Kai Wessel versteht es, seine Schauspieler großartig zu führen, ganz besonders den hochbegabten Ivo, der durch sein eindringliches und minimalistisches Spiel die psychische Belastung seiner Rolle während der Dreharbeiten mit Bravour meistert. Der Pfleger Paul Hechtle  (Thomas Schubert ), der hin-und hergerissen ist zwischen Unterwerfung und einem Gefühl von Unrecht und Mitmenschlichkeit ist bemerkenswert. Fritzi Haberlandt, die Ordensschwester, die sich mit Lossa verbündet, als sie Zeugin des perfiden Tötens wird. Sebastian Koch, der in seiner sanften Art ohne jedes Schuldgefühl, überzeugt ist, das Richtige zu tun, lässt einen erschauern. Und nicht zu vergessen, die Kinder, deren Spiel von einer unglaublichen Ernsthaftigkeit und Natürlichkeit geprägt ist, zeigt Wessels enormes Einfühlungsvermögen mit dem er gekonnt sein Team führt. Es ist der Nebel im August , der des nachts über dem Teich liegt, als Ernst und seine zum Tod geweihte Freundin Nandl ( Jule Hermann ) davon laufen, sich einen Kahn schnappen und für einen kurzen Moment ihren kindlichen Träumen nachhängen.
Kaufbeuren, ein idyllischer Ort in Süddeutschland, wo hinter den Wänden eines dunklen Backsteinhauses zwischen 1939 und 1945 aus niederen Motiven kaltblütig gemordet wurde.
„ In den Prozessen nach dem Krieg wurden die meisten Ärzte und Organisatoren des Massenmordes freigesprochen oder zu geringen Freiheitsstrafen verurteilt. Es dauerte bis 2014, bis in Berlin ein Gedenk- und Informationsort  zu Ehren der Opfer der NS-„ Euthanasie“ errichtet wurde“.
Start: 29.09.2016

24 WOCHEN

Es gibt mehr als genug Filme, die man ganz schnell vergessen hat, noch bevor man wieder zu Hause ist. Ich rede von Kinofilmen. 24 WOCHEN gehört nicht dazu. Es geht in erster Linie um eine Problemschwangerschaft und die Entscheidung das Baby mit erkennbarem Downsyndrom zur Welt zu bringen oder nicht. Astrid (  Julia Jentsch ) und ihr Mann Markus ( Bjarne Mädel) stehen vor der schlimmsten Entscheidung ihres bisherigen Lebens. Leicht machen sich die beiden die Entscheidung nicht. Eine Belastungsprobe für alle Beteiligten auch für die 7-jährige Tochter, die behinderte Kinder eklig findet. Wenn es um medizinische Fragen und Antworten geht, wird das Paar von echten Ärzten und Schwestern beraten und das gesamte Team darf im Krankenhaus drehen, was dem Tabuthema eine glaubhafte emotionale Wucht verschafft.
Für meine Begriffe hat man jedoch ein wenig geschummelt. Es ist schon ein Unterschied ob ich vor der Entscheidung stehe ein Downsyndrom-Kind  abzutreiben, was ja nicht unbedingt schwachsinnig sein muss, sondern durchaus zu einem sonst gesunden und liebenswerten Menschen heranreifen kann. Das Baby, was Astrid auf die Welt bringen würde hat nun zusätzlich auch noch einen Herzfehler, der nach der Geburt sofort operiert werden muss und die Chance, dass das Kind den Eingriff überlebt ist mehr als vage. Diese Nachricht, macht den Kampf sich für oder das Kind zu entscheiden, ein wenig leichter.
Auf jeden Fall ist es ein deutscher Film über den noch lange geredet wird und spannende Diskussionen auslöst.
Start: 22.09.2016

 


 

 

SNOWDEN

Nach der brisanten Doku „ Citizen- Four hat Oliver Stone den Spielfilm „ Snowden“ mit Hauptdarsteller Joseph Gordon Levitt  auf die Leinwand gebracht. Da Snowden in den USA als Flüchtiger und „ Nestbeschmutzer“ gilt, fanden die Dreharbeiten unter größten Sicherheitsvorkommen statt. Allein das Drehbuch wurde nur auf einem Computer getippt, der auf keinen Fall mit dem Internet verbunden sein durfte. Als es fertig war, wurde es an zwölf unterschiedliche Adressen geschickt, um zu verhindern, dass niemand das vollständige Script sieht. Wer sich mit Snowden in irgend einer Weise einlässt, muss damit rechnen, sich der Spionage mitschuldig zu machen. Aus diesem Grund, wurde ein Großteil  des Films mit deutschem Geld in Deutschland gedreht.
3. Juni 2013. US-Journalist Glen Greenwald  ( Zachary Quinto)  und die US-Dokumentarfilmerin Laura Poitras ( Melissa Leo) treffen im Hotel „ Mira“ in Hongkong einen blassen jungen Mann, der behauptet Informationen über das geheime Ausspähen von amerikanischen Bürgern und und US- Bündnispartnern durch den Auslandsgeheimdienst NSA und der CIA zu haben. Es ist der US- Amerikaner Edward Snowden, der es mit seinem Gewissen nicht mehr vereinbaren konnte, die geheimen Überwachungspraktiken seines Landes mit an zusehen. In Rückblenden erzählt Stone, wie Snowden erst als untauglich aus dem Militär entlassen wird, sich selbst zu einem Computerexperten entwickelt und letztendlich beim CIA und der NSA als Systemadministrator Karriere macht. Stone zeigt auch in erstaunlich schlichter Weise, Snowdens private Seite, vor allem das Verhältnis zu seiner Lebensgefährtin Lindsay Mills ( Shailene  Woods), die ihm, wie bekannt nach Moskau ins Exil folgte. Entstanden ist ein packender Thriller über einen unscheinbaren Computernerd, der ungewollt zu einem Helden wird, der in Moskau, von den USA zum Landesverräter verurteilt, sein Dasein fristet und so wie es aussieht, weder auf eine Begnadigung von Obama oder Hillary Clinton hoffen kann. Großartig gespielt von Gordon Levitt, der für die Dreharbeiten auf Sport und Sonnenbestrahlung verzichtete. „Snowden“, für mich eine zutiefst traurige Geschichte. Statt eines weltweiten Aufschreis mit den nötigen Konsequenzen, verläuft alles wie im Sande und es wird munter weiter spioniert.
Start: 22.09.2016

 

DEMOLITION – LIEBE UND LEBEN

Es gibt Schauspieler, da fragt man nicht lange, da geht man ins Kino, nur um sie zu sehen.
Jake Gyllenhall ist so einer. Es gibt Regisseure, da überlegt man nicht lange, da geht man ins Kino, um ihre Filme zu sehen. Und wenn dann noch beides übereinstimmt, dann kann eigentlich nichts schief gehen. Regietalent Jean-Marc Vallée ( ( Dallas Byers Club ) und Gyllenhall  in Demolition, ein aussergewöhnliches Team.
Gyllenhall  spielt Davis, einen Investment Banker, dessen Frau bei einem Unfall tödlich verunglückt ist. Auf den ersten Blick merkt man ihm seine Trauer nicht an. Im Krankenhaus versucht er sich eine Packung M&M zu ziehen, doch der Automat will nicht so, wie er es will.
Er setzt sich hin und schreibt an die Firma. Man erwartet eine kurze Mitteilung über den Vorgang mit einer Bitte, ihm das Geld zurück zu erstatten. Nein, er schildert seine psychische Situation in aller Ausführlichkeit. Für ihn eine Möglichkeit, sich der eigenen Person zu nähern. Es bleibt nicht bei dem einen Brief. Sein Schwiegervater ist ihm nicht wohl gesonnen, auch wenn er ihm in seiner Firma eine Anstellung geboten hat. Später fällt der Satz: „ Warum
sie…dich hätte es erwischen sollen“. Davis hat keine Person, der er sich aus tiefstem Herzen mitteilen kann. Ihm fällt es schwer zu trauern. Der Film spielt mit wunderbaren , ganz beiläufig gesprochenen Sätzen, die bei näherem hinhören, seinen Seelenzustand  erkennen lassen. Ein besonderer Moment ist, als er sich besinnt einem Mann, mit dem er täglich im Pendlerzug sitzt und dem er beiläufig erzählte, er sei Matratzenvertreter die Wahrheit zu sagen. Dabei stellt sich heraus, dass auch der die Unwahrheit gesagt hat. Erstaunt rutscht es aus ihm heraus: „ Ich habe meine Frau nicht geliebt“.
Sein Schwiegervater ( Chris Cooper) verlangt, dass er sich der familiären Trauer anzupassen hat. Eines seiner letzten Gespräche mit seiner Frau ging um ihren Kühlschrank, der irgendwo undicht ist. Er beginnt den Ratschlag ihres Vaters umzusetzen, Dinge, die kaputt sind auseinander zu nehmen, um sie besser reparieren zu können. Diese Art der „ Demolition“  (Zerstörung) nimmt Besitz von ihm. So kommt er dem Problem der Trauer über seine Frau näher und näher. Ein Vorgehen, das Davis dazu bringt, sein eigenes Gefühlsleben immer mehr zu zerkleinern, um auf die Spur seiner wirklichen Empfindungen zu stossen. Es geht soweit, dass er sich einen wuchtigen Vorschlaghammer kauft und sein eigenes Haus zerstört. In einem seiner Briefe schreibt er es: „ Aus irgend einem Grund ist alles zur Metapher geworden“.
Eine Angestellte aus der Automatenfirma ( Naomi Watts) ist von seinen Briefen gerührt . Sie nimmt Kontakt mit ihm auf. Die sich langsam entwickelnde Freundschaft zu ihrem ziemlich aufsässigen Sohn, helfen Davis sich aus seiner Schockstarre zu lösen. Oder war Davis schon immer ein emotionaler Krüppel? Wer jetzt meint, Zuschauer eines Trauerspiels zu sein, der irrt. Mit feinsinnigem Humor und einer genialen Virtuosität setzt Vallée seinen Protagonisten in Szene, der so langsam wieder zurück ins Leben findet.
Dieser Film gehört für mich in diesem Jahr zu meinen Lieblingsfilmen und das sind wahrlich nicht sehr viele.
Start: 16.06.2016

DER MOMENT DER WAHRHEIT

Reportern und Journalisten die brisanten Informationen nachgehen, wird das Leben oft sehr schwer gemacht. So gesehen in dem ausgezeichneten Dramen SPOTLIGHT oder KILL THE MESSENGER.
New York, September 2004. Wahljahr in den USA. George W. Bush hat enorme Chancen wieder gewählt zu werden. Mary Mapes ( Cate Blanchett ) ist Produzentin des Mittwochsableger der beliebten Nachrichtensendung“ 60Minutes“, die sonntagabends auf CBS ausgestrahlt wird. Furore machte sie mit der im April ausgestrahlten Berichterstattung über die Foltermethoden im Militärgefängnis Abu Ghraib. Nun sind der Nachrichtenchefin brisante Dokumente zugespielt worden, die den amerikanischen Präsidenten in ein denkbar schlechtes Licht rücken. Es handelt sich um einige Unstimmigkeiten in seiner angeblich tadellosen Militärlaufbahn. Mapes stellt ein professionelles Ermittlerteam zusammen, das  nach einem Informanten sucht, der Licht in die dunkle Vergangenheit Bushs bringen kann. Die mühselige Arbeit kann beginnen. Die Zeit ist knapp.
Dan Rather ( Robert Redford ), der „ Star“ unter den Reportern der CBS-News, Anchorman und öffentliches Gesicht des Senders, enthüllt in einem investigativen Bericht, Bush habe sich 1970 mit Hilfe seiner einflussreichen Familie vor dem Militäreinsatz in Vietnam gedrückt.
Die Meldung schlägt ein wie eine Bombe. Internet- Blogger und  konkurrierende Presseorgane zweifeln die Authentizität der Beweismittel an. Ein halsbrecherischer Wettlauf um die Wahrheit ist eröffnet. Nun geht es nicht mehr um die Verfehlungen des im Wahlkampf befindlichen Präsidenten Bush, sondern nur noch um journalistische Fehleinschätzungen und schlampig recherchierte „ Wahrheiten“. Das liberal eingestellte Team wird verdächtigt, eine  gesteuerte Lügenkampagne öffentlich zu etablieren.
CBS untersucht in einem internen Ausschuss das brisante Fiasko. Den Vorsitz hat Richard Thornburg ( Helmut Bakaitis). Er war unter dem früheren Präsidenten George H.W. Bush Justizminister. Mary Mapes stellt sich den teilweise unfairen Fragen ruhig und gelassen. Sie wurde vorläufig von ihrer Arbeit freigestellt. Zuhause in Dallas erfährt sie, das nach dem Wahlsieg Bushs, Rather seinen Job als Sprecher der CBS Evening News verloren hat. In einer  2. Befragung wirft sie dem Gremium vor, sich politisch instrumentalisieren zu lassen.
Daraufhin verliert auch sie ihren Job, behält aber ihre Integrietät.
Rather verabschiedet sich in seiner letzten Sendung mit seinem geflügelten Wort:COURAGE.
Der Film beruht auf wahren Ereignissen, der sogenannten „ Rathergate- Affaire“, ein Kampf gegen unüberbrückbare politische Seilschaften und dem kostbaren Gut der Pressefreiheit, nach dem Buch von Mary Mapes: TRUTH AND DUTY: THE PRESIDENTAND THE PRIVILEGE OF POWER. Genauestens betrachtet vom Drehbuchautor( Zodiac, White House Down ) und Regisseur James Vanderbilt ( Regiedebut!) Er setzt ganz auf die Stars Blanchett und Redford,  hausbacken und pathetisch  inszeniert. Trotzdem, ein unmissverständliches Plädoyer für die Pressefreiheit. Spannende Unterhaltung á la Hollywood.
Start: 02.06. 2016

VOR DER MORGENRÖTE

Stefan Zweig, geb. 28. Nov. 1881 in Wien, gestorben 1942 in Petrópolis , Bundesstaat Rio de Janeiro, Brasilien. Er stammt aus einer großbürgerlichen jüdischen  Familie. In Wien und Berlin studierte er Germanistik und Philosophie. Religiös war seine Familie nicht. Er selbst bezeichnete sich als „ Zufallsjude“. Sein Lebensstil war großbürgerlich geprägt. Er reiste viel und gern. Seine Ehe mit Friderike Zweig wurde 1938 in London geschieden. Der Kontakt zu ihr brach jedoch nie ab. Ein Jahr später heiratete er Charlotte Altmann, die ihn auf allen seinen Reisen begleitete. In der Nacht vom 22. zum 23. Februar nahm er sich das Leben. Er litt seit Jahren an Depressionen. Beinahe alle seine Werke enden in tragischer Resignation.

Im Februar 1934. Der Österreicher Stefan Zweig fürchtet nach einer Hausdurchsuchung die Verfolgung der braunen Brut. Er emigriert nach London. Nach der Machtergreifung der Nazis wurden seine Bücher in Deutschland verboten. Einige Zeit später dann auch in Österreich.
In ihrem Film VOR DER MORGENRÖTE erzählt Maria Schrader in sechs Kapiteln die jeweiligen Stationen Zweigs im Exil. Er, ein Schriftsteller auf dem Höhepunkt seines literarischen Schaffens wird in die Emigration getrieben, voller Verzweiflung bei dem Gedanken des Untergangs Europas. Ein Flüchtling, der seine Heimat verliert , auf der Suche einer neuen.
Im August 1936 wird ihm zu Ehren ein gigantischer Empfang gegeben. Bewegt hält er eine eindrucksvolle Rede. Für ihn stellt sich dieses Land  als ein Ort der Zukunft dar, ein Land, indem das friedliche Zusammenleben verschiedenster Rassen möglich ist.
September 1936.  Buenos Aires. Schriftsteller aus 50 verschiedenen Nationen treffen sich, um über den aufkommenden Faschismus in Europa zu diskutieren. Ehrengast Stefan Zweig.
Januar 1941, Bahia, Südamerika. Zweig befindet sich auf Vortragsreise durch Südamerika. Immer an seiner Seite seine Frau Lotte ( Aenne Schwarz ). Der Besuch beim Bürgermeister verläuft jedoch ziemlich peinlich. Was gut gemeint ist, entblösst sich als Geschmacklosigkeit.
New York, 1941. Eiseskälte. Hier trifft er seine geschiedene Frau Friderike (Barbara Sukowa)  wieder. 20 Jahre lebten sie zusammen. Friderike, eine toughe Persönlichkeit, die mit ihrem freizügigen Geist und ihrem selbständigen Verstand Stütze und Schutz geboten hat. Ganz das Gegenteil von der treuergebenden Lotte, die den Luxus des Reisens geniesst. Friderike macht ihm unmissverständlich klar, wie privilegiert er doch sei und  das er durch seine Beziehungen viel mehr dafür tun könnte, Freunden in Europa die Ausreise zu ermöglichen. Er solle daran denken, was mit denen geschieht, die in Deutschland ausharren müssen. Schmerzlich wird ihm bewusst, wie stark er die Unterstützung seiner Ex vermisst. Von Wut und Ohnmacht gebeutelt wird ihm klar, dass fast sein gesamtes Vermögen in England verloren ist. Um Bürgschaften leisten zu können, fehlt ihm das Geld. Er trifft den Verleger Ben Huebsch ( Stephen Singer), der ihn ermutigt sein biographisches Werk DIE WELT VON GESTERN fertig
 zu stellen.
Petrópolis, November 1941. Stefan und Lotte Zweig beschliessen an diesem Ort zu verweilen.
Was für ein Zufall. Unverhofft trifft er Ernst Feder, ehemaliger Ressortleiter des „Berliner
Tageblatts“. Auch er ist mit seiner Frau in Petrópols ansässig geworden. Es ist Zweigs sechzigster Geburtstag. Feder schwärmt von der paradiesischen Landschaft und der Abgeschiedenheit von allem üblen Geschehen.  Doch für Zweig haben Feders Worte keinen Trost. Seine Depressionen werden durch die Schuldgefühle sich in Sicherheit zu bewegen nur verstärkt. Eine furchtbare Verzweiflung hat sich eingeschlichen.
Lotte und Stefan Zweig haben in dieser Nacht ihr Leben beendet. Man findet sie in inniger Umarmung auf dem Bett im Schlafzimmer.
Feder liest aus dem auf deutsch verfassten Abschiedsbrief: „ Ich grüsse alle meine Freunde!
Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger , gehe ihnen voraus“.
Josef Hader glänzt in der Rolle Zweigs. Er lässt subtil erkennen, wie zerrissen  Zweig letztlich war. Ein Getriebener,der die politischen Ereignisse nicht verkraften konnte, der vielleicht erkannt hat zu schwach zu sein, um sich vehement dagegen zu stellen.
Start: 02.06.2016

MONEY MONSTER

Dreieinhalb Jahre hat sich Judie Foster mit ihrem Film „ Money Monster“ intensiv beschäftigt. Gerade eben flanierte die Crew noch über den Roten Teppich in Cannes und nun ist der Finanzthriller bei uns in den Kinos zu sehen.
It`s Showtime, Baby! Das tanzende Money Monster Lee Gates ( George Clooney) verkündet in der Finanzshow vollmundig jede Menge Anlagetipps, verständlich für Jedermann. In der Maz seine coole Kollegin Patty Fenn ( Julia Roberts ), die sämtliche Monitore im Blick hat und mit dem Moderator verstöpselt ist. Doch plötzlich wendet sich das Blatt, aus dem grosskotzigen Anlageberater wird eine kleinlaute Geisel mit Knarre am Schädel und Sprengstoffgürtel am smarten Körper. Ein junger Paketbote besetzt das Studio, durch Gates falschen Anlagetipp hat der arme Kerl sein gesamtes Geld verloren. Jetzt und sofort will er Antworten, live. Er scheint zu allem entschlossen. Er kann jederzeit den Auslöser in Gang setzen und es knallt. Es ist Fenn, die hinter den Kulissen die Ruhe behält. Sachlich und besonnen sorgt sie dafür, den verzweifelten Mann zu unterstützen und die Verantwortlichen aus dem „ Casino Wallstreet“ vor die Kamera zu kriegen. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt. Um den üblen Missbrauchsfall aufzuklären, winden sich so einige geschmeidig wie ein Aal.
Bestes Hollywood-Kino, unterhaltsam und spannend in Szene gesetzt, wobei die Kritik am herrschenden Kapitalismus mit seinen gierigen Machenschaften auf den Finanzmärkten doch ziemlich dezent ausfällt.
Den schnöseligen Finanzguru spielt Clooney mit seiner berühmten Schnodderigkeit lässig und gekonnt, doch als die Situation im Fernsehstudio bitter ernst wird, lässt sein Schauspieltalent ihn etwas im Stich.
Start:26.05.2016

Monsieur Chocolat

Ein bisschen Ähnlichkeit mit seiner Rolle In MONSIEUR CHOCOLAT ist der grandiose Erfolg von Omar Sy als dunkelhäutiger Schauspieler ( ZIEMLICH BESTE FREUNDE) nicht zu leugnen.
Auch er musste sich immer wieder anhören, dass er der erste schwarze Schauspieler ist, der in Frankreich eine derartige Karriere macht. In „ Monsieur Chocolat“ spielt er einen ehemaligen Sklaven, der im 19. Jahrhundert seinen kargen Lebensunterhalt in einem Wanderzirkus verdient, indem er dort unter dem Bühnennamen Kananga als wilder Kannibale das Publikum erschreckt. Als der weisse Clown Footit mit seinen Auftritten keinen grossen Erfolg mehr hat, schlägt er dem Direktor vor, dass Raphael Padilla, alias Kananga und er doch als Duo auftreten könnten. Er der Weisse, der den Schwarzen verhöhnt und bei jedem „Fehler“ den der macht, mit Arschtritten straft, demütigt und der Lächerlichkeit preisgibt. Während das Publikum auf der Leinwand vor Vergnügen johlt und sich ausschüttet vor Lachen, sitzt das Publikum im Kinosessel und, ja man kann es so sagen, schämt sich fremd. Der weisse Clown und der  Dumme August steigen zu Publikumslieblingen auf , werden zur Sensationsnummer im grössten Varieté von Paris. Padilla, der erste Schwarze , der in ein besseres soziales Milieu aufsteigt. Der Ruhm steigt ihm zu Kopfe. Er verfällt dem Glücksspiel, schmeisst sein Geld mit vollen Händen raus, hüllt sich in feinste Anzüge, bis er merkt, dass er nur als Dummer August wahr genommen wird, ein Grimassenprinz, der die Reichen zum Lachen bringt. Er träumt davon als Künstler wahrgenommen zu werden. Als er den haitianischen Intellektuellen Victor kennen lernt  der ihm die Augen öffnet wie erbärmlich die Situation der Schwarzen in Frankreich ist, dass er mit seinen Auftritten den Vorurteilen noch „ Zucker“ gibt, beschliesst er, der erste Schwarze zu werden, der im Theater den Othello spielt.
Auch der Alltag ist geprägt von rassistischen Begebenheiten. Padilla besucht mit seiner weissen Freundin eine Kolonialausstellung, heute würde man von Weltausstellung sprechen. Dort werden gefangene Schwarze als primitive Rassen, wie Tiere im Käfig ausgestellt. Einer der Gefangenen macht den elegant gekleideten Padilla zur Zielscheibe seines Hasses und beschimpft ihn auf`s Übelste.
Footit Darsteller James Thièrèe besticht durch seine artistisch perfekt choreografirten Clowns-
Nummern. Die enorme Leinwandpräsenz des Omar Sy und die Umsetzung dieser wahren Geschichte könnte eine Oscarnominierung zur Folge haben.
Der Ruhm des Monsieur Chocolat, der eigentlich keiner ist.
Start: 19.05.2016

THE WITCH

Mitte des 17.Jahrhunderts. Eine streng gläubige Großfamilie wird aus ihrer Siedlung in
Neuengland verstoßen und zieht auf ein Gehöft dicht am Waldrand. Die Ernte ist mickrig, der jüngste Sohn, ein Baby, verschwindet. Die Familie wird von unerklärlichen Vorgängen in eine selbstzerstörerische Glaubenskrise gestürzt. Ihre Furcht, dass in dem Wald etwas Böses lauert, sorgt für eine bemerkenswert düstere Atmosphäre. Der Schmerz, ihr religiöser Wahn, gepaart mit unerträglichen Schuldgefühlen, treibt die Familie in einen gegenseitigen Selbstzerfleischungsprozess.
 Der größte Feind sind letztlich die eigenen irrsinnigen, vom Glauben geprägten Denkmuster. Im Mittelpunkt steht die ältere Tochter, die ihren jungen Geschwistern einredet, sie sei eine Hexe. Eindringlich gespielt von der 20-jährigen Anya Taylor-Joy, die nicht im geringsten ahnt, was sie damit herauf beschwört. Eine Familie,
gefangen in einem Netz von religiösen Wahnsinn, einem Vater, der seine Kinder an den Teufel verliert.
Grandios fotografierter Horror, verbunden mit unheimlich subtiler Spannung.
Robert Eggers THE WITCH wurde auf dem Sundance Film Filmfestival mit großem Erfolg gefeiert.
Gänsehaut!
Start: 19.05.2016

REMAINDER

Für Tom ist es dumm gelaufen. Er war zur falschen Zeit am falschen Ort. Ein Moment im Leben, der alles verändern kann. Ein schwerer Gegenstand trifft ihn am Kopf, sein Gedächtnis ist ausgelöscht. Aus dem Koma erwacht, beginnt eine langwierige Zeit in der Reha. Zu seinem Erstaunen bietet man ihm eine Entschädigungssumme von 8,5 Millionen Pfund an, die er dazu benutzt, sein früheres Leben Stück für Stück zu rekonstruieren. Gepeinigt von verstörenden Visionen , beginnt er akribisch die vorhandenen Szenen, die er im Kopf hat in der Realität nachzustellen. Es sind fragmentarische Erinnerungsbilder, ein Haus, eine alte Frau die Rinderleber brät , ein Junge in einem blau-roten Anorak und der ferne Klang einer Klavierfuge. Erinnerungen oder Traum? Tom begibt sich auf die Suche nach seiner verlorenen Identität. Er findet das Haus, kauft es , wirft die Mieter hinaus. Es ziehen Schauspieler ein, die  in einer Endlosschleife die Szenen wieder und wieder nachspielen, aufgezeichnet von unzähligen Kameras. Wie besessen versucht er in seine Vergangenheit einzudringen. Warum tauchen immer wieder zwei Polizisten auf, die es offensichtlich auf Tom abgesehen haben. Toms Re-Inszenierungen nehmen immer gewalttätigere Züge an, am Ende steht er wieder da, wo alles angefangen hat. Ein Psychothriller der stark an David Lynchs „ Mulholland Drive“ erinnert. Ein Film der Rätsel aufgibt ohne sie zu lösen. Es ist ungeheuer spannend, den kuriosen Wendungen in diesem abgefahrenen Paranoiastreifen zu folgen. Eine waghalsige Balance zwischen Erinnerungen, Träumen oder Täuschungen.
Buch und Regie Omer Fast, nach dem gleichnamigen Roman ( Remainder) von Tom
Mc Carthy. Tom, intensiv gespielt von Tom Sturridge ( FAR FROM THE MADDING CROWD-AM GRÜNEN RAND DER WELT).
Start: 12.05.2016


SON OF SAUL

Vernichtungslager Auschwitz- Birkenau. Eine Vielzahl nackter Menschen. Männer, Frauen, Kinder. „ Rein, immer rein in die gute Stube. Ihr wollt doch alle duschen“.

Täglich müssen Saul und die anderen die Leichen aus den Gaskammern zerren. In seinem ersten langen Spielfilm hat sich der ungarische Regisseur László Nemes in die Hölle von Auschwitz begeben. In seinem Drama verfolgt er, in gelblich – bräunliches Licht getaucht , fast ausschliesslich mit der Handkamera gedreht, seinen Protagonisten Saul ( Géza Röhrig), der dazu verurteilt ist, die Gefangenen beim Entkleiden voranzutreiben, sie in die Gaskammern zu leiten und anschliessend die Öfen zu reinigen. Und wehe, er liefert die eingesammelten Wertgegenstände nicht gewissenhaft ab. Sein Ausdruck regungslos, sein Blick stoisch nach vorn gerichtet. Als er in einem toten Kind seinen unehelichen Sohn zu erkennen glaubt, ist er nur noch von einem Gedanken beseelt: Der Junge muss ein würdiges Begräbnis bekommen.
Er verschleppt ihn aus der Autopsie, versteckt ihn, und macht sich verbotenerweise auf die Suche nach einem Rabbi. Die Kamera verfolgt das eindringliche Spiel des ausgezeichneten Darstellers mit einer beinah unerträglichen Nähe. Die Tötungsmaschinerie im Lager läuft perfekt. Die Kamera stoppt vor der Gaskammer. Die Tonspur läuft weiter. Es ist kaum auszuhalten. Das immer stärker werdende Geschrei der Menschen, dann immer kraftloser, bis hin zu einem kläglichen Winseln, bis es gänzlich verstummt. Anschliessend das monotone Kratzgeräusch von den Gegenständen mit denen Saul die Wände reinigen muss. Unterbrochen von den absichtlich kaum zu verstehenden rüden Befehlslauten der teilweise lachenden braunen Brut. Es wurde berichtet, als der Film in Cannes gezeigt wurde, einige Zuschauer vor dem Ende, den Saal kreidebleich verliessen. Am Beispiel von Saul zeigt dieser erdrückende Film, dass man auch noch in einer unbeschreiblichen Schreckenssituation ein Gefühl von Mitmenschlichkeit zulassen kann. Ausgezeichnet mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Obwohl bis zur Unerträglichkeit ausgereizt und den bewusst eingesetzten Unzulänglichkeiten, ist es ein filmisches Meisterwerk.Start: 10.03 2016Ulrike Schirm

DER CLAN

Anfang der 80er-Jahre in Argentinien.  Die Zeit der  Militärjunta neigt sich ihrem Ende. Sieben Jahre grausame Diktatur waren mehr als genug. Endlich kehrt  das Land zur Demokratie zurück. Es ist eine Zeit des Umbruchs und Niemand kann Niemandem trauen. Regisseur Pablo Trapero erzählt die Geschichte der Großbürgerlichen Familie Puccio, deren Wohlstand  nicht wie ihr Umfeld glaubt, durch ehrenwerte Arbeit erwirtschaftet ist, sondern durch üble Machenschaften wie Entführungen, Lösegelderpressungen und eiskalte Morde. Geld kassiert, Entführungsopfer tot. Diese entsetzlichen Grausamkeiten konnten bestens funktionieren, da zu Zeiten der um sich wütenden Junta ständig Menschen verschwanden und nie wieder auftauchten. Familienoberhaupt Arquimedes ( Guillermo Francella) konnte somit unerkannt seinem kriminellem Tatendrang nachgehen. Die Polizei stellte sich blind und die Machthaber hielten schützend ihre Hand über die ausgekochte Verbrecherfamilie. Niemand aus der Gemeinde käme auf die Idee ,wenn man den freundlichen älteren Herrn beim Fegen der Strasse freundlich grüssend erlebte, ein  „Ungeheuer“ vor sich zu sehen. Besonders perfide geht er vor, indem er seinen Sohn in seine grauenvollen Taten hineinzieht. Aus Respekt und Furcht vor seinem Vater buhlt er um dessen Anerkennung , denn sein Bruder hat schon längst das Weite gesucht, offenbar ahnend, dass in diesem Hause etwas nicht stimmt. In seiner Freizeit ist Alejandro ( Peter Lanzani ) ein leidenschaftlicher Rugbyspieler, der viel zu spät begreift, das sein übermächtiger Vater ihn in die Entführung seines Spielerfreundes Ricardo skrupellos mit hinein zieht. Und da er dringend Geld für die Eröffnung eines Sportgeschäftes braucht, ist er dankbar für die Spende eines Teils des Lösegeldes. Immer mehr beginnt der Junge zu begreifen , was da wirklich läuft. Ahnte er doch nicht, dass sein Vater die Geiseln kaltblütig hinrichten lässt. Je mehr die Macht der Junta brökelt und die Demokraten an Zuspruch gewinnen, wird das bisherige Sicherheitsnetz für Alejandros Puccio immer löchriger. Noch immer fühlt er sich absolut sicher, wird immer dreister. Auf offener Strasse, am helllichten Tag, entführen sie eine Frau, halten sie im Keller ihres Hauses gefangen. Ihre Schreie sind unüberhörbar,  die Bewacher mit den Nerven am Ende. Die Familie des Opfers weigert sich die 500.000Dollar Lösegeld zu zahlen. Auch die restlichen Familienmitglieder können sich nicht mehr dumm stellen. Die Klagelaute dringen bis nach oben. Das grausame  „Spiel“ ist zu Ende. Die Familie beginnt sich selbst zu zerfleischen. Trapero erzählt die Ungeheurlichkeit dieser Taten, die sich in und ausserhalb dieser Familie zutragen, als spannenden Thriller , ein Horrorfilm, dessen Melodramatik, besonders was den Sohn betrifft,  sprachlos machen. Wie kann so etwas überhaupt jahrelang geschehen. Wie muss man gestrickt sein, um solche Taten innerhalb einer Familie durchzuführen und alle machen irgendwie mit, mal mehr oder weniger. Aufgeflogen und  im Knast, Puccios Worte zu dem Sohn: „ Alles was Du bist, hast Du mir zu verdanken. Ich halte die Fäden in der Hand. Auch in Deinem Verein“.
Trapero: „ Die Zeitangaben, die Orte die Abläufe basieren auf Fakten. Die ersten beiden Entführungen haben wir streng nach den  Beschreibungen der Familien der Opfer nach-
gestellt. Da waren wir so präzise, wie das in einem Spielfilm möglich ist. Ich wollte keine dokumentarische Arbeit  abliefern. Ich musste mir künstlerische Freiheiten nehmen, anders hätte ich  den Film unmöglich machen können. Es sollte nicht alles echt sein. Aber es sollte  sich echt  anfühlen, wahrhaftig, greifbar, nachvollziehbar. Ich zeige nicht die realen Menschen, es sind Filmfiguren. Sie sind fiktional, aber nicht frei erfunden, sondern basieren auf Beschreibungen von Menschen, die sie kannten- und die und mittlerweile auch zurückgemeldet haben, dass unsere Interpretation gelungen ist.
Die Menschen in dem Ort San Isidro  konnten nicht fassen, dass die Puccios, diese freundliche Familie, zu derartigenVerbrechen in der Lage gewesen sein sollten. Alejandro war sechs Jahre mit seiner Freundin zusammen. Sie hat nichts geahnt. Sein Schuldgefühl war am Ende so gross, dass er fünf oder sechs Mal  versucht hat, sich das Leben zu nehmen“.
Hauptdarsteller Guillermo  Francella ist einer der beliebtesten Schauspieler Argentiniens. Er ist ein Komödiant und Clown. Bravourös spielt er die Rolle als skrupelloser Killer mit den eisblauen kalten Augen. Es schaudert einen. Bitterböse.
Start: 03.03 2016
 Ulrike Schirm

FREUNDE FÜRS LEBEN

Originaltitel: TRUMAN

In der spanisch-argentinischen Koproduktion spielt Ricardo Darin einen sterbenden Theaterschauspieler, Julián. Er lebt in Madrid und trifft sich nach Jahren mit seinem besten Freund Tomás ( Javier Camara) wieder. Der lebt mit seiner Familie seit ewigen Zeiten in Kanada. Die beiden kennen sich seit Kindheitstagen. Julián lebt von seiner Frau getrennt, sein Sohn studiert in Amsterdam. Sein treuer Begleiter, der  Hund Truman, ein gealterter Bullmastiff. Dem eher introvertierten Tomás fällt es nicht leicht mit der Situation umzugehen. Er begleitet Julián zu einem letzten ausführlichem Gespräch bei seinem  Arzt und wird Zeuge als sein Freund beschliesst, die Chemotherapie zu beenden. Julián hat nun so einiges zu erledigen. Seine wahren Gefühle versteckt er hinter einer gewissen Flappsigkeit . Man spürt, wie froh er ist, den Freund an seiner Seite zu haben. Noch tritt er im Theater auf, doch auf schleimscheissige Art, wird er von nun auf jetzt entlassen. Spontan beschliesst er , seinen Sohn zu dessen Geburtstag in  Amsterdam zu überraschen. Er weiss, dass er ihn zum letzten Mal in die Arme schliessen wird. Zurück in Madrid wird ihm klar, der körperliche Zerfall ist nicht mehr aufzuhalten. Der stattliche Kerl, der er war, den gibt es nun nicht mehr. Er weiss genau, was er zu tun hat. Jetzt muss er nur noch ein neues Zuhause für seinen treuen Freund Truman suchen. Nein, von Kitsch und  Larmoyanz ist dieser wunderbare Film weit entfernt. Er beschreibt auf einfühlsame Weise vier Tage im Leben zweier Freunde, die in dem Wissen, dass sie endgültig von einander Abschied nehmen müssen, alles dafür tun, diese Zeit zu einem unvergesslichen Erlebnis zu machen, gemeinsam zu lachen, sich zu erinnern und auch gemeinsam zu weinen. Sie wissen genau, dass sie eine tiefe Freundschaft über das Leben hinaus verbindet. Der Argentinier Darin wurde als bester männlicher Hauptdarsteller ausgezeichnet. Der Spanier Camara  bekam eine Auszeichnung als bester Nebendarsteller. Insgesamt bekam die berührende Tragikomödie insgesamt 6 Goyas. „Bester Film“, Beste Regie“ ( Cesc Gay) , „ Bestes Drehbuch“ und „ Bester Schnitt.
 Und das mehr als wohl verdient. Ich gebe zu, ich hatte einen dicken Kloß im Hals , als ich den Kinosaal verließ. Es war ein Genuß, diesen beiden Schauspielern zuzusehen. Wieder einer der schönsten Filme  in diesem noch “ jungen“ Jahr.
START: 25.02.2016
Ulrike Schirm

COLONIA DIGNIDAD

Es gibt kein Zurück

1961 floh der deutsche Laienprediger Paul Schäfer nach Chile. In Deutschland wurde wegen Kinderschändung gegen ihn ermittelt. In seinem treuen Gefolge um die hundert begeisterten Anhänger. Etwa 300 Kilometer südlich von Santiago de Chile gründete er die berüchtigte Colonia Dignidad, Kolonie der Würde. Unter dem Deckmantel einer freikirchlichen Sekte schaffte er einen Staat im Staat und übte 40 Jahre lang, unter dem Namen Tio Permanente eine von Sadismus geprägte Schreckensherrschaft aus. Er trennte kleine Kinder von ihren Eltern, missbrauchte und prügelte sie. Er richtete Folterkammern ein und sorgte für ein gigantisches Überwachungssystem.
Florian Gallenberger beginnt seinen Film mit den Demonstrationen gegen General Pinochet, der mit einem hinterhältigen Putsch gegen den Präsidenten Salvador Allende, an die Macht kommt. Hundertausende protestieren auf den Strassen. Unter ihnen der Fotgraf Daniel , gespielt von Daniel Brühl und die Stewardess Lena ( Emma Watson) die ihren Freund Daniel für einige Tage besucht. Unzählige Demonstranten werden vom Geheimdienst verhaftet, so auch Lena und Daniel, den es besonders hart trifft. Er wird in die Folterkammer der berüchtigten Sekte verschleppt. Nun ist es eindeutig , Sektenführer Schäfer arbeitet mit dem Geheimdienst eng zusammen. Den Tipp bekommt Lena von Amnesty International, nachdem ihr die Deutsche Botschaft jede Hilfe verweigert hat. Um ihren Freund wieder zu finden, entschliesst sie sich der Sekte beizutreten. Ihr wird bewusst, auf was für eine fatale Situation sie sich einlässt. „ Binde dir deine Brüste ab, du siehst aus wie eine Schlampe“, das sind die ersten Worte, die Lena von der Aufseherin Gisela ( Richenda Carey) hören muss. Um den Filmstoff so realistisch wie möglich zu realisieren, gewann Gallenberger immer mehr das Vertrauen ehemaliger Sektenmitgliedern, die heute in der umbenannten Villa Baviera , bayerisches Dorf, leben, wo man für Eintrittsgeld unter anderem, bayerisches Trachtenspektakel erleben kann. Nach dem Ende der Diktatur  floh Schäfer 1997 nach Argentinien. Erst 2005 wurde er wegen Folter, Mord und Kindesmissbrauch gefasst. Er starb 2010 im Gefängnis. Vor diesem Hintergrund des Grauens, erzählt Gallenberger in diesem Thriller eine Liebesgeschichte, in der eine Frau zur absoluten Heldin wird, was an sich schon aussergewöhnlich genug ist. Unterstützt von den Songs „ Samba Pa Ti“( Carlos Santana), „ Ain`t No Sunshine“ ( Bill Withers) und „ Try ( Just a little bit Harder)“ von Janis Joplin. In der Rolle des Paul Schäfer agiert Michael Nyqvist bestens besetzt.
Wirklich aufgeklärt ist dieses düstere Kapitel bis heute nicht. Weder wie weit die Deutsche Botschaft involviert war , noch die Besuche damaliger CSU Politiker.
Start: 18.02.2016
Ulrike Schirm

HAIL, CAESAR

Hollywood in den  Fünfzigern. Eddie Mannix (Josh Brolin), Boss der Produktionsabteilung Capitel Pictures hat es nicht leicht. Zuhause nervt die Ehefrau, er solle doch endlich aufhören zu rauchen. Greift er trotzdem hin- und wieder zum verbotenen Glimmstengel, flüchtet er  auf den Beichtstuhl  und bittet um Vergebung. Baird Whitlock ( George Clooney) , ein etwas dümmlicher  Charlton Heesters Verschnitt, steckt mitten in den Dreharbeiten eines religiösen Sandalenfilms. Kurzerhand wird er entführt und landet bei einer Gruppe kommunistischer Drehbuchautoren, die sich zutiefst benachteiligt fühlen. Die 100.000Dollar Lösegeld sollen für den , nach ihrer Meinung, finanziellen Ausgleich sorgen. Und als ob das nicht schon genug Ärger gibt, ist da auch noch die schwangere Wassernixe ( Scarlett Johansson), die ungemein sexy aus dem Wasser steigt. Für die muß schnellstens ein Mann gefunden werden den sie pro forma heiraten soll. Das Kind darf auf keinen Fall unehelich geboren werden. Dieser Skandal muß vermieden werden. Der Regisseur Laurence Laurentz (Ralph Fiennes)  ist verzweifelt. Sein Hauptdarsteller, der bisher nur in Cowboy-Rollen unterwegs war, stellt sich derartig unbegabt an, daß Laurentz ihm wieder und wieder die Sätze, die er zu sagen hat, vorsprechen muß. Von seiner mimmischen Ausdruckslosigkeit gar nicht zu reden. Ein Studio weiter steppt und singt Burt Gurney ( Channing Tatum) im Matrosenkostüm mit einer Horde Tänzer sichtlich vergnügt  in einer Hafenbarkulisse. Eddie Mannix, den es zu damaligen Zeiten wirklich gab, hat alle Hände voll zu tun, seine „ Schäfchen“ vor den berüchtigten Klatschbasen  Hedda  Hopper und  Louella Parsons zu schützen. Beide werden von Tilda Swinton verkörpert.  hinter dem schönen Schein  geht es hoch her. Es wird gehurt, gesoffen, ein Skandal jagt den nächsten. Mannix ist so eine Art „Auf- räumer“ vom Dienst.
Die Coen Brüder werfen einen vergnüglichen Blick hinter die Kulissen einer Industrie, die den schönen Schein
 einer“ach so  glamourösen Welt“ ad absurdum führt.
Nun sind die Coen-Brüder nicht die ersten, die einen Blick hinter die Kulissen des Filmgeschäfts mit seinen fragwürdigen Abgründen werfen. Federico Fellini mit  „Achteinhalb“, Altman „ The Player“, Godard „Die Verachtung“ um nur einige zu nennen, taten es erfolgreich schon vor ihnen.
 So herrlich bösartig wie „ Maps to the Stars“ ist ihr Film nicht geworden. Dafür witzig, etwas klamaukig und sehr unterhaltsam. Ein gelungener Auftakt zur 66.Berlinale war es allemal.
Start: 18.02.2016
Ulrike Schirm

DEADPOOL

Deadpool ist eine Comicfigur.“ Ins Leben gerufen“ wurde sie 1991 für Marvel Comics.
Hauptfigur Wade Wilson( Ryan Reynolds) ein Söldner nimmt dass Leben von der spassigen Seite, sein Testosteronspiegel ist hoch. Im Puff lernt er die Liebe seines Lebens kennen, Vanessa ( Morena Baccarin),  der Sex mit ihr ist nicht von schlechten Eltern. Als er die Diagnose Krebs erhält, lässt er sich auf ein übles, schmerzhaftes Genxperiment ein. Im Labor des zynischen und skrupellosen Ajax ( Ed Skrein) liefert er sich dem Brutalo aus. Der aktiviert nicht nur seine Selbstheilungskräfte sondern verleiht ihm auch noch übermenschliche Kräfte.. Der Preis den Wade dafür bezahlt ist hoch: Sein Gesicht ist total entstellt. So will und kann er Vanessa nicht mehr gegenüber treten. Von nun an trägt er rot-schwarzen Ganzkörperanzug mit der dazugehörigen Maske. Als Deadpool getarnt, setzt er seine Kräfte ein, um sich an dem Halunken Ajax zu rächen. Deadpool ein Antiheld ein Superheld?
Aus dem X-Men Kosmos entsprungen, begibt er sich mit seinem Samuraischwert bewaff- net,kraftvollem Körpereinsatz, den Mund voller zotiger und irrer Sprüche, in der Action-Komödie, auf die Jagd nach seinem Peiniger. Sein „ Lantern Trauma“ hat er hinter sich gelassen. Seine scharfzüngigen Sprüche richtet er direkt an die Zuschauer. Seine Fans werden ihn bejubeln, das Bildungspublikum wird den Film hassen wie die Pest.
Schaut man etwas genauer hin, dann verbirgt sich hinter der Fassade des krachenden Rächers eine gefühlvolle Liebesgeschichte. Wohlüberlegt lässt Regisseur Tim Miller (….“ Ein überbezahlter Honk“ ) seinen Film mit dem Song beginnen: Just call me angel of the morning, angel.
Just touch my cheek before you leave me, baby……
Start: 11.02.2016
Ulrike Schirm

BROOKLYN

Das wunderbare Drehbuch zu dem Roman  BROOKLYN von  Colm Tóibíns geht ins Oscar-Rennen. Verantwortlich dafür Nick Hornby ( „An Education“, „ High Fidelity“. Doch ohne die entzückende Hauptdarstellerin Saoirse Ronan, die die Rolle der heimwehkranken Eilis mit einer umwerfenden Wahrhaftigkeit spielt, wäre auch das beste Script nur halb so gut. Irland 1950.  Es herrscht bittere Armut. Arbeit gibt es kaum. Eilis hat ihr vertrautes Leben in Irland hinter sich gelassen und macht sich auf in die fremde „ Neue Welt“. Ihre Kabine teilt das schüchterne Mädchen mit einer forschen Frau. Die gibt ihr erst einmal Instruktionen, was Eilis Kleidung und ihr Äußeres betrifft. Fortan lebt sie in einer Pension unter dem Schutz der Kirche. Die Besitzerin (Julie Walters) kümmert sich um die jungen Mädchen. Sie ist herzlich, nimmt aber kein Blatt vor den Mund. Arbeit findet Eilis in einem Kaufhaus. Verschüchtert, fast unbeholfen steht sie hinter dem Ladentisch. Sie hat keine Ahnung, wie sie mit der noblen Kundschaft in ein Verkaufsgespräch kommen soll. Der einfühlsame Pfarrer ( Jim Broadbent) versucht sie zu trösten.“ Wir brauchen irische Mädchen in Brooklyn“. „ Ich wäre lieber ein irisches Mädchen in Irland“ erwidert sie. Ihre Stimmung ändert sich allmählich, als sie  den jungen Tony (Emory Cohen) bei einer Tanzveranstaltung kennenlernt. Er stammt aus einer italienischen Einwanderungsfamilie.  Eilis lernt Spagetti zu essen ohne zu spritzen. Sie wirkt glücklich mit ihrem italienischen Freund. Sie hat ihre Prüfung in dem Fach Buchhaltung bestanden und ihr Heimweh überwunden. Der plötzliche Tod ihrer geliebten Schwester zwingt sie nach Irland zurückzukehren, um ihre Mutter  zu unterstützen. Doch bevor sie aufbricht heiratet sie Tony, ein Versprechen, dass sie wieder kommt. Es hat sich einiges in der Heimat verändert. Es gibt wieder Arbeit und die Jungen laufen in coolen Clubjacken  und mit Pomade im Haar herum. Eilis bekommt eine Anstellung als Buchhalterin, die Mutter ist überglücklich, dass sie wieder da ist und der smarte Jim Farell ( Domhnall Gleeson) gesteht der verheirateten eilis seine Liebe.
Eilis ist von Zweifeln getrieben. Sie erklärt der Mutter, daß sie verheiratet ist. Diese behutsam erzählte Geschichte einer jungen Frau in ihrer Zerrissenheit zwischen zwei Welten, lebt von der Darstellung der  jungen Saoirse Ronan, die den Schmerz und den Wechsel der unterschiedlichsten Emotionen, die mit dem Schritt der Auswanderung zusammenhängen , derartig nuanciert umzusetzen weiß, das man von ihrer Präsenz und ihrem Understatement gefangen ist. Es ist ihr Gesicht, was die kleinsten Regungen widerspiegelt. Der Regisseur John Crowley  hat einen Hauch von „ old fashioned“ über seine Inszenierung gelegt, die der Geschichte noch einen zusätzlichen herzerwärmenden Zug verleiht, ohne im geringsten ins Melodramatische abzugleiten. All das, was jetzt mit den Flüchtlingen in Europa passiert, gibt dem Film eine unvorhergesehene Aktualität.
-Start: 21.01.2016
Ulrike Schirm-

VALLEY OF LOVE

Es ist heiß. Sehr heiß. Death Valley an der Grenze zwischen Kalifornien und Nevada. Sie läuft und läuft mit ihrem Rollkoffer bis sie endlich ihre Herberge erreicht. Sie, das ist Isabelle Huppert. Sie ist verabredet mit Gérard Depardieu. Zwei Urgesteine des französischen Films spielen ein geschiedenes Paar. Sie treffen sich, da ihr  verstorbener Sohn einen geheimnisvollen Abschiedsbrief hinterlassen hat. Er bittet seine Eltern, im „ Tal des Todes“ sich auf die Suche nach ihm zu begeben. Er verspricht, auf ihrer gemeinsamen Spurensuche nach ihm, werden sie ihm begegnen. Allein schon rein äußerlich ist es ein ungleiches Paar, was sich da bei sengender Hitze auf den Weg macht. Gérard, ein Brocken von einem Mann, Isabelle, zart und zierlich. Es ist dieser Brief, der beide zusammen führt.
„ Seid am 12. November im Tal des Todes, Du und Papa……….Es ist meine einzige Chance auf eine Rückkehr…….es gibt einen Zeitplan, mit den genauen Orten, Daten und Uhrzeiten, an denen ihr auf mich warten müsst, denn ich werde zurückkehren…….ich werde euch beide sehen. Ich weiß, dass ihr nicht dort sein werdet, weil ihr glaubt ich wäre verrückt, oder  um mein Gedenken zu ehren. Nein, tief in eurem inneren werdet ihr einen anderen Grund finden, um mir diesen Gefallen zu tun. Denn eigentlich werdet ihr es für euch selbst tun…………Ich werde an einem der sieben Hauptattraktionen des Tal des Todes sein. Wartet dort auf mich.
Mama, wir sehen uns bald.
Dein Sohn Michael, der dein Sohn bleiben wird, jetzt und auf ewig“.
Die Situation scheint absurd. Die Annäherung des seit Jahren getrennten Paares gestaltet sich äußerst schwierig. Besonders durch den Selbstmord ihres gemeinsamen Kindes. Während Gérard längst in den USA lebt und offensichtlich ein engeres Verhältnis zu Michael hatte, lebt Isabelle in Frankreich und hat den Jungen seit Jahren nicht gesehen. Sie war auch nicht bei seiner Beerdigung. Auf der reise durch das Valley versuchen beide ihre unterschiedlichen Emotionen  mehr oder weniger zu verarbeiten. Gegenseitige Schuldzuweisungen helfen ihnen nicht weiter. Als Gérard ihr gesteht an Krebs erkrankt zu sein und sich bei seiner Rückkehr einer Operation stellen muß, bleibt Isabelle relativ gelassen. Es sind äußerst merkwürdige Vorkommnisse, die die beiden zueinander führen. Eigentlich passiert nicht viel. Und trotzdem zieht einen das Spiel dieses ungleichen Paares in seinen Bann. Ihre Trauerarbeit, ihr Streit, ihr gemeinsames Leid , lässt einen nicht unberührt. Wer sich auf die metaphysische Ebene dieses Dramas einlässt, wird das Spiel  von Huppert und Dépardieu  in  der unerträglichen Hitze dieser kargen Landschaft nicht so bald vergessen. Dépardieu: „ Es ist ein spiritueller Film“.
Aus dem Valley of Death wird ein Hauch von einem „ Valley of Love“.
Start: 21.01.2016
Ulrike Schirm

THE REVENANT-DER RÜCKKEHRER

START:   06.01.2016

Basierend auf dem Roman „Der Totgeglaubte“ von Michael Punke, schickt der mexikanische  Regisseur  Alejandro Gonzáles Inárritu Leonardo Di Caprio in die raue Wildnis Nordamerikas.
In bester Westernart erzählt er in dem Survival-Thriller den Überlebenskampf des Trappers Hugh Glass ( Di Caprio) der mit einer Horde weiterer Männer um 1823 in dem damals wenig erschlossenen Gebiet, bewohnt von Indianern, Fallen stellt, um Pelze zu verkaufen. Mit dabei sein Sohn Hawk, ein Halbindianer. Pfeile zischen durch die Luft, bohren sich in die Körper der Fallensteller, Indianer greifen an. Die Überlebenden flüchten so schnell sie können. Glass wird von einem kräftigen Grizzlybären angefallen. Das Tier reißt ihm die Kehle auf, zerfetzt seinen Körper. Blutüberströmt, röchelnd, dem Tode nahe, versuchen die Männer den Schwerverletzten auf einer Bahre mitzuschleppen. Doch das Gelände ist zu steil, es ist eiskalt und der Schnee ist glatt und rutschig. Sein Sohn und zwei Männer bleiben bei ihm. Sie gehen davon aus, dass er den Angriff des Bären nicht überlebt. Hilfe kann er von den wilden Kerlen nicht erwarten. Halb im Delirium muss er mit ansehen, wie der kaltblütige Fitzgerald ( Tom Hardy) seinem Sohn das Messer in den Körper rammt ( wegen eines  früheren Erlebnis hat er einen unbändigen Hass auf Indianer), ihre Waffen an sich reißt, seinem jungen Kumpel klar macht abzuhauen, denn jeden Moment können die kampfbereiten Indianer zurückkehren. Von Rache und Trauer zerfressen, kraucht Glass durch das unwegsame Gelände. Wutverzerrt, höllische Schmerzlaute von sich gebend, hungrig, frierend, robbt er sich durch Schnee und eiskalte Gewässer auf der Jagd nach denen, die ihn zurück gelassen haben. Besondere Rache gilt Fitzgerald, der den Tod seines Sohnes bitter bereuen soll. Vor dem Hintergrund  grandioser Naturbilder erlebt der Zuschauer einen unerbittlichen Kampf zwischen Mensch und Tier, die sich in der eisigen Natur einen gegenseitigen Wettkampf um Nahrung und das nackte Überleben liefern. Glass trifft auf einen einzelnen Indianer, der ihm von seiner Beute rohes Fleisch abgibt, ihm eine Art Zelt baut und seine Wunden mit heilenden Kräutern bedeckt. Ein fast kindlicher Moment unterbricht die Brutalität, als sie ausgelassen rieselnde Schneeflocken in ihrem Munde zergehen lassen. Di Caprio in einem Interview ( Variety): „ Es war der schwierigste Film, den ich jemals
gedreht habe“. Er musste ein Stück rohe Bisonleber essen. „Es ist wie ein Ballon. Wenn man  hineinbeißt, platzt es im Mund“.
Mehrere Jahre hat Inárritus nach unberührten Landschaften gesucht. Hoch im Norden Canadas hat er sie gefunden. Als die Schneeschmelze begann, zog er weiter bis nach Argentinien. Er drehte nur bei Tageslicht. Auf Spezialeffekte wollte er unbedingt verzichten. Die mit den Dreharbeiten verbundenen Strapazen, sorgten für einigen Ärger. Vielleicht zu vergleichen mit einigen Filmen von Werner Herzog.
Ein Film mit  atemberaubender Wucht. Ob Leo den Oscar für sein Spiel verdient, daran spalten sich die Geister. Er kraucht und robbt , ächzend und stöhnend mit wutverzerrtem Blick durch unwegsame Landschaften. Sein bösartiger Widersacher Tom Hardy stiehlt ihm nicht weniger die Show. Man wird seh`n.
Ulrike Schirm

LEGEND ( AUFSTIEG UND FALL ZWEIER BERÜCHTIGTER BRÜDER)

Tom Hardy im Doppelpack! Was mir absolut selten passiert ist, einen Schauspieler nicht gleich zu erkennen. Es hat in „ REVENANT“ etwa 30 Minuten gedauert , bis ich Hardy in der Rolle des gemeinen Fitzgerald erkannt habe. Jetzt switcht dieser geniale Schauspieler zwischen der Person Reggie und Ronnie hin und her. Reggie und Ronnie, bekannt als die eineiigen Zwillinge, von den Bullen als Cockney- Bastards bezeichnet, die im Londoner East-End in den Sechzigern ihr brutales Unwesen trieben. Die Kray Brüder, eine Mischung aus Ganoven und Celebrities. Erzählt wird die Geschichte von der Schauspielerin Emily Browning, die als Reggies Ehefrau Frances ihre subjektive Sichtweise des Aufstiegs und Fall der beiden ungleichen Brüder hautnah miterlebt hat. Reggie Kray hat die Unterwelt im Londoner East-End fest im Griff. Stets korrekt gekleidet, den Damen gegenüber höflich und charmant , geniesst er einen Beliebtheitsgrad, hinter dem er sein wahres Gesicht geschickt versteckt. Sein Credo: „Ich gehe mit der Wahrheit ganz behutsam um. Ich bin kein Gangster sondern Clubbesitzer“.
Nachdem er dafür gesorgt hat, dass sein psychopathischer Bruder aus der Psychiatrie entlassen wurde, erpressen die beiden in großem Umfang Schutzgelder, zwingen ihre Gegner in die Knie und führen ein Leben in Saus und Braus. Die Geschäfte laufen blendend, Politiker und jede Menge Prominente besuchen ihr Casino. In Frances findet er die ideale Ehefrau. Doch auch ein Reggie trifft es hart. Während er für sechs Monate im Knast landet, treibt der irre Ronnie die Bars und das exclusive Casino in den Ruin. Wenn der nicht regelmäßig seine Tabletten nimmt, wird er zu einem Monster. Abgeschieden haust er in einem Wohnwagen, empfängt Politiker und Oberschichtsangehörige, die er zu wilden Parties und schwulen Orgien einlädt.
Reg, der immer wieder den Knast von innen sieht, kann nicht verhindern, dass seine Frau dieses Leben nicht mehr erträgt. Sie wird tablettensüchtig und vegetiert elendig vor sich hin. Seine Versprechen sich zu ändern sind gut gemeint, lösen sich jedoch in Luft auf, sobald er wieder draußen ist. Die Bullerei rüstet sich immer mehr auf, um die verdammten Kray Brüder endlich für alle Zeiten hinter Schloss und Riegel zu verbannen.
Die Krays wurden zu einer Legende, über die die wildesten Geschichten kursierten, ein Mix aus Wahrheit und Unwahrheit. Regisseur Helgeland entschloss sich, eine ganz eigene Version über das berüchtigte Gangsterpaar zu
drehen, „einen Einstieg in eine Welt, in der es schwer war, zwischen Dichtung und Wahrheit zu unterscheiden“.
Heraus gekommen ist ein bisschen „Natural Born Killers“ und eine ähnliche Atmosphäre wie in “ Casino“.
Satirisch herrlich überzogen und köstlich angereichert mit schwarzem Humor. mit schwarzem Humor Von Tom Hardy ganz zu schweigen. Der Typ spielt einfach großartig! Hardy gehört zu den Schauspielern, die man unbedenklich als Verwandlungskünstler bezeichnen kann. Für Tom Hardy Fans ein „Fest“.
Start: 07.01.2016
Ulrike Schirm

BRIDGE OF SPIES
10.Februar 1962, 8 Uhr morgens. 2 Männer überqueren die Glienicker Brücke. Der eine in Richtung West-Berlin, der andere in Richtung Ost-Berlin. Es handelt sich um Gary Francis Powers, ein Spion des amerikanischen Geheimdienstes CIA und Rudolf Iwanowitsch Abel, Spion des sowjetischen Geheimdienstes KGB.
Am 1.Mai 1960 wagt Gary Powers einen Aufklärungsflug über die Sowjetunion, um geheime Militäranlagen zu fotografieren. Er wird von Raketenabwehreinheiten abgeschossen. Sein Fallschirm rettet ihm das Leben. Er wird der Spionage beschuldigt und zu langjähriger Haft im Gefängnis von Wladimir, etwa 150 Kilometer von Moskau entfernt, verurteilt.
In den USA sitzt der KGB Spion Rudolf Abel ebenfalls im Knast. Jahrelang getarnt als Fotograf und Kunstmaler betrieb er ein kleines Studio in New York. Ihm gelang es, ein Spionagenetz aufzubauen , welches sich durch das ganze Land zog. 1957 verrät  ein Überläufer Abels Identität und er wird zu 30 Jahren Haft verurteilt. Nun hat Steven Spielberg, nach „Schindlers Liste“ sich diesem dunklen Kapitel aus der hässlichen Phase des Kalten Krieges angenommen und in „Bridge of Spies“ einen spannenden Spionagethriller daraus gemacht. Tom Hanks spielt einen Anwalt, James Donovan, der mit Herz und Hirn, trotz aller Widerstände,  Abel vor dem elektrischen Stuhl rettet. Er setzt sämtliche juristischen Winkelzüge ein, um Abel eine menschenwürdige Verteidigung zu ermöglichen. Das kommt nicht bei allen gut an. Ein „Kommunistenschwein“ zu verteidigen bringt einige Hasser dazu , die Scheiben seiner Wohnung zu zerschlagen und seine Familie in Angst und Schrecken zu versetzen. Während der langen Verhandlungstage, entsteht so etwas wie  Freundschaft  zwischen dem kauzigen, wortkargen Abel (Mark Rylance), der höflich und gefasst seinem Urteil entgegen sieht. Abel und Donovan teilen einen besonderen Humor. Ab und zu werden die amerikanischen Werte gepredigt , ein wenig Pathos und Klischee darf auch nicht fehlen.  Nach zwei Stunden ist man froh, wenn der CIA den Austausch zwischen Power und Abel verhandelt und Donovan in Berlin eintrifft. Im Gegensatz zu den hellen und freundlichen Tönen seines Landes, umgibt ihn nun ein eiskaltes graues Berlin. Und dann, endlich, nach zähen Verhandlungen mit dem als Mittelsmann eingesetzten  Ost-Berliner Anwalt, Wolfgang Vogel (Sebastian Koch), stehen alle Beteiligten auf der Glienicker Brücke und warten spannungsgeladen auf den Austausch zweier gegensätzlicher Agenten. Donovans besorgte Frage nach Abels weiterer Zukunft, erwidert  der mit dem Satz: „Entweder werde ich umarmt oder ich werde auf den Rücksitz gesetzt.“ Donovan hat Tränen in den Augen.
Tom Hanks spielt den Vermittler mit grosser Empathie, einem feinen Humor. Er lässt beide Seiten in dem Glauben etwas Brillantes eingefädelt zu haben. Mitverantwortlich für die pointierten und scharfsinnigen Dialoge sind die Coen-Brüder, die Matt Charmans Drehbuch ihre ganz persönliche Note Verleihen.
Ein Lob an die Ausstatter, die den grau-düsteren Look Ost-Berlins 1960/61 auf die Leinwand zaubern.
Start: 26.11.2015
Ulrike Schirm

Spectre

Nach vielen Jahren des Wartens kommt nun doch ein neuer Bond-Film in die Kinos. Es ist der 24., mit 148 Minuten der längste und mit 300 Millionen Euro auch der teuerste Bond-Film aller Zeiten geworden

Hat sich das Warten gelohnt? Die Frage ist mit Jein zu beantworten. Der Film beginnt furios mit einer fünfzehnminütigen Sequenz am „Tag der Toten“ in Mexiko-City. Unter den vielen, als Tote Verkleideten, entdeckt man bald James Bond, zum 4. Mal von Daniel Craig verkörpert. Mit seiner jungen Geliebten geht er in ein Hotel. Anstatt sich zu vergnügen, beginnt Bond sein Tagewerk: Töten und Zerstören. Alles natürlich aufwendig mit Hunderten Statisten und massenhaften Explosionen von Häusern, Autos und Hubschraubern inszeniert.

Nach dem grandiosen Vorspann beginnt die eigentliche Handlung.

Hier setzen sofort die Probleme des Films ein. Interessiert 53 Jahre nach dem 1.Bond-Film noch ein im Auftrag Ihrer Majestät tötender Geheimagent? Alle Figuren haben in dieser Zeit gewechselt, Bond zum 5.Mal. Alle Nebendarsteller an die man sich gewöhnt hatte, wurden ersetzt. Alle Spielarten des Bösen hat der Zuschauer erlebt. Neu ist, dass der Feind nicht mehr aus dem Osten kommt, sondern im eigenen Haus sitzt.

Leider spielt Christoph Waltz seine Rolle des maliziösen Bösewichts aus den Tarantino-Filmen einfach weiter und strahlt keinerlei physische Präsens wie Curd Jürgens oder Javier Bardem aus. Auch die Bond-Girls Monica Bellucci und Lea Seydoux sind eher schwach.

Freude hat der Zuschauer wie immer an der Ausstattung und den Schauplätzen: den mit 400 Tonnen Kunstschnee bedeckten Alpen, dem Gangsterversteck in der Marokkanischen Wüste, an Japan und natürlich London.

Heinrich Gebauer

EL CLUB

  1. Wir stehen auf und beten.
  2. Danach frühstücken wir.
  3. Danach gibt es Zeit für persönliche Dinge.
  4. Um zwölf  feiern wir die Messe (Die Pater wechseln sich dabei ab). Wenn Sie das Bedürfnis haben zu beichten, sagen Sie es mir. Ich spreche dann mit den Brüdern, wer Ihnen die Beichte abnimmt.
  5. Um eins essen wir zu Mittag.
  6. Danach singen wir.
  7. Danach haben wir frei.
  8. Um acht beten wir den Rosenkranz.
Wer jetzt denkt, wir befinden uns in einem Kloster, weit gefehlt. Es handelt sich um den Tagesablauf  von vier Priestern, die in einem Haus zusammen leben, ein Haus der Reue und Busse. Von der Kirche exkommuniziert. Sie alle haben sich an Kindern und Jugendlichen sexuell vergriffen. Schwester Monica führt den Männern den Haushalt, aber auch sie ist da, um für etwas zu büssen. Das Haus, abgelegen in einem kleinen Ort an der rauen und stürmischen chilenischen Nordküste. Es gibt feste Regeln, doch Niemand hält sich dran. Keine Selbstgeisselung, kein eigenes Geld, kein Handy, kein Kontakt mit den Dorfbewohnern. Der Alkohol fliesst reichlich. Einer von ihnen trainiert täglich einen Windhund . Der bringt bei den Hunderennen im Ort reichlich Schotter. Ein neuer Mitbewohner bringt die tägliche Routine gehörig ins Wanken. Durch seine Anwesendheit, lässt er ihre abscheuliche Vergangenheit wieder  aufleben. Ein inzwischen erwachsener Mann, psychisch total zerstört, erkennt in dem Neuankömmling seinen Peiniger von früher. Lauthals bricht es aus ihm heraus. Er stellt sich vor ihn und schreit sämtliche sexuellen Praktiken, die er an ihm vorgenommen hat schmerzlichst heraus. Eine ungeheuerliche Litanei schwerster Vorwürfe. Pablo Larrain hat für seinen Film ein hervorragendes Schauspielerensemble gefunden. In diesem Club der verlorenen Priester hat er sich die ausgewählt, „ die an der Vision der Macht festhalten. Die Kirche predigt der Welt und den GläubigernWerte wie Nächstenliebe, Mitgefühl , Fürsorge, Vergebung- aber sie wendet diese Werte nicht an, wenn es um sie selbst geht. Es kommt mir vor, als sei die Kirche mit der Zeit mehr zu einer Korporation als zu einer religiösen Gemeinschaft geworden. Es geht hier um ein System der Straflosigkeit, dem System der Diktatur sehr ähnlich.“ „ El Club“ ist eine bitterböse Abrechnung mit der katholischen Kirche. Larrain zeigt die Scheinheiligkeit hinter der angeblich sauberen Fassade, die einen übel werden lässt. Die vier männlichen Bewohner, der Neuzugang hat sich erschossen, hegen nicht das geringste Schuldbewusstsein. Ihre widerwärtigen Taten haben sie verdrängt und somit ungeschehen gemacht. Es ist eine  Ungeheuerlichkeit, dass immer noch die Ansicht besteht, das Homosexualität weit aus schlimmer sei als Pädophilie. Mir war speiübel, als ich den Kinosaal verliess. Es fällt einem nicht leicht, sich das anzuschauen, dennoch ein Film der unbedingt sehenswert ist.
             Start: 05.11.2015
             Ulrike Schirm

MACBETH

Regisseur Justin Kurzel wagt sich an eines der bekanntesten Dramen Shakespear`s heran: Macbeth. Der englische Originaltitel: The Tragedy of Macbeth. Beschrieben wird in der Tragödie der Aufstieg des königlichen Heerführers Macbeth zum König von Schottland.
Sein dramatischer Wandel zum Tyrannen und Mörder und sein abgrundtiefer Fall in den Wahnsinn. Der rechtmässige König Duncan wird von Macbeth mit Hilfe seiner machtgierigen Frau hinterhältig ermordet. Bestärkt in seinem Vorhaben, von den drei Hexen und ihrer mysteriösen Prophezeiung, dass er König wird. Kurzel ist nicht der Erste, der die düstere Geschichte auf die Leinwand bringt. Orson Welles, Akira Kurosowa sowie Roman Polanski schufen , jeder auf seine spezielle Art filmische Meisterwerke. Kurzel lässt seinen Protagonisten in der wahren Heimat agieren, dem düster nebligen Hochland Schottlands. Sein Film beginnt mit der Verbrennung eines toten Kindes. Wie sich herausstellt, das Kind von Lady Macbeth. In Schottland herrscht ein brutaler Bürgerkrieg. Mit lautem Kampfgeschrei und  Schwertern gehen die Kontrahenten aufeinander los. König Duncan ( David Thewlis) reist mit seinem Gefolge quer durchs Land. Sie übernachten in Zelten. Es erinnert an die Gewohnheiten eines fahrenden Volks, welches in freier Landschaft ungeschützt einem kriegerischen Gemetzel ausgeliefert ist. In dieser Schlacht gelingt es Macbeth , endlich den Verräter und Rebellenführer Macdonwald zu töten. Hier begegnet ihm und seinem Kameraden Banquo drei Frauen, die ihm prophezeien, dass er bald Than von Cawdor und König von Schottland wird und sein Freund Banquo der Vater künftiger Könige. Beide Männer nehmen die Botschaft nicht ganz ernst. Die Boten des Königs machen sich auf, um den Dank ihres Königs zu verkünden und Macbeth den Titel des Thans von Cawdor zu verleihen. Der vorherige Träger dieses Titels wurde wegen Hochverrat gegen die Krone hingerichtet.
Macbeth sucht Duncan auf und erfährt, dass er den Sieg in Inverness, der Heimat von Macbeth feiern will.
Durch einen Brief ihres Mannes, erfährt Lady Macbeth von der mystischen Prophezeiung. Während des lang andauernden Krieges verweilte sie in Inverness, in tiefer Trauer wegen des Todes ihres einzigen Kindes. Angestachelt von der  Aussage der drei Hexen, schmiedet sie den Plan, ihr Mann soll Duncan töten und selbst den Thron besteigen. Macbeth lässt sich darauf ein. Die üble Rechnung geht auf. Er wird zum König von Schottland gekrönt. Banquo schöpft Verdacht. Macbeth spürt das Misstrauen seines Freundes . Er befiehlt den Mord an ihm und seinem kleinen Sohn. Bei einem Fest erfährt er, dass der Mord geglückt ist, der Sohn jedoch entkommen konnte. Der Schock über diese Nachricht versetzt ihn in wilde Phantasien. Ihm erscheint der Geist des Freundes und hält eine blutige Anklage. Seine Frau bemerkt den kranken Geisteszustand ihres Mannes und bricht das Fest abrupt ab. Widerstand macht sich breit. Wild entschlossen tötet er nun jeden, der sich ihm in den Weg stellt. Auch seine Frau wird von Schuldgefühlen eingeholt und verfällt dem Wahnsinn.
Hier liegt die Stärke Kurzels Adaption des Themas. Er zeigt wie gegenwartsbezogen seine Protagonisten in ihren Seelenqualen handeln. In jedem Mörder steckt nach seiner Meinung wenigstens ein Hauch von Moral. Sein Hauptdarsteller Fassbender spielt einen Menschen, der tief im Inneren genau spürt, dass die Mittel, die er anwendet, um seine Gier nach Krone und Macht , ihn in seinem Innereien unglücklich werden lässt.  Der Weg über „Leichen zu gehen“ um sich in Vorteilen zu suhlen, ist in unserer heutigen Zeit Gang und Gebe. Der Begriff Moral verschwindet immer mehr in der Dunkelheit. Auch Marion Cottillard, die seine Frau spielt, spürt das Unbehagen und flüchtet in den Wahnsinn.
Düster das Schlussbild. In tiefes Rot getaucht, im Gegenlicht steht Fleance, Banquos Sohn. Er hält sein Schwert in die Höhe. Man ahnt, das Morden geht weiter.
Start: 29.10.2015

BLACK MASS

Yes he can, der Depp! Nachdem Johnny Depp in den letzten Jahren in die Rollen der verrückt verkleideten Figuren schlüpfte, ist er in seinem neuesten Werk kaum wieder zu erkennen. Er spielt James Bulger , einen legendären Mafia Boss, im 7oer-Jahre-Look. Sein volles Haupthaar zu einer fies aussehenden Halbglatze geformt, einer Gesichtsprothese,die ihn um Jahre altern lässt., James „ Whitey“ Bulger, der vom FBI meistgesuchte Gangster , neben Osama Bin Laden. Mitte der Siebziger entschliesst sich sein früher Kumpel , FBI Agent John Conolly ( Joel Edgerton) den irischstämmigen skrupellosen Gangster als Informanten einzusetzen. Sie haben einen gemeinsamen Feind: Die konkurrierende italienische Mafia. Bulger soll Informationen liefern. Einzige Auflage, keine Morde, keine Drogen, dafür wird ihm absolute Straffreiheit garantiert. Höchst erfreut geht er auf den Deal ein, liefert belanglose Informationen, die eh bekannt sind und hält sich keineswegs an die Auflagen. Zusätzlich gedeckt wird er von seinem jüngeren Bruder Billy ( Benedict Cumberbatch ) , ein durchaus einflussreicher Senator, was dazu führt, dass Bulger seine Macht immer stärker ausbauen kann. Doch der eiskalte Killer kann auch anders. Gleich am Anfang sieht man ihn , wie er seinem kleinen Sohn beibringt sich zu wehren. Der hat in der Schule einem Klassenkameraden mit der Faust ins Gesicht geschlagen. „Schlagen ja…aber doch nicht so. Es ist der grösste Fehler, so etwas in Anwesenheit von Zeugen zu tun. Wenn es niemand sieht, dann ist es auch nicht passiert.“ Das ist wirklich gut gemeint, um sein Kind schon früh zu schützen. Für die Mafia gelten keine Gesetze. Man macht sich seine eigenen. Und wer sich unloyal verhält, wird eiskalt hingerichtet. 19 Morde gehen auf sein Konto. Um in solch einem miesen Geschäft bestehen zu können , muss man gewissenlos und eiskalt daher kommen. Doch dann gibt es seine sensible Seite. Bulger ist durch und durch auch ein Familienmensch. Das sieht man an seinem Umgang mit der Mutter, dem innigen Verhältnis zu seinem Bruder und der unendlichen Trauer, als sein kleiner Sohn an einer Krankheit stirbt. Immer wieder unerklärlich die tiefe Verbundenheit zur katholischen Kirche, die diese eiskalten Killer in fast allen Filmen über die Mafia an den Tag legen. Regisseur Scott Cooper ( Crazy Heart ) baut auf die Darstellung seines Protagonisten Depp und diese Rechnung geht auch auf. Er strahlt eine eisige Bedrohlichkeit aus, wird niemals laut, spricht mit leisem, fast hinterfotzigem Timbre die übelsten Gemeinheiten und Befehle aus. Ein neuer Chef beim FBI macht diesem Spuk ein Ende. Der schleimige Conolly, der nur seine eigene Karriere auf Kosten Bulgurs im Auge hat, entpuppt sich ebenfalls als miese Ratte. Genau das ist es, was diesem Film fehlt: Ein starker Gegenspieler, mit dem sich Bulgur messen muss. Johnny Depp, endlich wieder in einer starken Charakterrolle zu erleben, macht dieses düstere,fröstelnde Gangsterdrama, nach mehreren  Flops mit ihm, sehenswert.
Basierend auf dem Bestseller BLACK MASS: THE TRUE STORY OF AN UNHOLY ALLIANCE BETWEEN THE FBI AND THE IRISH MOB.
Start: 15.10.2015

THE VISIT

M. Night Shyamalan ( „The sixth Sense, the Village- Das Dorf“ ) produzierte seinen Film THE VISIT mit eigenem Geld, schrieb das Drehbuch und führte Regie. Das Geschwisterpaar Becca und Tyler besuchen zum ersten Mal ihre Großeltern auf einer abgelegenen Farm in Pennsylvania. Seit Jahren verweigerte ihr Mutter jeglichen Kontakt zu ihren Eltern, stimmt aber dem Besuch letztendlich zu, da sie sich mit ihrem Freund auf eine wöchentliche Kreuzfahrt begibt. Fröhlich machen sich die Kinder auf den Weg. Becca packt ihre Kamera ein, um alles dokumentarisch fest zu halten. Sie freut sich riesig, die Orte kennen zu lernen, an denen sich ihre Mutter als Kind aufgehalten hat. Tyler kommentiert alles, was er so erlebt, in Form von Liedtexten, denn Rap ist eine Form moderner Poesie. Herzlich werden die Kinder von den Großeltern empfangen. Es gibt nur ein strenges Verbot: Ab 21:30 dürfen sie ihr Zimmer nicht mehr verlassen. Warum hören sie nachts ein ohrenbetäubendes Gerumpel und Getöse? Warum fuhrwerkt Oma nachts wie eine Furie durch das Haus? Warum versteckt der Opa seine vollen Windeln im Schuppen und verbrennt sie später? Warum beantwortet Oma keinerlei Fragen nach den Gründen ihres Streits mit der Tochter? Warum meint die Oma, daß man immer lachen muß, damit die Dämonen nicht aus ihren Löchern krauchen? Warum muß Becca unbedingt in den Backofen kriechen, um ihn zu säubern? Das Verhalten der Großeltern wird von Tag zu Tag immer merkwürdiger. Die Kinder haben alle Hoffnung verloren, jemals wieder nach Hause zu kommen. Shyamalan versteht es, den Familienhorror mit komödiantischen Elementen zu verbinden. Man könnte fast meinen, Zeuge einer modernen Hänsel und Gretel Version zu sein. Der arme Tyler leidet unter einer ausbrechenden Bakterienphobie und Becca weigert sich in einen Spiegel zu schauen. Am letzten Tag ihres Aufenthaltes zwingt der Opa die Kinder zu Brettspielen, doch stattdessen wird gewürfelt, „ wie in einer richtigen Familie“. Der Horror spitzt sich zu! Etwas nervig, das ständige Herumhantieren mit der Kamera und Beccas dazu gehörende Kommentare. Schauerlich gruselig , Deanna Dunagan , in der Rolle der Großmutter. Den bösen Opa spielt Peter Mc Robbie, Tyler wird von Ed Oxenbould dargestellt, seine Schwester von Olivia De Jonge. Das Genre eines Horrorschockers wird durchaus erfüllt.
Start: 24.09.2015

LIFE

James Dean, geboren am 8.Februar 1931 in Marion, Indiana, gestorben am 30. September 1955 bei einem Autounfall in seinem PorscheSpider.
Nach dem Tod seiner geliebten Mutter zog er zu seiner Großmutter nach Fairmont, Indiana zurück, wo er liebevoll aufgenommen wurde. Das Verhältnis seines Vaters zu seinem Sohn Jimmy war von Lieblosigkeit geprägt.
Unvergesslich die Hauptrollen Deans in 1955 Jenseits von Eden, 1955 ……Denn sie wissen nicht was sie tun, 1956 Giganten.
Der grossartige Fotograf und Regisseur Anton Corbijn erzählt in seinem Film „ LIFE“ die Begegnung des weltberühmten Fotografen Dennis Stock ( Robert Pattinson) und dem jungen, rebellischen James Dean ( Dane DeHaan ) 1955 in Los Angeles.
Es grenzt fast an Nostalgie, Stock in seiner Dunkelkammer bei der Arbeit zu zusehen. Er verdient seinen Lebensunterhalt mit dem Ablichten der Hollywood Prominenz für die Zeitschrift LIFE. Frustriert reiht er sich in die Riege der „ Red-Carpet-Gorillas“ ein. Obwohl seine Bilder glamourös und perfekt sind, ist er unzufrieden. Er sucht nach neuen fotografischen Aufgaben. Auch seine Beziehung ist angeknackst, seinen Sohn sieht er kaum und wenn es dann zu einem Treffen kommt, haben die beiden sich nicht viel zu sagen. Die Entfremdung durch Stocks ständige berufliche Abwesenheit ist einfach zu gross. Doch wie es der Zufall will, auf einer der zahlreichen Hollywood-Partys, beobachtet Stock den jungen James Dean, der mit seiner Freundin Pier Angeli ( Alessandra Mastronardi ) einen scheinbar glücklichen Eindruck macht. Intuitiv erkennt Stocks geschulter Fotografenblick die besondere Ausstrahlung dieses Jungen. Er beschliesst seinen Redakteur mit allen Mitteln davon zu überzeugen, mit diesem aufstrebenden Schauspieler eine aussergewöhnliche Fotoserie zu starten. Nicht ganz uneigennützig wittert er auch für sich die ganz grosse Karriere. Zwei Außenseiter bewegen sich langsam aufeinander zu.
Dean , der wenig Lust auf das Drumherum der gekünstelten PR-Maschinerie hat, der alles tut, um seine Unabhängigkeit nicht aufzugeben, der sich vom obersten Boss von Warner Brothers Sätze wie: „ Wenn du kein guter Junge bist, werde ich dich fertig machen“ anhören muss und Stock, der in den typischen Fünfziger-Jahren Konventionen verhaftet ist, der seine Eheprobleme nicht in den Griff bekommt, diese Gegensätzlichkeit der beiden Hauptfiguren setzt Corbijn spannend und einfühlsam in Szene. Die Bilder, die Dennis Stock während seiner Reise von Los Angeles über New York und letztendlich in Indiana von dem charismatischen James Dean schoss, zeigen den „ wahren Geist dieses einmaligen Menschen, Momentaufnahmen von echter Wahrhaftigkeit“. Wer kennt es nicht, das berühmte Foto des ausdrucksstarken Dean:
Kippe lässig im Mund, hochgeschlagener Mantelkragen und dieser rebellische, von Traurigkeit umschattete Blick. Die kurze Karriere des unvergesslichen James Dean wäre ohne die Fotos von Dennis Stock kaum vorstellbar.
Besonders berührend, die Fotoserie mit dem glücklichen Jimmy, daheim auf der Farm in Indiana, Jimmy zwischen Kühen, wie er enthusiastisch die Bongos schlägt. Dane Dehaan lässt ganz schnell vergessen, dass man nicht den wahren James Dean vor sich sieht. Schliesst man kurz die Augen, meint man Jimmy mit seiner ungewöhnlich „hohen“ Stimme zu hören.
Corbijns filmische Bildsprache macht dieses „Lichtspiel“ zusätzlich zu einem sehenswerten Ereignis.
Start: 24.09.2015

RICKI – WIE FAMILIE SO IST

Yes I can! Und wie sie kann. Vor etwa 20Jahren verließ Ricki ihre Familie, bestehend aus ihrem Mann und drei Kindern. Die Leidenschaft für für die Rockmusik war stärker als das spießige Familienleben in einer pompösen Villa im fernen Idiana. Der Traum von der großen Karriere hat sich leider nicht erfüllt. Auch wenn sie nur in einer abgewrackten Rockerkneipe in Los Angeles vor einem schäbigen alten Publikum auftritt und mit ihrem Partner kräftig in die Seiten ihrer Gitarre haut, lässt sie sich nicht unterkriegen und röhrt die gecoverten Bruce Springsteen Songs ins Mikrofon , als stünde sie vor hunderten von Menschen. In schwarze Lederklamotten gehüllt, fetten Boots , geflochtenen Zöpfen steht sie mit ihrer Band „ The Flash“ auf der kleinen Bühne für eine Gage, die kaum zum Leben reicht. Als sie die Nachricht erhält, dass ihre Tochter dringend Hilfe braucht, da sie kurz vor einem Suizid steht weil ihr Mann sie verlassen hat, kratzt sie ihre paar Piepen zusammen und fliegt zurück in ihr damaliges Domizil. Sie tröstet ihre Tochter mit den Worten: „ Es ist doch nicht so schlimm, es war doch nur eine Einsteigerehe.“ Ihre zwei Söhne, der eine schwul, was der homophoben Ricki einen Schock versetzt, der andere steht kurz vor seiner Hochzeit mit einer ziemlich konservativen jungen Frau. Das Ricki in ihrem typischen Aufzug und ihrer alles andere als großbürgerlichen Art, nicht so gut ankommt, war ja klar. Zurück in L.A. erreicht sie eine Einladung zur Hochzeit. Nach reifer Überlegung, kauft sie für ihre Verhältnisse ein passendes Kleid, wirft die Lederjacke über und kreuzt samt Partner bei der vornehmen Gesellschaft auf. Als man sie fragt, woher sie denn den Bräutigam kenne, antwortet sie trocken: „ Durch einen Kaiserschnitt“. Ihr Hochzeitsgeschenk: Beide geben Springsteen`s Song My LOVE WILL NOT LET YOU DOWN zum Besten.
Meryl Streep, inzwischen 66, als rockige Lederjackenbraut, zieht eine großartige Bühnenshow ab. Warum Drehbuchautorin Diablo Cody, die für „ Juno“ einen Oscar erhielt, der Figur der alternden Rockröhre rechte Attribute andichtet ( Tatoo der US –Flagge auf dem Rücken, Homophobie, Bush Wählerin, Obama Gegnerin ) macht etwas ratlos. Es bleibt das Gefühl zurück, dass die Streep so einige Schwierigkeiten mit dieser Rolle hat.
Jonathan Demme ( „ Das Schweigen der Lämmer“) ist für die Regie verantwortlich. Streeps wahre Tochter, Mamie Gummer, spielt ihre Tochter Julie auch im Film. Greg, Ricki`s Partner , ist Musiker Rick Springfield, Grammy Gewinner 1981. Trotz so mancher Ungereimtheiten, ist ein musikalisches Vergnügen mit viel Life- Musik garantiert. Der Soundtrack zum Film ist ab 21. August digital verfügbar. Ab 4. September gibt es ihn auch als CD.
Ansprechpartner: Jascha Farhangi ( Jascha Farhangi@umusic.com )
Start: 03.09.2015

DER CHOR- STIMMEN DES HERZENS

Das junge Leben des zwölfjährigen Stet (Garrett Wareing ) ist nicht gerade rosig zu nennen. Er kümmert sich um seine alkoholkranke Mutter, die dem Jungen in keinster Weise gewachsen ist.  Es ist ja sonst keiner da. Sein Vater hat sich bereits vor seiner Geburt auf und davon gemacht.  Und da er seinem Herzen irgendwie Luft machen muss, eckt er in der Schule ständig an, der Berliner würde sagen: Er ist frech wie Rotz. Eines Tages erkennt seine Schulleiterin ( Debra Winger) das außergewöhnliche Gesangstalent des rebellischen Jungen. Sie macht den Chorleiter Carvelle ( Dustin Hoffmann ) auf den Jungen aufmerksam. Carvelle leitet den berühmten „ National Boychoir“ an einem renommierten Musikinternat. Nach dem Unfalltod seiner Mutter Debbie (Erica Piccininni, was für ein Name ) wird der Junge tatsächlich aufgenommen. Die Kosten trägt sein Vater, der längst eine neue Familie hat, die von der Existenz Stets nichts wissen darf. Aber auch hier widersetzt sich Stet jeglicher Autorität. Die gut ausgebildeten Lehrer, besonders Carvelle lassen den Jungen nicht „ fallen“. Mit  strenger und trotzdem einfühlsamer Autorität gelingt es ihnen, den Jungen langsam von seiner einmaligen Stimme zu überzeugen. Im Gegensatz zu „ Whiplash“ , wo das Schlagzeugtalent mit barbarischen Methoden zum Erfolg getrieben wurde, ist Carvells Methode fast gütig zu nennen. Man kann es ruhig verraten, am Ende wird alles gut und Stet singt sich mit glockenheller Stimme in die Herzen der Zuschauer. Geschickt vermeidet der kanadische Regisseur Francois Girard jegliche  Melodramatik. Er macht „ Boychoir“, so der Originaltitel zu einem hörenswerten Erlebnis. Ganz besonders angetan werden die ältern Zuschauer sein, für die die kirchlich angehauchten Motetten, die der Jugendchor zum besten gibt, noch etwas bedeuten. O-Ton Carvelle: Du schenkst ihnen deine Stimme, das ist geistige Vollkommenheit!
Start: 27.08. 2015

SOUTHPAW

Boxerfilme gab es schon so einige. Jetzt hat eine chinesische Produktionsfirma  als Geldgeber den Film SOUTHPAW produziert mit einem phantastischen Jake Gyllenhaal als Boxer Billy „The Great“  Hope. Hope ist ein Heimkind . Er hat nichts anderes gelernt als sich im Ring zu einer Kampfmaschine zu entwickeln. Er ist bekannt für seine Rechtsausleger, Southpaw genannt. 43 Kämpfe hat er bestritten. Sein Körper zerschunden, aufgepumpt und malträtiert. Seine Frau (Rachel Adams) die ihm vorbehaltlos zur Seite steht , bittet ihn, den  Weltmeister im Halbschwergewicht ,doch langsam mit den Kämpfen auf zu hören, wenigstens eine Pause einzulegen Bei jedem Kampf sitzt sie in der ersten Reihe. Seit ihrer gemeinsamen Zeit aus dem Heim ist sie seine große Stütze. Sie organisiert alles um ihn herum, denn Hope, der sich nur im Ring durch seine wütende Stärke behaupten kann, ist dem normalen Alltag mit seinen Anforderungen nicht gewachsen. Durch einen unvorhergesehenen Unfall, kommt Maureen Hope ums Leben. Die zehnjährige Tochter Leila steht mit ihrem Vater von nun an alleine da. Wäre Billy nicht so grossmaulig  bei einer Charity-Party  aufgetretn, wäre das Unglück nicht passiert. Von nun an geht`s bergab. Hope verliert alles was er sich erkämpft hat . Sein luxuriöses Anwesen, seine Stabilität, seine Finanzen und zu allem Unglück entzieht man ihm das Sorgerecht für seine Tochter, die nun das gleiche Schicksal ereilt , wie damals ihrem Vater. Sie wird zu einem Heimkind. Wie es der abgewrackte und total am Boden zerstörte Mensch es langsam wieder schafft, sich im wahrsten Sinne wieder nach oben zu boxen, spielt Gyllenhaal mit einer umwerfenden Energie, die schauspielerisch mit höchstem Lob bewertet werden kann. Sein Regisseur Antoine Fuqua, selber ein passionierter Boxer, trainierte hart mit ihm und ist so nicht ganz unschuldig an Gyllenhaals grandioser Leistung. Vielleicht klappt es ja diesmal mit dem Oscar. Eigentlich hätte er ihn schon für seinen Auftritt in NIGHTCRAWLER verdient.
Start: 20.08.2015

DER SOMMER MIT MAMA

Bei diesem amüsant-traurigen Film fiel mir sofort das Lied von Franz Josef Degenhardt ein, erschienen 1965, „ Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, sing nicht ihre Lieder….“.
Wie bitter mag es wohl für eine Mutter sein, das eigene Kind bei einer Tante zurück zu lassen, um den Lebensunterhalt für sich und die Tochter, in einem reichen Haushalt zu verdienen. Unten das arme Brasilien und oben das der Reichen und  Wohlhabenden. Val ( Regina Casé ) ist der gute Geist im Hause des reichen Erben und Künstlers Don Carlos und  Dona Bárbara, die ihrer Karriere als Fernsehmoderatorin nachgeht. Ihr Sohn Fabinho hat ein inniges Verhältnis zu Val, die ihn liebevoll aufgezogen hat. Die wahre Mutter des Jungen, steht auf dem Standpunkt, dass es ja wohl ihr gutes Recht sei, wenn sie abends nach Hause kommt, ein fröhliches Kind  zu sehen. Val schuftet rund um die Uhr, schläft im Kellergeschoss der pompösen Villa, kümmert sich neben der Hausarbeit auch noch um den Hund der Familie. Besonders berührend die Szene als Val der Herrin des Hauses ein Geburtstagsgeschenk überreicht.. Ein schwarz, weißes  Kaffeeservice mit einer dazu gehörenden Thermoskanne. Nach Vals Meinung, zu benutzen für besondere Anlässe. Die „ Herrin“ wirft einen kurzen Blick drauf und stellt es sofort hinten in einen Schrank. Es gefiel ihr nicht. Während Val bei der Geburtstagsparty Häppchen anbietet, schauen sie die verwöhnten Gäste nicht mal an. Wie gerne würde auch sie mal bei der Hitze in Sao Paulo in dem herrlichen Pool im Garten schwimmen. Für die Angestellten des Hauses verboten. Die Situation ändert sich schlagartig als Jéssica, die inzwischen siebzehnjährige Tochter von Val auftaucht. Sie will die Aufnahmeprüfung  an der Uni  bestehen und darf während ihrer Vorbereitungszeit bei ihrer Mutter wohnen. Schnell wird eine zweite Matratze auf den Boden gelegt . Carlos ist sofort sehr angetan von dem jungen Mädchen, zeigt ihr das Haus, lädt sie zum Essen ein, man merkt ihm an, wie froh er über die Abwechslung ist, die Jéssica durch ihre frische Anwesenheit verbreitet. Als die das hübsch eingerichtete Gästezimmer sieht, zieht sie schnurstracks dort ein. „ Wir lieben deine Mutter, sie ist unersetzlich für uns“erklärt ihr Bàrbara mit falsch freundlichem Ton.  Für die an Demut gewöhnte Val entsteht eine höchst peinliche Situation. Als Jessica  auch noch das nächste Tabu bricht und sich mit dem Sohn und dessen Freund  im Pool vergnügt,  ist es mit der Geduld von Dona Bárbara vorbei.  Es sei eine Ratte im Wasser gewesen und deswegen muss das Wasser sofort abgelassen werden. Es ist wohl besser, Jessica sucht sich eine andere Unterkunft. Als die  selbstsichere Tochter der Haushälterin sich auch noch das Frühstück von der Dame des Hauses richten lässt, weil ihre Mutter zum ersten Mal verschlafen hat, ist das Maß voll. Sie packt ihre Architekturbücher zusammen und geht. Doch mit der Unterkunft klappt es nicht wie vorgestellt. Jèssica kehrt zur Freude des alten Don zurück. Als sich die heikle Situation immer mehr verschärft und Val immer mehr von der Selbstsicherheit ihrer Tochter annimmt, ist dank der großartigen Regina Casé, die in Brasilien ein bekannter Star ist , macht der Film eine Wendung, die den Zuschauer  aufatmen lässt. Aus der  grummligen, devoten  Hausmagd wird eine stolze und selbstbewusste Person. Köstlich! In Brasilien ist Regina Casè ein beliebter Star. Nun ist es vorbei, daß die Herrschaft der armen Val schöne Dinge anbietet, wohl wissend, dass sie NEIN sagt. Auf der diesjährigen Berlinale erhielt der Film in der Panorama Sektion  den Publikumspreis. So kann man Sozialkritik auch zeigen. Mit viel Wortwitz, wohl überlegten Dialogen und ein Händchen für liebevolle Details. Irrungen und Wirrungen sorgen für ein entspanntes Vergnügen, ohne die Ernsthaftigkeit, die diese Thematik mit sich bringt außer acht zu lassen.
Regie: Anna Muylaert.
Start: 20.08.2015

TAXI

Karin Duve hat nicht nur den autobiografischen Roman TAXI geschrieben , sondern auch das Drehbuch für den gleichnamigen Film. Die Regie hat Kerstin Ahlrichs  übernommen. Die Hauptrolle wird von Rosalie Thomass gespielt, die mit ihren 28 Jahren bereits in über 30 Filmen zu sehen ist. Thomass spielt  Alex, die sich nicht so recht entscheiden kann, was sie eigentlich mit ihrem Leben anfangen soll. Wir befinden uns in den Achtzigern, Westdeutschland, Hamburg. Eine Zeit, die überwiegend von einer dumpfen Spießigkeit geprägt war, in der um so mehr diejenigen auffielen, die sich diesem bürgerlichen Gehabe widersetzten. Alex soll eigentlich den Beruf einer Versicherungskauffrau ausüben. Dazu hat die spröde Hamburgerin aber keinen Bock. Auch die Drohung ihres Vaters,  sich umzubringen, wenn sie sich weigert einen „ vernünftigen“ Beruf  zu lernen, lässt sie ziemlich kalt. Sie, mehr Einzelgängerin als sprühend vor  Kommunikation, entschließt sich bei einem Taxiunternehmen hauptsächlich die Nachtfahrten zu übernehmen. „ Ich finde es total gut, dass die Fahrgäste immer wieder gleich aussteigen und ich die meiste Zeit allein unterwegs bin“. Es ist die Zeit der Punks und  der Neuen Deutschen Welle, des Underground Films und einer grellen Buntheit. Es wird viel gekifft und auch sexuell nimmt man sich, wozu man gerade Lust hat. „ Zwei-Doppel-Vier fährt von nun an  zwischen Atlantik Hotel, Elbchaussee und dem berühmten Rotlichtviertel hin und her.  Mit ihren männlichen Kollegen verbindet Alex wenig. In ihren Augen sind die auch nicht ganz dicht. Immer wieder quetschen sie sich zu ihr ins Auto und labern sie mit  Geschichten voll, die sie absolut nicht interessieren. Mit dem ersten verdienten Geld, mietet sie sich ein 60 Quadratmeter großes Loft für 300 DM ( das waren noch Zeiten!!!!!!) und entflieht so ihrer überfürsorglichen, nervigen Mutter und dem geschniegelten Bruder , der als Popper unterwegs ist. Unter ihr wohnt der Kollege Dietrich. Die beiden schlafen ab und zu miteinander, mehr ist nicht drin, denn auch er versucht nichts anderes, als die eigenwillige Freundin zu belehren und zu ändern. Dann latscht er auch noch mit Hundekacke an den Schuhsohlen über ihren gerade frisch gestrichenen knallig hellblauen Fußboden. Im Taxi lernt sie den kleinwüchsigen Marc kennen, mit dem sie ein lockeres Verhältnis eingeht. Er lässt sie so sein, wie sie ist. Immer wieder steht sie unverhofft vor seiner Tür und bittet um Einlass. Er ist klug genug hinter die spröde Fassade der großen Blonden zu schauen. Als sie ihn mit einer anderen Frau sieht, merkt sie, dass sie für ihn mehr empfindet, als sie wahr haben will. Zwei Außenseiter haben sich gefunden! Eines Nachts taucht ihr Chef bei ihr auf und gesteht, daß er finanzielle Schwierigkeiten hat und das so ein richtiger Totalschaden mit einem seiner Autos, ihn vor dem finanziellen Ruin retten würde. Wie das Schicksal so spielt, nach einem Krach mit Marc ( Peter Dinklage , GAME OF THRONES )  fährt sie einen Dompteur mit seinem Totenkopfäffchen. Beim Aussteigen reißt sich der Affe los, springt auf die Rückbank. Alex gibt Vollgas, rast mit dem Affen davon, das Tier springt ihr ins Gesicht, das Taxi  überschlägt sich…….der Affe flieht. Langsam begreift Zwei-Doppel-Vier, daß auch sie nicht ewig vor dem wahren Leben fliehen kann und ist gezwungen eine Entscheidung zu treffen. Ist es wirklich der kleine, coole Mann mit dem sie eine Zukunft eingehen will?
Rosalie Thomass spielt ihre Rolle wunderbar cool . Sie ist eine der wenigen deutschen Schauspielerinnen die auf der Leinwand eine großartige Präsenz entwickelt. Es macht Spaß, ihr zuzuschauen. Da ich das Buch von Karin Duve nicht kenne, kann ich nicht beurteilen wie weit der Film, mit der Buchvorlage übereinstimmt. Duve war selber als Taxifahrerin unterwegs, ihr Alter Ego trägt teilweise die alte Kleidung der Duve von damals und einige Szenen sind in ihrer damaligen Wohnung gedreht. Es gab Momente, da viel es mir schwer, das Handeln einzelner Figuren nachzuvollziehen. Dennoch, der Film ist eine durchaus stimmungsvolle Hommage an die „ Verrückten Achtziger“.
Start: 20.08.2015

TAXI TEHERAN

Jafar Panahi, unabhängiger iranischer Filmemacher, setzt sich in seinen Filmen  kritisch mit Politik und Gesellschaft in seinem Land auseinander. Sein Debüt „ Der weisse Ballon“ wurde 1995 bei den Filmfestspielen in Cannes mit der goldenen Kamera ausgezeichnet. 1997 gewann er mit seinem Film „Der Spiegel“ das Filmfest in Locarno. Seinen grössten Erfolg feierte er 2000 bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig, wo er den Goldenen Löwen  für sein Werk „ Der Kreis“ erhielt. Dieser Film wurde von dem iranischen Regime verboten und durfte infolge dessen im Iran nicht gezeigt werden.
Seine Leidenschaft politische und gesellschaftliche Missstände in Bild und Ton umzusetzen, liess er trotz aller Widrigkeiten nicht nehmen. 2006 gewann er auf der Berlinale den Silbernen Bären für den im Wettbewerb laufenden Film „ Offside“.
Als er im Februar 2010 im Rahmen des World Cinema Fund Days bei der 60-zigsten Berlinale einen Vortrag halten sollte und wollte, wurde ihm die Ausreise verweigert. Auch daraufhin liess Panahi sich nicht einschüchtern. Es folgten einige Gefängnisaufenthalte. Trotz zahlreicher Solidaritätsbekundigungen , sprach die iranische Regierung ein 20-jähriges Berufs- und Ausreiseverbot aus. Seitdem hält Berlinale Chef Dieter Kosslik ihm einen platz in der Jury frei. Trotz dieser unmenschlichen  Strafmassnahmen, schaffte Panahi es seinen Film“ Pardé ausser Landes zu schmuggeln, um ihn 2013 wieder auf der Berlinale zeigen zu können. Wie auch immer es ihm gelang, wurde sein neuestes Werk  TAXI TEHERAN auf der
diesjährigen Berlinale im Wettbewerb gezeigt und  mit dem Goldenen Bären gelobt. Wie die Jahre zuvor, blieb sein Platz leer. Stattdessen nahm seine kleine Nichte den glänzenden Bären unter Tränen entgegen.
Unauffällig installierte er eine Kamera auf dem Armaturenbrett eines Taxis, setzte sich selbst hinter das Lenkrad und kutschiert die unterschiedlichsten Personen durch die Strassen Teherans. Da gibt es den Fahrgast, der unverblümt die neuesten Raubkopien amerikanischer Filme vertickt. Zwei ältere Ladies, die Goldfische in einem offenen Glas von A nach B transportieren, um irgendeinem Ritual zu frönen. Ein Mann und eine Frau, die sich fremd sind, geraten in ein Streitgespräch über den Sinn und Unsinn der Todesstrafe.  Seine zehnjährige Nichte, erzählt von einem Filmprojekt an ihrer Schule, an dem sie unbedingt teilnehmen will. Doch die Auflagen sind streng, denn der Film muss „ zeigbar“ sein, also den ideologischen Anforderungen entsprechen. Panahis   Anwältin nimmt auf dem Rücksitz platz.
Sie verkörpert eine Menschenrechtsaktivistin, die beim Verlassen des Taxi symbolisch eine knallrote Rose auf dem Armaturenbrett hinterlegt. Der beschränkte Innenraum eines gewöhnlichen Taxis wird in Panahis Film zu einem grossen Raum der „ Freiheit“. Und trotzdem , bei aller subtiler Vielschichtigkeit , Heiterkeit und Gesellschaftskritik, hätte dieser Film unter normalen Bedingungen gedreht, wohl eher nicht den Goldenen Bären bekommen. Diese Auszeichnung ist meines Erachtens doch eher als Solidaritätsbekundung und Sympathie für die Stärke des mutigen, sich nicht beugenden Jafar Panahi zu verstehen.
Start: 23.07.2015

 

AMY ( THE GIRL BEHIND THE NAME)

„ Ich bin  kein Mädchen, was ein Star sein will. Ich bin  ganz einfach ein Mädchen, das singt“.
Und wie sie singt!  Sechs Grammys  hat sie bekommen. Das Mädchen mit der legendären Soul-und Jazzstimme. Schon als Teenager schrieb sie ihre aussergewöhnlichen persönlichen  Songtexte. Songtexte, geschrieben wie von einer „ alten Seele, die in einem jungen Körper wohnt“.  Sie brauchte die Musik wie eine Person, für die sie sterben würde.
Nun ist sie zurück. Aber leider nur auf der Kinoleinwand. Die zierliche Person mit der einzigartigen Stimme, die 2011 mit nur 27! Jahren  an einer Alkoholvergiftung  starb.
Der Regisseur Asif  Kapadia, der ebenfalls wie Amy Winehouse im Norden Londons aufgewachsen ist, hat mit mehr als 100  Personen  aufschlussreiche Interviews geführt. Mit Freunden, Ärzten, Managern und natürlich mit ihrer Mutter und dem Vater. Er hat in seiner Recherche eine Menge an Tonaufnahmen und Filmsequenzen zusammengesucht und  gewissenhaft ausgewertet. Schon früh hat der rebellische Teenager das Elternhaus verlassen und sich riesig über ihre eigene Wohnung gefreut, in der sie endlich ungestört  „ den ganzen Tag kiffen kann“. Mit noch nicht mal 20 , unterschrieb sie ihren ersten Plattenvertrag.
In ihrem Debutalbum  FRANK verarbeitete sie in ihren Texten die Befindlichkeiten ihrer Freunde , Ex- Partnern und ihre eigenen Stimmungen in einem Mix aus Jazz, Hip-Hop und Soul. Das Album verkaufte sich in kurzer Zeit bis knapp eine Million Mal. 2006 schmetterte sie ihren bekanntesten Hit  REHAB. NO, NO , NO dem Publikum kraftvoll entgegen. Ihre grossen Vorbilder waren Ella Fitzgerald, Billie Holiday und Tony Bennett, mit dem sie noch kurz vor ihrem Tod ein wunderbares Duett sang. Sie führte sich auf wie ein scheues Mädchen,  welches Angst hat, ihrem grossen Idol nicht das Wasser reichen zu können.
Ihr grösstes Desaster begann, als sie Blake Fielder-Civil kennenlernte. Ein Junkie und Frauenaufreisser, der sie erst so richtig in die grausame Welt der Drogen entführte und  der die Liebe ihres kurzen Lebens wurde. „ Für Blake würde ich sterben“ waren ihre Worte. Ein jähes Auf und Ab kennzeichnete ihre wilde Beziehung. Heroin , Crack , Kokain waren ihre häufigsten Wegbegleiter. In ihrem wunderbaren Album  BLACK TO BLACK verarbeitet sie den unendlichen Schmerz, den sie durch diese zerstörerische Liebesbeziehung erfahren musste. Wieviel Häme musste sie ertragen , als sie gezwungen wurde, ihre Verträge zu erfüllen und  torkelnd, lallend und verwirrt, die Bühne betrat. Ein Bild des Jammers , was sich einem  bot. Die wichtigste Frage , die der Film zwischen den berührenden Szenen immer wieder stellt: Wie konnte es geschehen, dass  dieser aussergewöhnliche Mensch  von einem ganz normalem, fröhlichem  Kind , zu einem derartig körperlichen Wrack wird  und niemand ist da, der  ihr eine helfende Hand entgegen streckt. Und das auch noch vor den Augen der Öffentlichkeit und einer miesen Klatschpresse, die gierig jeden Fehltritt der so genannten Reichen und Schönen lustvoll vermarktet. Nicht mal ihr Vater, ein ehemaliger Taxifahrer, hält schützend die Hände über seine Tochter. Im Gegenteil, geldgierig und ruhmesgeil berauscht er sich am geborgten „ Glück“.
Ein Portrait über eine charismatische Persönlichkeit,  einer begnadeten Sängerin, das einem die Tränen in die Augen treibt. Eine Gesangskarriere ohne Happy End.
Besonders erwähnenswert, Amys erster Manager und Freund Nick Shymansky, der einen Haufen Material zur Verfügung stellte, welches sich als ganz besonders unverzichtbar herausstellte. Einer ihrer letzten Sätze: Ich habe 30 Jahre gebraucht, mein Leben zu ruinieren, meins und das anderer.
Start: 16 07 .2015

HEIL

Von deutscher Rechtschreibung keine Ahnung aber zuschlagen! Das kann der braune Mob, der sich in dem ostdeutschen Kaff Prittwitz hemmungslos breit macht. Das muss der Afrodeutsche  Sebastian Klein ( Jerry Hoffmann ) auf üble Art erfahren. Der Autor ist auf Lesereise unterwegs . Eh er sich versieht, kriegt er einen Schlag auf den Kopf  und verliert dabei sein Gedächtnis. Er plappert nur noch das nach, was die braune Brut ihm vorquatscht. Sven Stanislawski, gespielt von  Benno Führmann, Rädelsführer des rechten Packs, nutzt das aus und lässt den armen Jungen in Talkshows auftreten, wo er die eingeredeten, fremdenfeindlichen Phrasen zum Besten gibt. Sven, scharf auf die Neonazibraut Doreen , versucht er damit zu beeindrucken. Doch die verlangt von ihm, doch erst einmal in Polen einzumarschieren, dann könne man weitersehen. Sebastians schwangere Freundin ( Liv Lisa Fries)  setzt alles dran, den nicht wieder zu erkennenden  Freund mit Hilfe des örtlichen Polizisten zu finden. Deutschland erwache, Bundeswehr verrecke, es lebe der solide arische Kampf. Das und noch viel mehr, ist das Vokabular des tumben braunen Packs. Regisseur Dietrich Brüggemann ( Am Kreuzweg ) hat sich dieses Themas angenommen, in den Zeiten von Pegida und überhaupt, ein längst überfälliges Vorgehen. Kurze Gastauftritte von Andreas Dresen, dem Musiker Heinz-Rudolf Kunze, Alfred Holighaus und Brüggemann selber, geben dem ganzen noch einen extra Drive. Bis auf durchaus witzige Momente, ist Brüggemann  an einer bitterbösen Satire vorbei geschrammt. Leider artet vieles in schenkelklopfenden Klamauk aus.  Vielleicht ist das ja pure Absicht. Bestimmt wird dieses Spektakel auch von einigen  Anhängern der rechten Szene angeschaut. Und ob die überhaupt in der Lage sind, so richtig bösen, satirischen Humor, zu begreifen, wage ich zu bezweifeln.
Start: 16.07.2015

DEN MENSCHEN SO FERN
Nach einer Novelle von Albert Camus „ Der Gast“ hat Regisseur und Drehbuchautor  David Oelhoffen seinen Film „ Den Menschen so fern“, französischer Titel „ Loin des Hommes“, als Western inszeniert. Es ist der Beginn des Algerienkriegs 1954. Daru ( Viggo Mortensen ), ein ehemaliger Soldat, ist Lehrer an einer kleinen Dorfschule, mitten im öden und kargen Atlasgebirge. Er lebt dort völlig zurückgezogen,  bringt den Kindern armer Leute Lesen und Schreiben bei. Seine Ruhe wird empfindlich gestört, als er beobachtet wie zwei Männer zu ihm emporsteigen. Es ist der Gendarm Balducci, der einen Gefangenen mit sich führt. Wegen sich zusammen brauender kriegerischer Unruhen wird jeder Polizist gebraucht. Daru soll die Aufgabe übernehmen , den „ Araber“ ( Reda Kateb ) in ein anderes Gefängnis zu bringen. Er soll ihn nach Tinguit führen. In der dortigen Polizeistation erwartet den „ Araber“ die Hinrichtung. Der stille Mann hat seinen Cousin getötet, weil der ihm sein Korn gestohlen hat. Daru weigert sich. Als Balducci merkt, dass Daru stur bleibt, verlässt er wütend die Schule. Er überlässt es dem Lehrer, was er mit dem „Araber“ macht. Da die eiskalte Nacht herein bricht, bereitet Daru dem Gefangenen ein Lager und nimmt ihm die Fesseln ab. Er ermuntert ihn zur Flucht. Als sein „ Gast“ mitten in der Nacht aufsteht und raus geht, hofft Daru, dass er flieht. Doch der Araber kehrt zurück. Am nächsten Morgen macht sich Daru widerwillig mit dem Gefangenen auf den Weg. Verfolgt von  Reitern und  einem Lynchmob aus dem Dorf, der Blutrache geschworen hat.  Auf dem beschwerlichen Weg, kommen sich die beiden Männer näher. In sparsamen Worten erfährt jeder, die Geschichte des anderen. Mohamed, der Araber, will sich unbedingt den französischen Behörden stellen. Seine Familie ist bitterarm. Sie kann das so genannte Blutgeld nicht bezahlen. Das bedeutet, dass die Familie seines Cousins Blutrache begehen muss. Mohameds Brüder, die noch sehr klein sind, müssen später, im Gegenzug, Blutrache ausüben. Mohamed ist fest entschlossen, sein Leben zu opfern. So will es die Tradition. Er muss diesen Teufelskreis unterbrechen.
Jetzt steht Daru erst recht vor der Entscheidung  Mohamed zur Flucht zu bewegen oder ihn abzuliefern. Er mag ihn inzwischen wie einen Bruder. Als er erfährt, dass Mohamed noch „ Jungmann“ ist, organisiert er für ihn einen Besuch im Puff. Am nächsten Tag gabelt sich der Weg. Der Weg durch die Wüste führt zu den Nomaden. Das bedeutet Freiheit. Der andere Weg führt ins Dorf. Das bedeutet Gefängnis und Tod. Daru überlässt die Entscheidung  seinem Freund. Zurück in seiner Schule sieht er die Worte an der Tafel: Du hast unseren Bruder ausgeliefert. Du wirst zahlen. Mit Tränen in den Augen erklärt Daru  den Kindern, dass  heute sein letzter Schultag sei. Der kleinste und schmächtigste Junge gibt ihm einen Abschiedskuss.
Der Kameramann Guillaume Deffontaines hat beeindruckende , atmosphärisch dichte Bilder geschaffen. Nick Cave und Warren Ellis komponierten die entsprechende Musik dazu. Zu Beginn des Films ist der Soundtrack  aus elektronischen , vom Wind begleitenden, Strukturen  aufgebaut. Je weiter sich die Geschichte entwickelt, kommen Streichinstrumente dazu. Vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung zwischen arabischen und französischen Algeriern in der französischen Kolonie, kurz vor dem Unabhängigkeitskrieg, hat  Oelhoffen  eine aussergewöhnliche Freundschaft  zwischen zwei Menschen etabliert, die gemeinsam für ihre Freiheit kämpfen. Beide Hauptdarsteller spielen grossartig.
Start:  09.07.2015

MADE BY GERMANY: JEDER KANN EINEN FILM DREHEN…..ZEITRAUM 24 STUNDEN

ACHTUNG!

Jeder, aber auch jeder ist sein eigener Regisseur!
DEUTSCHLAND. MADE BY GERMANY fordert alle Menschen in Deutschland auf, ein 80Millionen starkes Filmteam zu bilden und ein kollektives Selbstporträt zu drehen.
 Lustig, ergreifend, emotional, vielfältig, atemberaubend, überraschend, kritisch.
Drehtag: 20.Juni 2015!
Was macht dich glücklich? Wovor hast du Angst? Was bedeutet Deutschland für dich? Deinen Ideen sind keine Grenzen gesetzt.
( Porno und Rassistisches Gedankengut scheidet aus).
Gefilmt werden kann mit Kameras, Smartphones und Tablets. Wer all das nicht zur Verfügung hat, kann sich bei  www.madeby.de oder www.facebook.com/madebygermany melden, um sich ein entsprechendes Handy auszuleihen.
Nach dem 20.Juni haben alle Teilnehmer 3 Wochen Zeit ihre Aufnahmen  auf den Webseiten www.madeby.de oder www. facebook.com/ madebygermany hochzuladen. Danach wird ein Team von Cuttern und Loggern das Material  sichten und sortieren, bevor Sönke Wortmann als künstlerischer Leiter gemeinsam mit seinem langjährigen Cutter Ueli Christen einen Kinofilm realisieren wird.
Ein Team von Rechercheuren ist in der gesamten Republik unterwegs, um Menschen mit spannenden Geschichten für dieses bombastische Projekt zu mobilisieren.
Am 05.Mai 2016!!! Wird DEUTSCHLAND.MADE.BY GERMANY als grosses Event im Verleih von Warner Bros. In die Kinos kommen.
Die Idee für  dieses ungewöhnliche Format stammt von Regisseur Ridley Scott ( BLADE RUNNER) der 2010 „ LIFE IN A DAY“ in Zusammenarbeit mit You Tube , dessen fünfjähriges Bestehen feierte.
„ LIFE IN A DAY“ wurde seit dem in Japan, Großbritannien und zuletzt in Italien umgesetzt, überwiegend auf You Tube.
Judy Tossell, Geschäftsführerin der Produktionsfirma Egoli Tossell Film, hat es sich zur Aufgabe gemacht dieses Projekt im gesamten Land ins Kino zu bringen.
 Also, schnappt euch eure Kameras oder was immer ihr habt und auf geht`s. Und denkt dran: Ihr habt nur 24 Stunden Zeit. Länge: von einer Sekunde bis zu 24 Stunden, Schluß. Alle rechtlichen Richtlinien
könnt ihr unter den angegebenen Web.Seiten nachlesen.
Viel Spaß!!!!!!!

LOST RIVER

Ryan Goslings Regiedebut ist alles andere als ein Feel-Good –Movie. Der kleine Ort Lost River  wird  durch die verheerende amerikanische Immobilienkrise  immer mehr zu einer Geisterstadt. Wer es sich nur irgendwie leisten kann, zieht dort so schnell wie möglich weg, auf der Suche nach einem besseren Leben. Billy ( Christina Hendricks)  will mit ihren beiden Söhnen unbedingt in ihrem vertrauten Zuhause bleiben. Um das schäbig heruntergekommene Haus behalten zu können, lässt sich die total verschuldete  Billy auf das Angebot des neuen Bankmanagers ein. Er bietet ihr einen  lukrativen Job in einem übrig gebliebenen bizarren Nachtclub an. Dort wimmelt es von skurrilen Gestalten , die mit mysteriösen Shows versuchen, das Elend um sich herum vergessen zu lassen.  Während sie in diesem Etablissement als Kellnerin arbeitet, passt ihr Sohn Bones ( Iain de Caestecker) auf den kleinen Bruder Franky auf. Um  sein kaputtes Auto reparieren zu können, schleicht sich Bones in verlassene Häuser , um Kupferdrähte und  verwendbaren Schrott an einen Händler zu verkaufen. Der skrupellose Gang-Leader Bully duldet keine Konkurrenz und geht mit brutaler Gewalt gegen  die armen „Schweine“  vor. Die wenigen Bewohner, die in dem unheimlichen Ort geblieben sind, fallen durch ihr merkwürdiges Verhalten durch jedes normale Raster. Das junge Mädchen Ratte erzählt  Bones  von einem versunkenen Ort auf dem Grund  des Flusses von Lost River. Vor etlicher Zeit wurde ein Damm gebaut, der die dicht beieinander liegenden Orte überflutete und seit dem lastet ein übler Fluch auf ihrer Stadt. Gedreht hat Gosling dieses märchenhafte Endzeitdrama in Detroit. In faszinierend morbiden Bildern unterstreicht er die fatalen Auswüchse des amerikanischen Finanzkapitalismus, indem er sich an seinen Vorbildern David Lynch und  Nicolas Winding Refns, bei dem er als hervorragender Schauspieler  in DRIVE und ONLY GOD FORGIVES vor der Kamera stand, orientierte. Es sind Bilder von einer einzigartigen Farbkomposition, die in mir den Wunsch aufkommen liessen, stopp, haltet an, um ein Foto nach dem anderen zu machen. Schon in dem Gangsterdrama KILLING THEM SOFTLY nahm sich  Regisseur Andrew Dominik  dem Thema der fatalen . immer stärker ausufernden Auswüchse des Finanzkapitalismus und deren Folgen, für die, die auf der Strecke bleiben, an.  Einer meiner Lieblingsfilme im letzten Jahr, der bei den Kritikern total floppte.  Leider geht es Gosling mit seinem Erstling genauso. Für mich nicht ganz verständlich. Es ist eben seine ganz persönliche Vorstellung, die Zerstörung des amerikanischen Traums  auf  extrem mystische Weise zu verdeutlichen. Märchenhaft, unter einem Schleier von unendlicher Traurigkeit. Es ist doch keine Schande, in die Fussstapfen seines Vorbildes zu treten.

Start: 28.05.2015

B-MOVIE: LUST & SOUND IN WEST-BERLIN

So manchem jebürtigen  Berlina wird vielleicht soon kleenet Tränchen de Wange herunter kullern, beim Anblick der frech, rotzigen Collage über det alte West-Berlin der Achtziger, janz zu schweigen , wie det schon in den Fuffzigern und Sechzigern war. Mensch, wat war det für eene lässige Stadt. Billig, verrückt und völlig unabjejehoben. Die Dahlemer unter sich und der Rest, liess es sich , so jut es ging, nich de Butter vom Brot nehmen. Wat für`n Glück, det  Mark Reeder, ein Brite mit Uniformtick 1978 in det „ kaputte“ Berlin kommt und allet, wat ihm Spass macht, mit seiner Kamera fest hält.  Die Nacht wird zum Tag gemacht. Ob det der DSCHUNGEL war, wo man vor Mitternacht ja nich uffkreuzen konnte. Gähnende Leere. Meen Jott, wen hat man da nich allet anjetroffen. Von Bowie, Nick Cave, die halbe Berliner Untertwelt. Det schöne war ja……man musste ja kaum Eintrittsjeld bezahlen. Det  RISIKO, Blixa Bargeld fast immer besoffen. Die wilden Punker und ihre schrille Musik. Reeder mischte sich unter die Szeneleute, organisierte  abgefahrene Konzerte, zählte DIE TOTEN HOSEN zu seinen Freunden und schmuggelte so manches Tape vom Westen in den Osten, um die Zonenpunks an der „ Westdekadenz“ teilhaben zu lassen. Reeder, selber Musiker, gründete nach der Wende ein eigenes Techno-Label MFS, wo die ersten Platten von der Gruppe Westbam  produziert wurden. Für alle, die det alte Westberlin nich verjessen haben, ist diese Dokumentation ein nostalgischer , mit Wehmut  und Spass  gepaarter Spaziergang, durch een Berlin,   wo inzwischen die schönsten Orte des Vergnügens „ abgewickelt“ sind.  Jörg Hoppe, Klaus Maeck und Heiko Lange haben liebevoll zusammengetragen, was an  Bild-und Tonaufnahmen aufzutreiben war.  Det Janze….eine erfreuliche Liebeserklärung an eine Stadt, die es so leider nicht mehr gibt. Wenn heute soon Zujezogner sagt, in Berlin , da steppt der Bär, der hat ja keene Ahnung. Solln sich mal anseh`n, wie  unkonventionell und  easy det hier mal war. Ick sage nur  Juten Tach    und nach dem Film…..Uffwiederseh`n.

Start: 28.05. 2015

DIE AUGEN DES ENGELS

Ich gehe davon aus , dass der Mordfall Amanda Knox auch dem  letzten Hinterbänkler  wohl bekannt ist. Der englische Regisseur Michael Winterbottom nimmt sich in seinem Film „ DIE AUGEN DES ENGELS“ dieses Themas an, geht aber auf den Fall an sich kaum ein. Im Vordergrund steht der Regisseur Thomas Lang, der von der Idee besessen ist über diesen Mordfall einen Film zu drehen. Zu Recherchezwecken trifft  er sich mit der Journalistin Simone Ford ( Kate Beckinsale ) die den aufregenden Prozess interessiert verfolgt hat und ein Buch über das ungeheuerliche Verbrechen geschrieben hat. Je mehr sich Lang mit dem Fall beschäftigt, gerät er in eigene Schuldverstrickungen, seine eigene Schaffenskrise und seine private Misere bereiten ihm einen Abrutsch in zeitweilige Wahnvorstellungen , die er mit Hilfe von Alkohol versucht zu mildern. Lang ging als junger Mann nach England, drehte dort einen erfolgreichen „ Film noir“. Danach ging er mit seiner Frau nach Amerika, sie bekamen eine Tochter, doch der weitere Erfolg als Filmemacher, erwies sich als grosser Trugschluss. Seine Frau trennte sich und lebt mit einem amerikanischen Schauspieler zusammen, der auch die Vaterrolle für die kleine Bea übernahm. Zurück in Europa wittert er nun eine neue Chance. Er trifft die junge, lässig unkonventionelle Melanie ( erfrischend Cara Delivingne) die ihm bei seinem ehrgeizigen Projekt helfen will.
Leider ist es Winterbottom nicht gelungen einen spannenden Thriller daraus zu machen. Der ganze Film wirkt total überambitioniert  und unoriginell. Es ist mir unbegreiflich wie man eine an sich psychologisch  interessante und spannende Figur wie Lang sie verkörpert, mit Daniel Brühl besetzen kann. Für mich gehört Brühl zu der Sorte Schauspieler, dessen mimisches und körperliches Repertoire eine anspruchsvolle Rolle glaubhaft zu meistern, nicht im geringsten gegeben ist.  Wie er es schafft, auf einmal eine so genannte internationale Karriere zu machen, ist mir ein Rätsel. Dieser Film wäre mit einem Schauspieler von Format wenigstens halbwegs zu retten gewesen. Schade.

Start: 21.05.2015

NIRGENDLAND

Es kommt höchst selten vor, dass die Verleiher eines Films einem nicht viel Spass wünschen. NIRGENDLAND ist so ein Film. Diesmal hieß es: Gut Licht, gut Ton. Die Dokumentarfilmerin Helen Simon begleitet die heute erwachsene Tina Reuther bei ihrem erschütterten Geständnis jahrelang von ihrem Vater missbraucht worden zu sein. Es dauerte Jahrzehnte, bis sie überhaupt darüber reden konnte. Ihre Familie hat sie sich buchstäblich schön geredet. Wie sie selbst sagt: Sie hat sich ihre Familie gebastelt, eine so genannte heile Welt! Als sie später erfuhr, dass der Vater sich auch an ihrer kleinen Tochter wieder und wieder vergangen hat, brach für sie alles zusammen. Hat sie sich doch der irrsinnigen Illusion hingegeben, dass er das mit ihr macht, weil er sie besonders liebt. Sie hätte nie gedacht, dass er das auch mit anderen tut. Es fing alles schleichend an. Begleitet von Drohungen forderte der Vater immer mehr. Die Mutter, selbst ein Vergewaltigungsopfer, sah weg und schrie das Kind an, indem sie die verletzte Kinderseele als Schickse beschimpfte. Sie wollte nichts anderes, als dass es endlich aufhört, mehr nicht, denn kein Kind will seine Familie verlieren. Auch ihre Tochter Sabine schwieg und teilte sich niemandem mit. Auch sie war jahrelang das Opfer dieses Mannes, der offensichtlich nicht die geringste Angst vor dem Auffliegen seiner grausamen Begierde hatte. Seiner Enkelin drohte er mit den Worten: „ Wenn du der Mama was erzählst, dann bringt sie sich um.“ Doch endlich bricht Sabine ihr Schweigen. Sie hat Angst um ihre kleine Cousine , reißt allen Mut zusammen und zeigt ihren Großvater an. Ihre Mutter tritt als Nebenklägerin auf. Immer wieder werden die Gerichtsprotokolle zitiert. Immer wieder muss Sabine Angaben über die Übergriffe ihres Opas machen. Und spätestens jetzt schnürt es einem fast die Kehle zu. Bis ins letzte Detail lässt sich „ Richter Gnadenlos“ die Taten schildern. Am Ende des langwierigen Prozesses wird das „ Schwein“ freigesprochen. Sein Standardsatz: „Es ist doch nichts passiert.“ Sabine hält dem nicht stand. Für sie war der Freispruch ihr Todesurteil. Sie bringt sich mit einer Dosis Insulin um. Durch die Angst und die Demütigungen flüchtete sich das Mädchen in Multiple Persönlichkeiten, fing an sich zu ritzen, nahm mit 14 Heroin . Auch der lange Aufenthalt in einer Therapeutischen Einrichtung konnte sie vor dem Suizid nicht retten. Tina Reuther hat es geschafft, von ihren quälenden Schuldgefühlen einigermaßen befreit zu sein. Sie singt und spricht wunderschöne lyrische Texte. Im Film singt sie „ Kein-Kinderlied“ ……Wohin ich immer reise…ich komm nach Irgendland……

Es muss dringend etwas geschehen, daß so ein Richter nie wieder in derartigen Prozessen eingesetzt wird. Richter, die absolut keine Ahnung von Traumataforschung haben und sich, wenn überhaupt, auf die Aussagen irgendwelcher Gutachter verlassen. Wie sagt ein Kollege mit recht: „ Dieser Film ist ganz großes Kino“. Da schließe ich mich an und hoffe, daß ihn viele Menschen sehen und wenn er im Fernsehen gezeigt wird, dann bitte, bitte zur Primetime. Ein Dankeschön an die mutige Frau Reuther, die ihrem Schweigen ein Ende bereitet hat.

Start: 02.04.2015

EX MACHINA

In diesem spannenden Science-Fiction Thriller gewinnt der junge Programmierer Caleb  bei einem firmeninternen Gewinnspiel einen einwöchigen Aufenthalt in dem hightech-schicken Haus seines Chefs Nathan, gespielt von Oscar Isaak, der optisch kaum wieder zu erkennen ist. Mitten in den Bergen, abseits jeder Zivilisation, freut sich Caleb  auf eine Woche Urlaub. Stattdessen wurde er ausgewählt, an einem höchst mysteriösen Experiment teilzunehmen. Er soll den Kontakt zu der bildschönen Roboterfrau Ava  ( Alicia Vikander ) aufnehmen, der ersten wirklich wahren Intelligenz. Durch eine Glasscheibe getrennt , befindet sich Ava in einem mit Kameras ausgestatteten Raum und beantwortet die Fragen, die Caleb ihr stellt auf verblüffend menschliche Art. Doch immer dann, wenn der Strom ausfällt und Nathan nicht mehr verfolgen kann, was sich zwischen den beiden abspielt, irritiert sie den jungen Mann, indem sie ihn eindringlich vor Nathan warnt. Wer ist dieser Nathan überhaupt? Ein Irrsinniger, der mit wahnhafter Akribie sein mit Kameras und einem ausgefeilten Key-Card- System ausgestattetes Haus und die geheimnisvollen Vorgänge innerhalb dieser Festung überwacht. Dann aber im wiederholten Alkoholrausch die Kontrolle über sich total verliert. Wer täuscht hier eigentlich wen? Gibt es überhaupt noch einen Unterschied zwischen einem künstlich geschaffenen Wesen und einem realen Menschen, wenn sie in ihrem Bewusstsein nicht mehr zu unterscheiden sind?  Begegnen wir eines schönen Tages bildschönen Menschen hinter deren Fassade statt eines Hirns ein Gewirr von Drähten ihr Handeln und Fühlen bestimmt. Wer ist der Irre, der jederzeit den Stecker zieht…….?
Ex Machina, ein aus dem Lateinischen hergeleiteter Begriff, bedeutet so viel wie „ Gott aus der Maschine“.
Mit diesem Regiedebüt ist dem Regisseur Alex Garland ein faszinierendes und gleichzeitig verstörendes Filmereignis gelungen.
Start: 24.04.2015

NUR EINE STUNDE RUHE!

Bei diesem Film kam ich mir vor, als ob ich im Theater am Kurfürstendamm hocke und  Zuschauer einer dieser schrecklichen Komödien bin, die dort meistens gespielt werden.
Es ist ein herrlicher Tag . Zufällig entdeckt der Zahnarzt Michel ( Christian Clavier) eine Schallplatte, nach der er schon lange gesucht hat. Voller Freude eilt er nach Hause, um  das Werk in aller Ruhe zu hören. Titel des Stücks: Me, Myself and I. Doch dazu kommt es nicht. Alle Welt hat sich gegen ihn verschworen. Seine Ehefrau will ihm ein längst überfälliges Geständnis machen, der angeblich polnische Schwarzarbeiter setzt das Bad unter Wasser, die Geliebte nervt und der Nichtsnutz von Sohn erklärt, dass er im Dachgeschoss eine philippinische Großfamilie , Flüchtlinge, einquartiert hat. Der Nachbar will eine Hausparty geben, die aber wie vorgesehen, nicht in seiner Wohnung stattfinden kann, da das Wasser aus dem verursachten Rohrbruch durch die Decke sickert. Wie im Boulevard Theater üblich, geht die Tür auf und zu, rein und raus!  Michel versucht sich aus allem raus zu halten und redet, redet, redet sich um Kopf und Kragen. Es nervt!  Als dann auch noch sein bester Freund, der sich als langjähriger Geliebter seiner Frau und Vater seines Sohnes zu erkennen gibt, sich von ihm Geld borgen will, ist das Maß voll.  Endlich tritt Ruhe ein. Michel kann endlich seine heiß geliebte Platte hören…..nee, als er die  Nadel aufsetzt, trifft ihn prompt ein „ Hexen- Schuss“.Berührend die Szene, als ihm einfällt, dass sein Vater und er diese Platte gemeinsam mochten. Mit schmerzendem Rücken macht er sich auf den Weg. Auf den langen Gängen des Heims, sucht er das Zimmer seines Vaters. Voller Freude  legt er die Platte auf. Erkennt der Vater ihn überhaupt? Obwohl diese Komödie viele ernsthafte Momente hat, werden diese nur angedeutet und mit klamaukartigem Humor zu geballert. Nach einer Stunde möchte man am liebsten rufen: „Jetzt halte doch endlich mal den Mund, Ruhe bitte!“
Start: 16.04.2015

EVERY THING WILL BE FINE

Der Schriftsteller Tomas ist unterwegs auf einer verschneiten Landstrasse. Die Sicht ist schlecht. Wie aus dem Nichts rutscht ein Schlitten  den Abhang hinunter. Tomas ( James Franco ) tritt auf die Bremse.. Er steigt aus. Totenstille .Ein kleiner Junge bewegt sich auf ihn zu. Stumm führt der kleine Christopher Tomas zu dem Haus seiner Mutter. Die Mutter( Charlotte Gainsbourg ) öffnet die Tür. Ein markerschütternder Schrei. Sie rennt los den jüngeren Bruder zu suchen. Er ist tot. Regisseur Wim Wenders: „Every Thing Will Be Fine“ erzählt auf vorsichtige und genaue Weise von Schuld und der Suche nach Vergebung, und davon, dass es nicht die Zeit ist, die Wunden heilt, sondern der Mut, sich zu stellen. Und sich selbst zu verzeihen.“
Der plötzliche Tod des Kindes verändert bei allen Beteiligten  alles. So ein Unglück kann jedem passieren. Jeder macht sich die grössten Vorwürfe und muss damit leben.
Die Schuld nagt an dem Schriftsteller Tomas wie ein böses Geschwür und treibt ihn zu einem dilettantischen Suizidversuch. Die Beziehung zu seiner Freundin scheitert endgültig. Christopher fühlt sich für den Tod seines kleinen Bruders verantwortlich und Kate, seine Mutter zieht sich in sich zurück. Dieses Schuld-und Vergebungsdrama hat Wenders in einer unaufdringlichen einfühlsamen  3-D Technik gedreht. Dadurch bekommen die Schauspieler eine zusätzliche Präsenz.  Besonders Franco, dessen Spiel  von einer inneren Intensität gesteuert wird, die man so bisher nicht von ihm kannte. Vor langer Zeit war ich fünf Drehtage bei Wenders  am Set und habe erlebt, mit welcher Ruhe und Akribie Wenders seine Bildgestaltung betreibt und mit welch grossartigem Einfühlungsvermögen er seine Schauspieler führt. Vielleicht  ist das der berühmte Funke der unter solchen Bedingungen auf die Schauspieler  überspringt.  Der kleine Bruder des verunglückten Jungen, der damals unter Schock stand, inzwischen ist er 16 , konfrontiert Tomas, der inzwischen eine neue Familie gegründet hat und durch seinen Schmerz zu einem besseren ,erfolgreichem Schriftsteller geworden ist. In dieser Konfrontation  liegt ein solch quälendes Leid, das den mittlerweile fast erwachsenen Jungen buchstäblich dazu zwingt, eine Begegnung mit Tomas herbei zu führen.  Wenders ist es gelungen ein einfühlsames, spannendes, feinfühliges Kammerspiel auf die Leinwand zu „ zaubern“.
Start: 02.04.2015

 

BEST EXOTIC MARIGOLD HOTEL 2

Auch im zweiten Teil des BEST EXOTIC MARIGOLD HOTEL geht es hoch her. Das Hotel im indischen Japur platzt aus allen Nähten. Sonny Kapoor ( Dev Patel), der Betreiber plant  zu expandieren. Wieder vollständig mit dabei die altbewährte Rentnergang. Bond Chefin Judy Dench, Maggie Smith, deren schnoddrige Lebensweisheiten für beste Unterhaltung sorgen. In Berlin würde man sagen: „ Dit iss Herz mit Schauze“. Mit von der Partie der sympathische Bill Nighy. Neuzugang in dem herrlichen Ensemble, Pretty  Woman Schwarm Richard Gere, der das Herz der  Damen höher schlagen lässt. Ein Film voller Sonne, Farben  und älteren Menschen, die ihr Leben trotz ihres Alters, immer wieder neu gestalten. Auch wenn das Durchschnittsalter der warmherzigen Truppe über 70 ist, ist es nicht nur ein Film für die ältere Generation. Nee, ganz im Gegenteil. So manche junge „Transuse“ kann hier einiges lernen. Bei diesem Feuerwerk an weisen Sprüchen, ist für jeden was dabei und wenn es nur der lebendig exotische Schauplatz ist.
Start: 02.04.2015

TOD DEN HIPPIES, ES LEBE DER PUNK

 Satire! In seinem neuen Film „ Tod den Hippies, es lebe der Punk“ unternimmt  Oskar Roehler einen Ausflug ins alte West-Berlin der 80-Jahre. Bei jungen Provinzlern ein Ort bekannt für zügelloses Leben. Berlin,da kann man so richtig die Sau raus lassen. So auch Punk Robert( Tom Schilling). Der landet bei seinem Freund Schwarz (Wilson Gonzales), dem Inhaber einer Peepshow. Da Tom dringend einen Job braucht, darf er die Kabinen reinigen und eimerweise Sperma von den Wänden und Böden wischen. Ansonsten holt er Pizza für die Mädchen und verliebt sich prompt in eine von ihnen, nicht wissend, daß das American Girl hacke drogenabhängig ist. Die damalige Peepshow am Bahnhof , sexueller Zufluchtsort für so manches „Hohe Tier“ in dieser Stadt, gibt es längst nicht mehr. Schade eigentlich.  Für viele Studenten , die sich auf dem drehenden Teller obszön spreizen konnten, ein netter Nebenverdienst. Doch zurück zu Robert. Der trifft seine abgedrehte Mutter Gisela Elsner, Nachtigall ick hör dir trapsen, diesmal gespielt von Hannelore Hoger, als „ Ledertriene“ zu recht gemacht, die ihm den Tipp gibt, wenn er Geld braucht, so könne er doch zu seinem Vater, dem alkoholkranken Klaus Roehler, geh`n. Der verwahrt noch 200.000Mark, die aus Banküberfällen von Gudrun Ensslin stammen. Ja und sonst treibt sich Robert, die Alter-Ego Figur Roehlers, in der angesagten Kneipe Risiko herum . Treffpunkt der abgefahrenen Punkerszene um Blixa Bargeld und Nick Cave. Ein buntes Völkchen der Nacht, zu gedröhnt von Koks und hämmerndem Punkrock. Zwischendrin Frederick Lau als schwuler Neonazi,ständig auf der Suche nach einem Fick,  begleitet von seinem Schäferhund, der Gott sei dank, nicht auch noch Blondie heisst. Bis auf Robert, sind alle Figuren total überzeichnet, die Weiber sind alles Nutten oder sonst wie gestört, die Männer drogen- oder sexsüchtig, apathisch oder merkwürdig gestört. Klar doch, Satire darf alles.  Ich, als „ olle West- Berlinerin“, in der Stadt geboren und aufgewachsen, fühle mich fast persönlich beleidigt. Mein heiss geliebtes Berlin, so in den Dreck zu zieh`n, das wird der damals  als aussergewöhnlich geltenden  Stadt nicht gerecht, auch wenn ich ab und zu kräftig lachen musste.  Über dramaturgische Schwächen will ich gar nicht reden.
Start: 25.03.2015

CINDERELLA

Hollywood schwelgt geradezu in wiederbelebten Märchenfilmen und man hat das Gefühl, dass sich die weiblichen Stars geradezu darum reissen, als Hexen  die Leinwände zu erobern. Kenneth Branagh hat mit seiner quietschbunten Cinderella – Adaption bestimmt das Herz vieler kleiner Mädchen erobert. Nicht nur die Kleinen haben ihre helle Freude, auch für Erwachsene ist Branaghs Film  ein kurzweiliger Spass.  Cate  Blanchett als rothaarige gemeine, niederträchtige, skrupellose Intrigantin ist durchaus sehenswert. Was wäre ein Märchen ohne gute Fee. Helena Bonham Carter sorgt für grandiose visuelle Effekte, indem sie der grundguten Cinderella einen spektakulären Auftritt am Hofe des Prinzen verschafft. Was für ein Zauber. Abrakadabra. Strahlend schön steigt  Aschenputtel aus der vergoldeten Kürbiskutsche.  In einem wunderschönen himmelblauen  Ballkleid, an den Füssen die legendären gläsernen Cinderella- Schuhe, hergestellt von der Bling, Bling Firma Swarovsky. Anmutig schreitet das junge Mädchen die Schlosstreppe hinauf. Viel Zeit hat sie nicht, um das Herz des Prinzen zu erobern. Schlag Zwölf in der Nacht, ist es mit dem Zauber vorbei! Von Neid und Wut zerfressen beobachtet die böse Stiefmutter  mit ihren dummdreisten plumpen Töchtern, die strahlende Ankunft des jungen Mädchens. Listig schmiedet sie mit dem intriganten Minister des Königs einen bösen Plan. Während die weiblichen Darsteller für Furore sorgen, bleibt Richard Madden als Prinz und Stellan Skarsgârd als Minister ziemlich blass. Herrlich computeranimierte Zaubereffekte, drollige Mäuse und anderes Getier machen diesen Film zu einem alle Sinne ansprechenden  Erlebnis. Sandy Powells Kostümentwürfe wurden mit einem Oscar prämiert. Auch so manches Transvestitenherz wird bei dem Anblick der opulenten Kleider aus dem Takt geraten.

VERSTEHEN SIE DIE BÈLIERS

Und wieder eine Komödie, made in France. Was gefühlvolle Komödien anbelangt, die macht den Franzosen keiner so flott nach. Die Béliers, eine Familie zum verlieben. Vater, Mutter, Sohn sind taubstumm. Teenager Paula kann hören. Kein leichtes Los für das junge Mädchen. Ist sie es, die auf dem Markt hinter dem Käsestand der Eltern die Kundenwünsche Vater und Mutter in Gebärdensprache übermitteln muss. Trotz dieses Handicaps geht die Familie ausser gewöhnlich fröhlich miteinander um. Sie halten zusammen wie Pech und Schwefel. Vater Rodolphe ist felsenfest der Meinung, Bürgermeister der Gemeinde zu werden. Mit den geschickten Übersetzungskünsten seiner Tochter wird er es schon schaffen. Alle vier halten von dem amtierenden nämlich so rein gar nichts.“ Warum sollen die Leute keinen Gehörlosen wählen, sie haben ja auch einen Idioten gewählt“. Als Paulas Musiklehrer ihre wunderschöne Stimme entdeckt und der Meinung ist, dass sie unbedingt nach Paris gehen muss, um an der Musikhochschule Gesang zu studieren, gerät das Mädchen in einen gehörigen Entscheidungskonflikt. Oh mon dieu, verliebt hat sie sich auch noch. Paula ist hin und her gerissen. Kann sie denn überhaupt ihre Familie alleine lassen. Wie reagieren sie auf ihr Fortgehen. In der vermeintlich stillen Welt steht der Haussegen ziemlich schief. Viel Zeit bleibt der quirligen Paula nicht. Bei der Abschlussfeier ihrer Schule sind  Mutter Gigi, Vater Rodolphe und Bruder Quentin zum ersten Mal dabei. Obwohl sie nicht hören können wie klangvoll die Stimme ihrer Tochter ist, sind sie zu Tränen gerührt über die starke Emotion, mit der ihre Tochter ihr Lied interpretiert. „ Liebe Eltern, ich gehe weg: Ich liebe euch aber ich gehe weg…..“  „ JE VOL“ von Michel Sardou, ein Chanson, das Paulas Geschichte ein wenig erzählt. Paula wird gespielt von der hinreissenden Newcomerin Louane Emera. Nicht nur , dass sie ihre erste Hauptrolle spielt, grandios    meistert sie die enorme Herausforderung die vielschichtige Gebärdensprache zu lernen, Mimik und Zeichen in ein verständnisvolles Miteinander zu verknüpfen. Mit ihrem ungekünstelten Charme, ihres frechen Aufbegehrens, ihres herzerwärmenden Mitgefühls trägt Louane  Emera  diese berührende Familiengeschichte mit einer erstaunlichen Leichtigkeit und bewahrt den Film  vor einer klamottigen Attitude.
Am 22.02.2015 wurde  sie mit dem Französischen Filmpreis ausgezeichnet.

STILL ALICE

MEIN LEBEN OHNE GESTERN

Als ich STILL ALICE in der ersten Pressevorstellung sah, faszinierte mich Julien Moores Schauspiel – Präsenz zutiefst. Als ich diesen berührenden Film ein zweites Mal sah, passierte etwas Ungewöhnliches: Ich erinnerte mich nicht an die anderen Protagonisten. Es gab ja noch Alec Baldwin, Kristen Stewart, Kate Bosworth, Hunter Parrish u.v.m.
Moore spielt eine New Yorker Linguistik-Professorin, die unter einer erblich bedingten frühen Form von Alzheimer leidet. Mit grossartiger Zurückhaltung, feinsinnigen Nuancen gibt sie der Figur Alice Howland  eine unglaubliche Wahrhaftigkeit. Ihr Spiel ist fern von jeder Anstrengung. Bis zum schleichenden Ausbruch der Krankheit  lebte Alice von ihrer Sprache, ihren Gedanken. „ Für alles wofür ich  mein verdammtes Leben gearbeitet habe….es geht alles verloren! Sie irrt durch ihr Haus, findet das Bad nicht mehr. „Ich weiss nicht mehr , wer ich bin und was ich als nächstes verliere“. Ausserhalb ihrer Familie versucht Alice sich so gut es geht, nichts anmerken zu lassen. Ihr Zustand verschlechtert sich immer mehr. Sie schaut sich ein Pflegeheim für Demenz-Patienten an. Tief erschüttert von der Vorstellung, dass so ihr weiteres Leben aussehen könnte, fasst sie einen rationalen Entschluss. Sie schreibt sich selbst eine Videobotschaft mit der genauen Anweisung für den Moment,  in dem sie ihren Zustand nicht mehr ertragen kann.
Das der Film in einem Privilegiertem Milieu angesiedelt ist, mag so manchem Zuschauer befremdlich aufstossen. Doch ihr intensives Spiel überschattet die eine oder andere Schwäche, die STILL ALICE fraglos hat.
Viermal war sie für den Oscar nominiert. Jetzt, mit 54 Jahren hat sie ihn endlich  bekommen!
Start: 05.03.2015

AMERICAN SNIPER

Schon als kleiner Junge wurde Chris Kyle von seinem bibeltreuen Vater an der Waffe ausgebildet. Der Junge liegt am Boden, das Gewehr fest in der Hand, den Blick auf die Zielscheibe gerichtet. Schuß! Daneben. Er setzt wieder an. Eine Schlange schlängelt sich durch das Unterholz. Schuß! Getroffen. „ Lebende Objekte treffe ich einfach besser“.
Der in Texas geborene Kyle  wurde zu einem gefeierten Kriegshelden. Ein gefeierter Scharfschütze, im Irak stationiert. Angeblich hat er während seiner Kampfeinsätze 160 Menschen getötet. Er liebte was er tat. „ Es ist meine Pflicht, das beste Land der Welt zu verteidigen“. Der in Texas geborene Kyle  ist die Hauptfigur in Clint Eastwoods Heldenepos American Sniper. Eigentlich wollte er Farmer werden, zog dann lieber als Rodeo-Cowboy von Ort zu Ort, bis er nach einem Besuch in einem Rekrutierungszentrum beschloss ein Navy Seal zu werden und so sein schiessfreudiges Hobby zum Beruf zu machen. 2003 wird er in den Irak geschickt. Mit stoischer Präzision berechnete er die Treffsicherheit der Kugel, die über Leben und Tod entschied. Es galt nicht nur sein Land zu verteidigen auch seine Kameraden verdienten den Schutz vor dem Feind. Eastwood zeigt die Iraker als folternden und mordenden Abschaum, der es nicht anders verdient. Fast gottesgleich erlebt der Sniper den Krieg von oben, auf Dächern  im heimtückischen Hinterhalt, den Blick konzentriert auf sein Visier gerichtet: Leb oder stirb! Die stärksten Szenen des Films sind die, wenn Kyle  in seinem Heimaturlaub nach Hause  kommt, sich im zivilen Leben nicht mehr zu recht findet und Frau und Kinder ihren Daddy nicht mehr wieder erkennen. Seine Frau ( grossartig Sienna Miller)setzt ihm in ihrer Verzweifelung, die Pistole auf die Brust. Entweder du verlässt die Armee oder ich und die Kinder sind weg. Zurück in der Zivilisation wird aus der Killermaschine ein traumatisiertes Opfer eines berüchtigten Krieges. Für ihn war es die schwerste Entscheidung seines Lebens. Er fühlte sich wertlos. Er gründete eine kleine Firma, hielt sich mit Sport fit und traf sich regelmäßig mit Veteranen. Er schrieb seine Autobiographie, die zu einem Bestseller wurde, trat in Talkshows auf. Er erfand Heldengeschichten von denen man bis heute nicht genau weiß, ob sie wahr oder seiner Phantasie entsprungen sind. Der Film endet wie in seinem wahren Leben. Im Februar 2013 erschoss ihn ein Kriegsveteran auf einem Schießstand. Er litt unter posttraumatischen Störungen. Erst vor einigen Tagen wurde ihm der Prozess gemacht. In Amerika hat American Sniper in kurzer Zeit bereits 400 Millionen Dollar eingespielt und ist somit einer der erfolgreichsten Kriegsfilme. Perfekt gemacht, mit einem Bradley Cooper, den man so noch nicht gesehen hat.
Die Amerikaner und ihre Leidenschaft für Waffen  ist für uns Europäer nicht nach zu vollziehen. T.C. Boyle bringt es auf den Punkt: „ Die USA sind eine vergleichsweise Junge Nation. Die Auswüchse dieses besonderen Pioniergeistes gedeihen bis heute. Greif mich nicht an. Ich bin mein eigner Herr. Ich brauche weder Regeln, noch eine Regierung. Konflikte? Lösen wir mit einer Waffe.
Der militärische Komplex, die Waffenhersteller und ihre Kriegstreiber sind in diesem Land so mächtig, dass es völlig egal ist, wer unter ihnen Präsident ist“.
Ein fragwürdiges Machwerk, welches für nachhaltigen Gesprächsstoff sorgt.
Start: 26.02.2015

WHIPLASH

Oh mein Gott! Von Ehrgeiz zerfressen hämmert der junge Andrew ( Miles Teller) auf sein Schlagzeug ein. Die Hände blutig, die Sticks blutverschmiert. Eine Leidenschaft, die Leiden schafft. Sein Ziel: Bester Jazz-Drummer von Amerika. Am New Yorker Elitekonservatorium trifft er auf den berüchtigten Lehrer Terence Fletcher ( J. K. Simmons, Oscargewinner für die beste männliche Nebenrolle 2015). Der erkennt sofort das Talent des Jungen. Fletchers Methoden  seine Schüler zu Höchstleistungen anzutreiben, erinnern fatal  an die sadistischen Methoden  des Ausbilders Sergeant Hartmann in „ Full Metal Jacket. Mit ähnlich militärischem Drill peinigt er seinen Schüler physisch und psychisch. Nicht den geringsten Fehler lässt er durchgehen. Regisseur Damien Chazelle  bringt ein nervenzereissenden Musikthriller auf die Leinwand, der einem den Atem stocken lässt. Das Ende ist phänomenal.
Der Puls steigt, die Knie weich: JAZZ IS ALIVE! Grandios.
Start: 19.02.2015

SELMA

Schon bei der ersten Szene hatte ich Tränen in den Augen. Sommer 1965.  Das Wahlrecht für Afroamerikaner wird in Teilen der amerikanischen Südstaaten ad absurdum geführt. Um überhaupt wählen zu können, muss ein Antrag mit systematisch ausgeklügelten Fragen ausgefüllt werden. Eine Frau macht sich auf den Weg mit ihrem sorgfältig ausgefüllten Antrag. Ein zynischer Behördenmitarbeiter quält die Frau mit schikanösen Extras  und zwingt sie bis zur Aufgabe.
Immer wieder verhandelt Martin Luther King mit Präsident Johnson um eine allgemeingültige Wahlrechtsreform. „ Sie haben ein Problem, ich habe 100derte“ so Johnson. King lässt sich nicht beirren. In friedlichen Zweierreihen marschieren schwarze Aktivisten über die Edmund Pettus Bridge(Benannt nach einem Anführer des Ku-Klux Klans). Versammelt haben sich die Demonstranten in dem Ort Selma. Ihr Ziel , Montgomery, die Hauptstadt des Bundesstaates Alabama. Am Ende der Brücke angekommen, werden sie schon erwartet. Unter der Führung des rassistischen  Sheriff Jim Clark, stürzt sich ein Trupp  behelmter Polizisten auf die unbewaffneten Demonstranten. Mit erhobenen Gummiknüppeln schlagen sie brutal zu. Es fliegen Tränengaspatronen, die Pferdestaffel prescht in die Menschenmenge. Es gibt unzählige Verletzte. Millionen von Amerikanern verfolgen das ungeheuerliche Blutbad vor ihren Fernsehgeräten. Einige Tage später machen sich die Menschen wieder auf den Weg. Diesmal unter der Führung Martin Luther Kings. Jetzt gibt der Sheriff wohl oder übel den Weg frei. Die Schwarzen auf der Brücke knien nieder, doch King befiehlt den Rückzug. Zwei Wochen später marschieren tausende Demonstranten los und erreichen die Stadt Montgomery. An ihrer Spitze Martin Luther King. Jetzt endlich hat Präsident Johnson  im Kongress eine Wahlrechtsreform durchgesetzt, die so genannten Civil Rights.
Es verwundert schon, dass es bisher Filme über Gandhi und MalcomX gibt und erst jetzt ein Biopic über den Bürgerrechtler King. Peinlich! Wer kennt ihn nicht den berühmten Satz: „I HAVE A DREAM!“ Einen Dank an die afroamerikanische  Regisseurin Ada DUVernay, die sich dieses beschämenden Themas der amerikanischen Geschichte angenommen hat.  Leider gibt es für diesen Oscarreifen Film nur 2 Nominierungen: Bester Film. Bester Originalsong. Und leider geht der Kampf gegen die Diskriminierung afroamerikanischer Bürger munter weiter. Die massiv rassistisch motivierte Polizeigewalt  gegen demonstrierende Farbige in Ferguson flimmerte erst vor kurzem über die Mattscheiben. Schauspieler David Oyelowo trifft das Timbre des echten Martin Luther King mit  erstaunlicher Präzision. In der Rolle Präsident Johnsons agiert der Engländer Tom Wilkinson. Auch OprahWinfrey liess es sich nicht nehmen, in die Rolle einer Aktivistin zu schlüpfen.
„King wurde am 15.Januar 1925 geboren.  Am 4.April 1968 wurde er auf dem Balkon des Lorraine Motels in Memphis erschossen. Als Täter wird der mehrfach vorbestrafte  James Earl Ray festgenommen und zu 99 Jahren Haft verurteilt. Kings Ehefrau Coretta, die Mutter seiner vier Kinder, führt vier Tage später den noch von ihm geplanten „ Poor People`s March“ durch Memphis. Am Tag darauf wird King in Atlanta beigesetzt.50.000 Trauernde folgen seinem Sarg“.
Start: 19.02.2015

 

VON MENSCHEN UND PFERDEN

Wie verrückt sind die denn?  In dem skurrilen isländischen Heimatfilm von Benedikt Erlingsson ( Regie, Buch) merkt man sofort wie er die Menschen und die Pferde seines Landes liebt. Ja, man kann sagen zwischen Mensch und Tier besteht so etwas wie eine  Seelenverwandtschaft. In grotesk anmutenden Episoden zeigt er eine ganz besondere Spezies Mensch. Da gibt es Vernhardur, der mit seinem Pferd zu einem russischen Schiff schwimmt, um hochprozentigen Wodka zu kaufen, ihn an Land dann leider wieder auskotzt.
Kolbeinn liebt Solveig und Solveig liebt Kolbeinn. Als der sich hoch zu Ross auf den Weg macht, seine Geliebte zu besuchen, haben die Dorfbewohner ein neugieriges Vergnügen daran, das Techtelmechtel mit ihren Ferngläsern zu beobachten. Grimur liebt es mit seinem Pferd die wilde Natur zu geniessen, gäbe es da nicht den gemeinen Egill, der eine Vorliebe für Stacheldrahtzäune hat. Muss man denn seine Stute erschiessen, nur weil sie von einem Hengst bestiegen wird, während der Reiter fest im Sattel sitzt?
Erlingssons Spielfilmdebüt zeichnet sich aus durch bizarre Landschaftsaufnahmen, einem Gespür für schrägen Humor und einer ganz besonderen Warmherzigkeit für seine Figuren.
Start: 12.02.2015

 

BIRDMAN  oder DIE UNVERHOFFTE MACHT DER AHNUNGSLOSIGKEIT

Mensch Michael! Keaton war mal Batman! Dann wurde es ruhiger um ihn. Jetzt ist Keaton Birdman! Aber nicht mehr lange! Der mexikanische Regisseur Alejandro Gonzàles Inarritu, bekannt für seine eher düsteren  Filme ( 21 Gramm, Biutiful, Babel, Amores Perros ) gab Keaton rotes Licht in dieser bitterbösen Mediensatire, in der Rolle des Riggan Thomas, zu brillieren. Die schräg inszenierte Tragikkomödie, angesiedelt im Theatermilieu, wechselt zwischen Fiktion und Realität. Thomas, kehrt nach  einer  längeren kreativen Pause zurück. Er inszeniert am Broadway ein Theaterstück von Raymond Carver und spielt selbst die Rolle eines in die Midlife-Crisis gekommenen Schauspielers. An seiner Seite Edward Norton, ein egozentrischer Konkurrent. Der macht sich in schamloser Manie über Alles und Jeden lustig. So mancher Hollywoodstar bekommt gehörig sein Fett weg. Diese vor Spott beißende Satire ist wie in einer einzigen Einstellung gedreht, ohne einen sichtbaren  Schnitt. Ein bisschen Klamauk ist auch dabei. Riggan raucht ne Zigarette, die Bühnentür schlägt zu. Nur mit einer Unterhose bekleidet, rennt der arme Kerl über den Times Square zurück zum Haupteingang. Und das life! Mit von der schrägen Partie, die wunderbare Emma Stone. Sie spielt die Tochter des abgehalfterten  Superhelden. Keaton, gerade ausgezeichnet mit dem Golden Globe, spielt die Rolle seines Lebens. Die Oscar-Nacht wird`s zeigen. Mit neun Nominierungen ist Birdman ein klarer Favorit……ach ja, da gibt es ja noch Boyhood……Von den Kritikern wird Birdman als einer der besten Filme dieses Jahres gehandelt und da schließe ich mich sang-und klanglos an. Hämmernde Trommelmusik gibt dem irrwitzigen Meisterwerk  den zusätzlichen Schliff.

Start:29.01.2015

 

Inherent Vice – Natürliche Mängel

Paul Thomas Anderson („There Will Be Blood“, „The Master“) traut sich, einen Roman des zum Kult arrivierten Autors Thomas Pynchon  „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ zu verfilmen. Eigentlich gelten seine Bücher für unverfilmbar. Joaquin Phoenix , abonniert für gestörte Typen, spielt einen total bekifften Privatdetektiv. In schmuddligen Hippieklamotten schlunzt er über die Leinwand. Ob er in dieser durchgeknallten Krimifarce einen Fall löst, ist ziemlich unwichtig. Begleitet wird er auf seinem fast surrealen Trip durch L.A. von jeder Menge schrägen Typen. Doc, wie er sich nennt , ermittelt für seine Ex, die voller Sorge um ihren Lover ist. Er ist ein jüdischer Immobilienhai, beschützt von Leibwächtern, die als Nazirocker daher kommen und dessen habgierige Ehefrau nicht ganz koscher ist. Das Leben wird ihm schwer gemacht  von einem knallharten Bullen, der Hippies hasst, wie die Pest. Zwischendrin wird er zusammen geschlagen, seine Karre wird zu Klump gefahren, er wird mit Handschellen gefesselt und die Liaison mit einer taffen Staatsanwältin (Reese Witherspoon) ist auch nicht ohne. Ansonsten tauchen jede Menge skurriler Figuren auf, so dass nicht nur der Zuschauer den Überblick verliert, auch der bekiffte Doc hat größte Mühe sich zurecht zu finden. Dank der Drogen behält er trotz aller Wirren eine ruhige Gelassenheit. Herrlich , wie Phoenix sich durch dieses Chaos bewegt. Herrlich die Ausstattung der Siebziger. Man fühlt sich in die verrückte  Zeit der „ Blumenkinder“ versetzt indem man noch einmal die Zeit der Hippies und ihrer damaligen Träume erlebt. Nun gut, ich räume ein: Das ist kein Film für Jedermann. Wer Spaß am durchgeknallten und verrücktem Irrsinn hat, dem macht der Film einen Heidenspaß. Vielleicht sollte man vorher auch ein Tütchen rauchen……

 

HÄRTE

Dieser Film ist die absolute Härte. Seine Premiere feierte Praunheims neuer Film auf der Berlinale 2015 in der Sektion Panorama. Es ist die ungeheuerliche Lebensgeschichte des Karateweltmeisters und brutalen Zuhälters Andreas Marquard. Als Kind von seiner Mutter! schamlos missbraucht, wurde er zu einem, ja man kann sagen üblen Schwein, der die Frauen, die für ihn auf den Strich gingen, wie den letzten Dreck behandelte. Auch vom Vater wurde er gedemütigt, stundenlang bei Eiseskälte auf den Balkon gesperrt und gerne als Puschmütze bezeichnet. Marquard, 1956 geboren, war ein international bekannter Kampfsport Champion. Als er herausfand, wie viel „Kohle“ man als Zuhälter scheffeln kann, ließ er die „Puppen“ zwei Jahrzehnte lang nach seiner brutalen Pfeife tanzen. Immer schön nach dem Motto: Zuckerbrot und Peitsche. Die Luden waren für ihn regelrechte Respektpersonen. Zerknautschte Geldscheine wurden akribisch glatt gebügelt. In der Schublade häuften sich sündhaft teure Uhren. Opa, der nichts Böses ahnte, war beeindruckt: „Wat der Junge anfasst, wird allet zu Jold.“ Er rutschte ab ins kriminelle Milieu und wanderte für acht  Jahre in den Knast. Wie ein Berserker kämpfte er während seiner Haftzeit um eine Therapie. Endlich schaffte er es, dass man ihn den erfahrenen Sozialpädagogen und Psychotherapeut Jürgen  Lemke beauftragte, sich  um Marquards Seelenheil zu kümmern. Heute unterrichtet er an einer Sportschule in Berlin Neukölln Jugendliche im fairen Kampfsport. Damals sah er in jeder Frau das Gesicht seiner verhassten Mutter. Dank Lemke, kann er heute vor Praunheims Kamera stehen und über sein ungeheuerliches Verhalten reflektieren. Hanno Koffler ( Freier Fall ) spielt den jungen Marquard mit einer unglaublichen Intensität. Seine widerliche Mutter wird Von Katy  Karrenbauer verkörpert, die in einer ihrer waghalsigsten Rolle zu sehen ist. Seine Freundin Marion, die jahrelang für ihn auf den Strich ging und seine psychische Folter ertrug,  wird von der ausdrucksstarken Luise Heyer  ( Jack) gespielt. Tagsüber arbeitete sie im Büro, abends gings dann auf den Strassenstrich  und Andy kassierte. „Süsse, du bist für mich wie`n Sechser im Lotto.“ Heute ist sie die Lebensgefährtin des inzwischen geläuterten Mannes, der mit einer fast charmanten Offenheit vor die Öffentlichkeit tritt. Wie kann es sein, dass eine junge Frau sich von einem Mann derartig demütigen und schlagen lässt…..“ Ich habe das alles ertragen, weil ich dich liebe“. Na, wenn`s dann so ist…..Ein Film über einen unglaublichen Wandel, der zu heftigen Diskussionen anregen wird.
HÄRTE – MEIN WEG AUS DEM TEUFELSKREIS DER GEWALT ( Autor Lemke , Marquard, Ullstein Verlag ) war die Vorlage für das Drehbuch .
Start: 16.04.2015

 

LERNTE DIE ZAHLEN ZU LIEBEN

Oliver Sechting und sein Freund Max Taubert machen sich auf den Weg nach New York. Voller Tatendrang wollen sie einen Film über New Yorker Künstler drehen.  Angekommen im Big Apple, kommt es anders als sie dachten. Es wird ein Film über Olivers unerträgliche Zwangsneurose, sein magisches Zahlensystem. Nicht ahnend , dass  es in New York ständig von Zahlen nur so wimmelt. Er steht vor einer Tür. Sein Blick fällt auf die Zahl 58.  Zufällig fährt ein Radfahrer vorbei, auf seinem Trikot die Zahl 9. Oliver bleibt wie angewurzelt steh`n. In seinem Kopf fängt es an zu arbeiten. 58 und 9. Für ihn eine Todeskombination. Sein Gehirn rattert. Er muss die Zahlen versuchen zu neutralisieren. Wenn es ihm nicht gelingt, die negativen Zahlen durch positive Zahlen zu ersetzen, verfällt er in panische Angst. Es folgt sein sozialer Tod, das heißt für ihn, er verliert alle sozialen Kontakte, das bedeutet Vereinsamung und Verelendung. Für Max keine leichte Situation. Olivers Krankheit verstärkt sich zusehends in der fremden, ungewohnten Stadt. Immer stärker macht sich Olivers Krankheit bemerkbar und wird somit immer mehr zum Mittelpunkt ihres ursprünglich gemeinsamen Films. Es sind nicht nur die Zahlen. Auch die Farbe Rot löst in seinem Hirn  Panik aus.
Was für ein Mut! Ohne Selbstmitleid gewährt der 37-jährige Oliver unfassbare Einblicke in seine Innenwelt. Auch Tom Tykwer , den die beiden in New York interviewen verrät seinen  heimlichen Zwang: Er  muss die Anzahl der Schritte festlegen, die er von der Tür zu einem Stuhl gehen darf. „ Etwa 3 Prozent der Bevölkerung leiden unter Zwangserkrankungen, aber nur jeder zehnte wird adäquat behandelt „ erklärt Eva Kischkel, Therapeutin in der Hochschulambulanz für Psychotherapie der Humboldt-Universität in Adlershof. Auch Sechting wurde jahrelang völlig falsch behandelt. Er bekam die Diagnose Schizophrenie und in dem Zusammenhang  ein Medikamentencocktail, der seine Symptome , statt zu lindern, verstärkte.  Jetzt endlich hat Sechting eine Therapeutin gefunden, bei der er zum ersten Mal in guten Händen ist. Wenn er nicht gerade vor einer Kamera steht, arbeitet Sechting als Sozialpädagoge im Lebensort Vielfalt . Er ist dort sehr beliebt. Auch die Freundschaft  zwischen Max und Oliver besteht weiterhin..  Als ich diesen bildhübschen Menschen auf der Leinwand sah, dachte ich, was für ein Glück, das er so aussieht, wie er aussieht.

 

IM KELLER

Es gibt Partykeller, Abstellkeller voller Gerümpel, Hauskeller mit Waschmaschinen, Gartengeräten.  Dann die üblere Version sowie Folterkeller, Keller des Missbrauchs , der Gewalt, des Versteckens. Für seinen neuen Film Im Keller hat sich der Österreicher Ulrich Seidel auf die Suche gemacht, Protagonisten zu finden, die bereit waren ihre ganz besonderen Keller zu zeigen und vor der Kamera keine Scheu hatten über ihre Vorlieben in diesen versteckten Räumlichkeiten zu plaudern. Da sieht man einen Mann, der seinen Keller dazu benutzt, Menschen das Schiessen bei zu bringen und laut und gerne Opernarien trällert. Einen Ehemann, der in seinem Keller einen besonderen Hort der Gemütlichkeit geschaffen hat. Umgeben von nationalsozialistischen Puppen und jede Menge Hitlerbildern, empfängt er seine gleich gesinnten Kumpanen, mit denen er seinem Hobby frönt, dem Spielen von Blasmusik. Widerlich! Dann sehen wir das Ehepaar Manfred und Inge Ellinger, deren Keller mit zahlreichen ausgestopften Jagdtrophäen bestückt ist. Wir erleben die spiessige Ehefrau  samt Ehemann, der ihr Sklave ist, genannt das Schwein und wenn er nicht folgsam genug ist, dann ab in den Folterkeller, wo sie ihm Gewichte an die Hoden hängt und der Olle vor Schmerzen stöhnt und jammert. „Danke Herrin“. Splitterfaser nackt, leckt er vor Seidels Kamera die Kloschüssel aus  und  noch so einige unappetitliche Dinge, die ich hier gar nicht wiedergeben möchte. Frank und frei berichtet eine ältere Frau  von ihren abartigen sexuellen Vorlieben, die Frau Sabine aus Wien, scheut sich nicht im Geringsten, nackt vor der Kamera zu posieren. Dann gibt es einen Mann, der voller Stolz berichtet, das die Weiber auf ihn steh`n, weil er er die seltene Gabe besitzt, beim Verkehr eine riesen Ladung Samen ab zu spritzen, der gegen die Scheidewände der Frauen klatscht. Oder die biedere Hausfrau, die heimlich in den Keller schlurft und ihre Puppen aus gestapelten Kartons holt und schwachsinnig mit ihnen spricht. Puppen, die aussehen, wie echte totgeborenen Babys. Widerlich! Ansonsten begegnet man noch einigen fetten Nutten, die ihrem Gewerbe in irgendwelchen Kellern nachgehen. Will man das sehen? Eigentlich nicht. Hier werden Menschen vorgeführt, besser gesagt, sie führen sich selber vor , denn sie wurden bestimmt nicht gegen ihren Willen vor die Kamera gezerrt. Ich war beim Zuschauen hin und her gerissen zwischen Mitleid  und Entsetzen , wurde unfreiwillig zum Voyeur degradiert und sah Menschen zu, mit denen man  außerhalb der Leinwand nichts zu tun haben möchte. Herr Seidel, muss das sein?

 

EINE TAUBE SITZT AUF EINEM ZWEIG UND DENKT ÜBER DAS LEBEN NACH

Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach. Was für ein niedlicher Titel. Vielleicht ein Film über das beschwerliche Leben einer Großstadttaube. Nein, weit gefehlt. Es handelt sich um den letzten Teil einer Trilogie des schwedischen Regisseurs Roy Andersson. In jahrelanger Arbeit schuf er in seinem Studio 24 ein beeindruckendes Setting  an Räumlichkeit, in denen sich seine skurril benehmenden Protagonisten vor einer starren Kamera bewegen und artikulieren. Dafür erhielt er den goldenen Löwen in Venedig. Gratulation! Er entführt uns in eine grau-beigefarbene Welt von Traurigkeit, Macht und Ohnmacht. Seine Bildsprache erinnert an die Bilder Edward Hoppers. Die Gesichter dieser schlafwandlerischen Existenzen, bleich und pudrig geschminkt, wie mit Mehl bestäubt, erinnern in ihrer lethargischen Haltung an Zombies, denen jegliche Freuden abhanden gekommen ist. Zusammen gehalten werden die einzelnen Szenen von zwei Scherzartikelverkäufern, Sam und Jonathan, zwei glücklose Kreaturen, die Spaß verkaufen wollen und müssen, denn eigentlich sind sie pleite. Im Gepäck Vampirzähne, Lachsäcke und  eine grotesk anmutende Monstermaske. Ein erbärmliches Unterfangen. Sie nehmen uns mit auf eine Reise der unterschiedlichsten Begegnungen in einer beinahe unwirklichen Welt. Es sind Szenen wie aus dem absurden Theater, Episoden, wie sie das Leben nun mal schreibt. Eine nachdenklich stimmende cineastische Geisterbahnfahrt. In diesem gerade begonnenen Jahr, mein bisheriger Lieblingsfilm.

 

 

UNBROKEN

Als Angelina Jolie  ihr Regiedebut IN THE LAND OF BLOOD AND HONEY  2012 auf der Berlinale vorstellte, bediente sie eher den europäischen Markt. Das kann man von UNBROKEN nun nicht mehr behaupten. Ihr zweiter Film tropft nur so von Patriotismus. Es ist die wahre Geschichte des Louis Zamperini, 1917 als Sohn italienischer Einwanderer in den USA geboren. Als Schüler , verhöhnt und verspottet, widmet er sich dem Boxtraining. Auf Anraten seines älteren Bruders, tritt er in das Leichtathletik-Team seiner Schule ein. Das macht sich für Zamperini durchaus bezahlt. Verbissen qualifiziert er sich für die Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin. Als jüngster Teilnehmer beim 5000 Meter-Lauf, rennt er als achter durchs Ziel. Adolf Hitler gratuliert ihm höchstpersönlich. Zurück in den USA, landet er bei der Air Force. Sein Flugzeug stürzt in den Pazifischen Ozean. Er und zwei seiner Kameraden können sich retten und treiben 47 Tage in einem Schlauchboot auf dem Meer herum. Brennende Sonne, Hunger, Durst, Haie. Parole: Halte durch, dann kommst du durch! Völlig erschöpft treibt das Boot auf die Marshall Inseln zu. Von japanischen Truppen werden sie in Gefangenschaft genommen. Ausgerechnet Zamperini wird das Opfer eines japanischen Lagerkommandanten von androgyner Schönheit. Er übersteht  Folter, beschämende Demütigungen und Zwangsarbeit der übelsten Art. Watanabe ( Miyavi ) zwingt die amerikanischen Mitgefangenen Zamperini ( Jack O´Conell) mit der Faust ins Gesicht zu schlagen. Er muss einen schweren Holzbalken stundenlang mit erhobenen Armen halten. Sollte er versagen, droht Watanabe mit sofortiger Erschießung. Die Kamera immer ganz dicht dabei. Bei der Pressekonferenz behauptete Frau Jolie, dass die sadistischen Oualen, die er erleiden musste, noch weitaus schlimmer waren, als die, die sie in ihrem Film zeigt. Ich habe lange überlegt, warum ausgerechnet er. Es kann eigentlich nur eine homoerotische Motivation des Lagerkommandanten zu diesen Quälereien dahinter stecken. Frei nach dem Motto: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Und diese unerfüllte Obsession  entlud sich in puren Hass. Leider kam es nicht mehr dazu, diese Frage an Angelina Jolie zu richten. By the way, alle Schauspieler sind bildschön und können jeden Modelcast bestehen. Was der Film nicht mehr zeigt: Zamperini litt nach seiner Heimkehr jahrelang unter seelischen Qualen Mit Hilfe des Predigers Billy Graham fand er die Kraft nach Japan zu reisen , um zu vergeben. Fazit: Ein durch und durch amerikanisches Heldenepos. Herstellungskosten 65 Millionen Dollar, bis jetzt eingespielt über 100 Millionen und das bei einem US-Start in der Weihnachtszeit. Der tapfere Kriegsveteran Louis Zamperini starb im letzten Sommer im Alter von 97 Jahren.

–Start: 15.01.2015

 

DER GROßE TRIP – WILD

Erst Harpe Kerkeling, dann Cheryl Strayed! Beide packten ihren Rucksack und begaben sich auf eine tagelange Wanderschaft und machten einen Bestseller daraus. Er auf dem berühmten Jacobsweg, sie auf dem Pacific Crest Trail der durch eine endlose, einsame Wildnis im Westen der USA führt. Reese Witherspoon kümmerte sich mit ihrer Produktionsfirma um die Filmrechte und machte sich höchst persönlich auf diese beschwerliche Tour und schlüpft somit in die Rolle der Cheryl. Oh mein Gott, was für ein Abenteuer. Keine Ahnung was für ein kräftezehrendes Martyrium auf sie zukommt. Der Rucksack viel zu groß, voll gepackt bis oben hin. Die kleine schmächtige Person kann das sperrige Ding kaum tragen. Egal, bloß weg. Der Weg ist das Ziel. Der plötzliche Krebstod ihrer heiß geliebten Mutter ist zu viel an Schmerz.. Auch sonst war ihr Leben nicht gerade rosig. Ihr Vater, ein zur Gewalt neigender Alkoholiker, verließ die Familie. Ihre eigene Ehe ging in die Brüche, sie rutschte ab in Drogenkonsum und Prostitution. Nicht gerade das, was man sich als kleines Mädchen wünscht. In kurzen Rückblenden erfährt man ihr Schicksal und begreift, warum sie diesen beschwerlichen Selbstfindungstrip auf sich nimmt. Als Zuschauer leidet man förmlich mit. Man meint die körperlichen Schmerzen zu fühlen, wenn sie mit blutenden Füßen tapfer weiter läuft. Drei Monate dauert diese Trekkingtour. Hitze, Hunger , Durst sind ihre „ Begleiter“. Drehbuchautor Nick Hornby, dessen Handschrift schon für den wunderbaren Film „An Education“ verantwortlich war, schrieb auch hier das kitschfreie Drehbuch. Jean – Marc Vallée, führte schon in „Dallas Buyers Club“ seine Schauspieler hervorragend, treibt auch hier Reese Witherspoon zu einer außerordentlichen  Höchstleistung an. Nicht nur Ihr Rucksack wird immer leichter, auch ihre angeknackste Seele findet wieder ihr Gleichgewicht.
„Ich würde noch mal alles so machen in meinem Leben“. Das sind die letzten Worte der Cheryl Strayed bevor der Vorhang fällt. Die beeindruckenden Landschaftsaufnahmen erinnern stark an Sean Penns Wildnis Abenteuer „ Into the Wild“.

Start: 15.01.2015

 

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PADDINGTON


Die beliebte Kinderbuchfigur, der kleine Bär Paddington, erobert jetzt auch die große Kinoleinwand. Weil es in seiner Heimat, dem „finsteren Peru“, ein starkes Erdbeben gab, und einige seiner Angehörigen umgekommen sind, macht sich der Kleine mutterseelenallein auf den Weg nach London. „ Bitte kümmern Sie sich um diesen Bären“. Fürsorglich hängt seine zurückbleibende alte Tante ihm ein Schild um den Hals. Es ist nicht der Honig, den der kleine drollige Bär am liebsten mag, nein es ist die köstliche englische Orangenmarmelade. Und so packt er sein Köfferchen voll mit Marmeladengläsern und macht sich als blinder Passagier auf nach England.

Er schafft es bis zur U-Bahnstation Paddington. Die Menschen hasten an ihm vorbei und niemand kümmert sich um ihn. Doch da . . . eine Familie wird auf ihn aufmerksam und nimmt ihn erst mal mit nach Hause. Und weil sie seine Bärensprache nicht sofort verstehen, geben sie ihm den Namen Paddington. Nun kann man sich vorstellen, dass so ein Bär, der aus der freien Wildbahn kommt, es gar nicht leicht hat, sich der städtischen Zivilisation anzupassen. Und dann gibt es da ja auch noch die böse Tierpräparatorin Millicent, die Jagd auf ihn macht.

Den kleinen Kerl mit seinem roten Hut, seinem blauen Dufflecoat und seinem Köfferchen zu begleiten, macht einen Riesenspaß. Oma und Opa, Mutti und Vati und natürlich die lieben Kleinen . . . garantiert langweilt sich keiner. Ganz nebenbei schafft Paddington es mit seiner Anwesenheit in der Familie Brown, dem eingefahrenen Alltag wieder neuen Schwung zu verleihen. Auch eventuell verschüttete Toleranz wird wieder zum Leben erweckt. Paddington ist zum knuddeln süß!
Mit Hugh Bonneville, Sally Hawkins und Nicole Kidman ist dieser „ Mix aus Real-und Animationsfilm“ auch noch prima besetzt.

 

DIE ENTDECKUNG DER UNENDLICHKEIT

 

Stephen Hawking ist ein Student wie so viele andere auch. Ein bisschen linkisch, ein bisschen schüchtern. An der renommierten Cambridge University befasst sich dieser hoch intelligente junge Mann mit Naturwissenschaften und Physik. Ganz besonders interessiert er sich für das Phänomen der Zeit und dem Ursprung des Universums. Auf einer Tanzveranstaltung lernt er die junge Studentin Jane Wilde kennen. Beide verlieben sich ineinander.

Stephen läuft über den Campus, taumelt, stürzt, knallt mit dem Kopf auf den Boden. Im Krankenhaus lautet die Diagnose ALS = Amytrophe Lateralsklerose. Eine üble Nervenkrankheit. Die Signale zwischen Hirn und Muskeln werden nach und nach unterbrochen. Die Muskeln werden schwächer und schwächer, bis zur völligen Lähmung. Nur das Hirn bleibt intakt. Die Ärzte sprechen von einer Lebenszeit, nicht länger als zwei Jahre. Wieder zu Hause, bekommt Stephen einen verzweifelten Weinkrampf, glaubt er doch, dass sich seine Freundin unter diesen Voraussetzungen von ihm trennen wird. Doch die junge Jane hält zu ihm, die beiden heiraten und sie bekommen drei gesunde Kinder. Regisseur James Marsh legt in diesem Biopic sein Augenmerk auf diese unglaubliche Liebesgeschichte. 25 Jahre hält diese ungewöhnliche Ehe. Der Zuschauer erlebt ein bewegendes Drama über einen brillanten Mann und einer tapferen Frau, die es über einen derart langen Zeitraum schafft, ihm liebevoll zur Seite zu stehen. Wer kennt ihn nicht, diesen schmächtigen Mann, der krumm und schief in seinem Rollstuhl hockt, die Sprache verloren hat und trotz dieses furchtbaren Gebrechens zu einer Geistesgröße aufgestiegen ist. Sein Bestseller, Eine kurze Geschichte der Zeit, wurde weltweit millionenfach verkauft.

Wie das Schicksal so spielt, verliebt sich Jane in den Kirchenchorleiter des Ortes. Er geht bei der Familie ein und aus und hilft auf rührend einfühlsame Weise, als Hawkings Krankheitszustand sich immer mehr verschlechtert. Auch Hawking verliebt sich noch einmal. Elaine, eine flotte rothaarige, humorvolle Pflegerin hilft ihm den Sprachcomputer zu bedienen. Sie ist mit ein Grund für die endgültige Trennung.

Eddie Redmayne spielt die Rolle dieses geistreichen „Krüppels“ mit einer solchen Intensität, die einen nach kurzer Zeit vergessen lässt, dass da ein Schauspieler agiert. Wenn man bedenkt, dass , die einzelnen Szenen nicht mit einer Klappe im Kasten sind, sondern  einige Male wiederholt werden und er immer wieder diese verkrümmte Haltung bis in die Fingerspitzen einnehmen muss,  den  Kopf verdreht ans Polster gelehnt, was für eine Konzentration! Humor und eiserne Willenskraft sind Hawkings Waffe, sich von der Krankheit nicht unterkriegen zu lassen. Auch die Rolle der Jane, gespielt von Felicity Jones verlangt schauspielerisches Können. Ehefrau, Mutter, Pflegerin in einer Familie, in die man nicht unbedingt tauschen möchte.“ Ich liebe ihn und er mich, das ist die Antwort eines jungen Mädchens, als Stephens Vater ihr nach der Diagnose nahe legt, sich zu trennen.

 

DAS VERSCHWINDEN DER ELEANOR RIGBY

 

Was für ein fröhliches Paar! Eleanor und Conor. Wir erleben die beiden beim Zechprellen und unbeschwerten Herumtollen im Park . . . Schnitt. Eleanor Rigby stellt ihr Fahrrad ab, springt von der Brücke in den reißenden Fluss. Schnitt. Eleanor im Krankenhaus. Sie wird entlassen und kehrt heim in ihr Elternhaus.

Regisseur Ned Benson`s Kinodebut erzählt die Geschichte des Paares ursprünglich aus zwei Perspektiven in einem Doublefeature: The Disapperance of Eleanor Rigby: Him und The Disapperance of Eleanor Rigby: Her. Was wir jetzt im Kino sehen ist der Zusammenschnitt beider Filme.

Was ist passiert…..Conor und Eleanor haben ihr Baby verloren. Beide trauern auf unterschiedliche Art. Eleanor sucht Schutz in ihrem Elternhaus. Ihre Mutter (Isabelle Huppert), rotweintrinkend und kettenrauchend, verkörpert die typische Französin. Sie quält ihre Tochter nicht mit bohrenden Fragen, der Vater (William Hurt) leidet still. Eleanor beschließt, ihr Studium wieder aufzunehmen. Conor betreibt ein Restaurant, was aber nicht so gut läuft. Auch er zieht für eine Weile wieder bei seinem Vater ein. Für Conor ist Eleanor wie vom Erdboden verschluckt. Die ungeheure Last ihrer persönlichen Tragödie führt zu einer bitter-traurigen Kommunikationslosigkeit, da die Trauer zwischen Mann und Frau total unterschiedlich ist. Sie wissen einfach nicht mehr, wie sie miteinander sprechen sollen. Conors hilflose Versuche, Eleanor aufzuspüren, veranlassen Eleanor sich immer weiter zu entfernen. Sie versucht loszulassen, er läuft ihr hinterher, sie läuft vor ihm weg. Später gesteht sie ihm: Ich war auf diese Gefühle nicht vorbereitet. Eine der berührenden Szenen ist, als ihr Vater eine Begebenheit aus ihrer Kindheit erzählt.

Es ist diese verdammte Sprachlosigkeit, die das Zusammenleben zwischen Menschen oft so schwierig macht und dadurch zu ungewollten Missverständnissen führt. Die großartige Jessica Chastain verkörpert die Rolle der Eleanor auf so zerbrechliche Art und Weise, dass einem die Tränen in den Augen stehen. Auch mit der Wahl des Schauspielers James Mcavoy hat Benson einen guten Griff getan. Man glaubt es kaum, dass der 2013 in Drecksau einen widerlichen Fiesling so überzeugend gespielt hat, dass einem fast übel wurde. Ob beide es schaffen, sich wieder in eine gemeinsame Richtung zu bewegen, soll hier nicht verraten werden. All the lonely people, where do they all belong . . . der Song der Beatles kommt nicht einmal vor aber  die bittere  Traurigkeit und Einsamkeit dieses Liedes  Eleanor Rigby ist  in fast jeder Szene dieses behutsam inszenierten  Films über eine verlorene Liebe spürbar. Wie sagt ihr Vater an einer Stelle: Tragödien sind wie fremde Länder. Wir wissen nicht, wie man mit den Einheimischen spricht. Benson: Jeder will helfen, aber niemand hat letztlich die geeigneten Mittel dazu.

 

DRAGAN WENDE-WEST BERLIN

Arschloch oder Unikum? Ick entscheide ma für Unikum. Dragon Wende, Sohn jugoslawischer Gastarbeiter, hat sich im alten West-Berlin so richtig wohljefühlt. Der Kleenkriminelle Barmann und Türsteher konnte mit seinem jugoslawischen Pass munter zwischen Ost – und Westberlin hin und her pendeln. Die Taschen voller Westjeld war der kleene Mann der King im Osten. Nebenbei wurde so manchet krumme Jeschäft jetätigt. Als de Mauer fiel war det der absolute Hasstag für Dragan und seine Kumpel. Die anjesagten Diskotheken seines Freundes Rolf, der olle Eden, machten nach und nach dicht. Also konnte Dragon keene grosse Lippe mehr riskieren.

Sein Neffe, der Kameramann Vuk  Maksimomovic hat seinen verbitterten Onkel mit der Kamera begleitet. Herausjekommen is det Porträt eines Mannes, der über det alte Westberlin berichtet, mal urkomisch, mal bitter enttäuscht. Sein Zuhause ist am Ku-Damm , wo er in eener kleenen Wohnung haust und seine Freund empfängt, die  ooch  sone bizarren Typen sind, die sich im alten Westberlin zuhauf tummelten.

 

NIGHTCRAWLER

Man nennt sie Nightcrawler. Nacht für Nacht sind sie unterwegs. Immer auf der Jagd. Autounfälle, Messerstechereien, Morde. Je blutrünstiger, desto interessanter. Die Konkurrenz schläft nicht. Man muss liefern. Filme und Fotos werden für viel Geld an die Nachrichtenstationen verkauft. Alles muss rasend schnell passieren.

Louis Bloom ( Jake Gyllenhaal ) verlässt seine spartanische Behausung. Treibt sich herum, verschafft sich Zugang auf ein verbotenes Gelände . . . Ein ganz und gar nicht zimperlicher Wachmann verweist ihn des Grundstücks. Da fällt Louis Blick auf dessen teure Uhr. Er schlägt ihn zu Boden und die Uhr wechselt den Besitzer. Ziellos treibt er durch die Nacht. Wird Zeuge eines Unfalls, schnüffelt am Unfallort herum, beobachtet die Crawler und weiß genau, was er in Zukunft zu tun hat. Die Faszination von Blut und Tod in den nächtlichen Straßen von L.A. lässt ihn nicht mehr los. Akribisch bereitet er sich vor. Von dem ersten Geld tauscht er seine alte Karre in ein Luxusauto. Sein Equipment wird professionell. Er stellt einen Beifahrer ein.

Gyllenhaal hat sich für diese Rolle optisch total verändert. 15 Kilo abgenommen, die Haare streng zurück gekämmt, das Gesicht abgemagert. Seine Körpersprache ähnelt der eines Wolfes. Immer auf der Lauer. Großartig! Er umgarnt die Chefin einer Nachrichtenagentur derart hinterlistig charmant, dass einem fast übel wird. Er schafft, es die Karriereleiter immer höher zu klettern, Nina, die Chefin kann es kaum erwarten sein Material zu sichten. Immer näher geht er an die Opfer heran, je blutrünstiger sein Material, desto besser. Seine Vorgehensweise nimmt immer stärkere psychopathische Züge an. Er geht buchstäblich über Leichen. Für ihn hat es sich gelohnt. Seine Konkurrenten hat er ausgeschaltet. Das Spiel mit den niederen Instinkten, dem skrupellosen Voyeurismus, der Gier nach Geld und Ruhm hat er blendend unter Kontrolle. Ein Selfmademan par exellance.

Ein umwerfender Mix aus Psychokrimi und Satire!

 

ICH.DARF.NICHT. SCHLAFEN.

Alle Erinnerungen sind gelöscht. Vor zwanzig Jahren hatte Christine (Nicole Kidman) einen Autounfall. Seitdem wacht sie jeden Morgen panisch auf. Sie schaut in den Spiegel, erkennt sich nicht. Wer ist der Mann neben ihr im Bett? Geduldig erklärt ihr Ben Lucas (Colin Firth) jeden Tag aufs Neue, er sei ihr Ehemann und dass sie an einer schweren Amnesie leide und Nacht für Nacht alles über sich und ihr damaliges Leben vergisst. Dr. Nash (Mark Strong) ein Neurologe nimmt sich ihrer an und therapiert sie heimlich hinter dem Rücken ihres Mannes. Doch wie kann man einem Menschen trauen, wenn man nicht weiß, wer er ist. Wie lebt es sich, wenn die Erinnerung gelöscht ist? Der anfänglich spannende Thriller, kammerspielartig inszeniert, geht auf derart existentielle Momente so gut wie gar nicht ein. Das Ende wird kitschig und ein horrormäßiges Blutbad hätte man sich schenken können. Ich hätte mir eine Schauspielerin gewünscht, deren Mimik dem Spiel mehr Ausdruck verliehen hätte.

Dennoch gelingen Regisseur Rowan  Joffé   spannende Momente, aber insgesamt bleibt die konstruierte Geschichte zu vage und schrammt an einem intelligenten Thriller vorbei.

 

GET ON UP

Ach waren das noch Zeiten, als man auf die Tanzfläche raste. Little Richard, Bill Haley( Rock Around The Clock), und natürlich James Brown( Sex Machine). Das war Rock and Roll pur. Brown, einer der größten Performer seiner Zeit galt als Vorbild für so einige Gruppen, die es ohne ihn vielleicht nicht gegeben hätte. So liegt es auf der Hand, dass Mick Jagger einen Spielfilm über dieses Musikgenie produziert hat. Trotz einer erbärmlichen Kindheit, schafft er es mit eiserner Disziplin zum „ Godfather of Soul“ zu werden. In frühster Kindheit von der Mutter verlassen, blieb der kleine Junge bei dem Prügelnden Vater zurück, gezeichnet von bitterer Armut. Lange hält er es nicht aus, geht zu seiner Tante, die ein lukratives Bordell führt. Als er im Gefängnis landet, trifft er auf den Gospelsänger Bobby Bird. Der erkennt sein Gesangstalent und bestärkt den jungen James nach seiner Entlassung unbedingt eine Musikerkarriere an zu streben. Der Film zeigt seine triumphalen Erfolge, sowie die bittere Wahrheit seiner Drogensucht und Gewalttätigkeit. Es wundert nicht, denn die grausame Kindheit hinterlässt ihre Spuren. Legendär sein friedenstiftendes Konzert am 05.April 1968 in Boston, nach der Ermordung Martin Luther Kings. Die Atmosphäre stand auf Messer`s Schneide. Dank Brown`s Besonnenheit kam es nicht zur Eskalation. Gott sei Dank konzentriert sich die Story überwiegend auf seine spektakulären Auftritte mit seiner Band und rückt seine Persönlichkeit als Entertainer in den Vordergrund.

Chadwick Bosemann`s Performance als James Brown ist genial. Er erweckt James Brown buchstäblich zum Leben. Wer den ekstatischen Sänger nicht kennt, versteht nach diesem Film, warum er eine Legende ist. Unbedingt die Originalfassung anschauen. Musikalisch ein Knaller!

JACK

Jack ist zehn Jahre alt. Er macht den Haushalt, kümmert sich um seinen kleinen Bruder, macht das Essen, geht zur Schule. Sanna, seine Mutter ist jung, sehr jung. Sie meint es gut mit ihren Kindern. Sie ist überfordert, mit sich selbst beschäftigt, begreift nicht, was sie tut. Jack landet im Heim. Endlich Ferien. Voll freudiger Erwartung packt er seine Sachen. Gleich kommt die Mutter und holt ihn. Sie kommt nicht und ist auch nicht zu Hause. Mit seinem kleinen Bruder durchstreift er die Stadt und sucht nach seiner Mutter. Ohne Geld und ohne Essen. Tagelang ziehen beide durch die Stadt, auf den Spuren der Mutter. Sie laufen und laufen . . .

Auch hier muss man den Castern und dem Regisseur Edward Berger ein großes Lob aussprechen. Mit Ivo Pietzcker, 2002 in Berlin geboren, haben sie einen Darsteller gefunden, der den Film von der ersten bis zur letzten Minute trägt. Er steht zum ersten Mal vor einer Kamera. Auch dieses Gesicht wird man nicht so schnell vergessen. Seine Ernsthaftigkeit, Verletzlichkeit, Traurigkeit, kurz unterbrochen von Momenten der Freude, spiegeln sich großartig in seiner Mimik wieder.
Vorwurf einiger Kritiker, es wird endlos lang gezeigt, wie die Brüder durch die Stadt irren. Gerade das berührt, der Kleine an der Hand des Großen, müde und erschöpft, ein Nachtlager suchend, hungrig. Dank der beiden Kinder, auch der Kleine spielt sehr berührend, ist dieser Film durchaus sehenswert.

Ulrike Schirm

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